Rezension

Andreas Kriege-Steffen: Das Stadtbild und die Idee der Stadt in den städtebaulichen Diskursen der Nachkriegszeit. Der 1952 veranstaltete Wettbewerb für die städtebauliche und architektonische Gestaltung des Zentrums und der Ost-West-Magistrale in Dresden, Dresden: Thelem 2020, 227 S., ISBN 978-3-95908-506-9, 49.80 EUR
Buchcover von Das Stadtbild und die Idee der Stadt in den städtebaulichen Diskursen der Nachkriegszeit
rezensiert von Anna Brettl, Institut für Kunstgeschichte, Bauforschung und Denkmalpflege, Technische Universität, Wien

Obwohl die Wiederaufbauplanungen für Dresden bereits umfangreich erforscht sind, liefert Andreas Kriege-Steffen mit seiner 2019 an der TU Dresden verteidigten und gering überarbeiteten Dissertation "Das Stadtbild und die Idee der Stadt in den städtebaulichen Diskursen der Nachkriegszeit" weitere Erkenntnisse zur Neukonzeption nach 1945. Anhand von drei Hauptkapiteln sowie einer Einleitung und einem Fazit setzt sich der Autor mit den Umstrukturierungen der städtebaulichen Planung nach 1949 beziehungsweise den daraus resultierenden Einflüssen auf Dresden auseinander und befasst sich anschließend mit dem Wettbewerb zur Zentrumsgestaltung. Inhaltlich baut das Werk insbesondere auf einige richtungsweisende Sekundärliteratur der 1990er Jahre zur DDR-Planung auf. [1] Aber auch neuere Literatur findet darin Berücksichtigung. Diese wird zusätzlich mit detaillierter Quellenrecherche aus Berliner und Dresdner Archiven und zahlreichen Bild- und Planquellen ergänzt. Außerdem wurden die Nachlässe von Herbert Schneider, Kurt W. Leucht und Wolfgang Rauda für die Forschung herangezogen. Kriege-Steffen selbst ist mit den Wiederaufbauplanungen in Dresden bestens vertraut, denn bereits im Zuge seiner Masterarbeit beschäftigte er sich mit dem Baustil der "nationalen Tradition" und dem Entwurf der Westseite des Dresdner Altmarktes aus dem Jahr 1952. [2]

Das erste Kapitel gibt einen Überblick zu städtebaulichen Wiederaufbauplanungen nach Katastrophen, wie etwa infolge der Stadtbrände von Dresden 1491 oder London 1666. So ist es wenig verwunderlich, dass nach großflächigen Zerstörungen oftmals Verbesserungen in der Stadtstruktur getätigt wurden (32). Aber auch Eingriffe wie Straßendurchbrüche führten zu Veränderungen der Stadtmorphologie - solche Überlegungen gab es für Dresden bereits in den 1920/30er Jahren; Ansätze davon wurden nach dem Zweiten Weltkrieg aufgegriffen (37). Doch wie unterschieden sich die Wiederaufbaupläne zwischen der BRD und der DDR? Kriege-Steffen erläutert, dass sich diese zu einem symbolisch ausgetragenen "Machtkampf zwischen der Sowjetunion und den westlichen Alliierten" entwickelten, wodurch eine "Überlegenheit des Sozialismus über den von Amerika geprägten und importierten 'Imperialismus'" von sozialistischen Städten demonstriert werden sollte. (42) Hierbei fungierten die Architektur und der Städtebau als Ausdrucksmittel des Ost-West-Konfliktes, denn der Baustil der "nationalen Bautradition" distanzierte sich von der architektonischen Moderne und dem Bauhaus. (45)

Nach der Auseinandersetzung mit den Begriffen Stadtbild und der Idee der Stadt, bei denen Theorien von Kevin Lynch oder Aldo Rossi herangezogen werden, geht der Autor im zweiten Kapitel auf die Bedeutung dieser Begriffe beim Wiederaufbau ein, denn das Selbstbild Dresdens als Kunst- und Kulturstadt blieb auch nach der Zerstörung im kollektiven Gedächtnis bestehen (75-80). Die Aufrechterhaltung dieses "Mythos Dresden" hielt man auch in den 1950 beschlossenen "16 Grundsätzen des Städtebaus" fest. Die Inhalte erstreckten sich von der Bebauungshöhe der Zentren und über die Größe des Zentralen Platzes bis hin zur Breite der Magistrale. Zudem wurde in den Grundsätzen festgehalten, das historische Stadtbild mit seinen signifikanten Denkmälern zu berücksichtigen (89-92).

Der 1952 veranstaltete Wettbewerb zur Gestaltung des Zentralen Platzes (Altmarkt) und der Magistrale ist das Kernthema des letzten Abschnittes. Insbesondere der Altmarkt gewann in der DDR an Bedeutung, denn dieser sollte als Demonstrationsplatz genutzt werden und deswegen war eine räumliche Erweiterung notwendig (126). Außerdem plante man, dass der Altmarkt von repräsentativen Wohn- und Geschäftsbauten im Stil der "nationalen Bautradition" umgeben sein sollte - dieses Kriterium stellte sich als Herausforderung dar, da die Beteiligten mit der Architektur Dresdens vor 1945 vertraut waren und diese auch die Neugestaltung beeinflusste (157). Der interessanteste Teil der Arbeit ist die Auseinandersetzung mit den vier Wettbewerbsbeiträgen zur Zentrumsgestaltung, denn aus der einst mittelalterlichen Stadtstruktur sollte eine sozialistische Großstadt entstehen. Kriege-Steffen stellt die Beiträge einander gegenüber und erläutert ihre Gemeinsamkeiten und Unterschiede. Hierbei geht hervor, dass alle Beteiligten den Altmarkt kleiner konzipierten, als es ursprünglich in der Ausschreibung angedacht war, und sich an seiner historischen Größe orientierten. Folgt man den Untersuchungen, so unterschieden sich die Beiträge der Kollektive von Herbert Schneider und Johannes Rascher in Bezug auf ihre Geschosshöhe und die Fassadengliederung deutlich von den Entwürfen von Wolfgang Rauda und Kurt Bärbig. Differenzen gab es auch in Bezug auf die städtebauliche Ausformulierung, denn Schneider und Rascher wählten einen großstädtischen Maßstab ähnlich der Stalinallee in Berlin, während Rauda und Bärbig an der mittelalterlichen Stadtstruktur festhielten (170-172). Bei der Fassadengestaltung nahmen sich die Kollektive Schneider, Rauda und Bärbig überlieferte Fassaden vor 1945 zum Vorbild und adaptieren diese. Einzig Rascher hatte eine andere Herangehensweise, denn seine Ausformulierung war durch Elemente des Barocks und der Renaissance gekennzeichnet und somit der "nationalen Bautradition" angepasst (176-186). Die Erweiterung des Altmarktes war aber weiterhin umstritten. Schlussendlich griff die Parteispitze unter Protesten in die Entwürfe ein. Das hatte zur Folge, dass der Altmarkt als auch die Magistrale vergrößert wurden und somit nicht mehr der historischen Stadtstruktur folgten (194-199). Abschließend wirft der Autor einen Blick auf die weiteren Entwicklungen der Zentrumsbebauung in Dresden. Leider ist dieser Teil der Arbeit sehr kurz ausgeführt und die Auseinandersetzung endet abrupt. Auch der weiteren Bebauung des Altmarktes nach 1989 und dem Umgang mit dem architektonischen Erbe der DDR wird in diesem Zusammenhang nur marginal Beachtung geschenkt.

Insgesamt handelt es sich bei der Publikation um ein wichtiges Puzzlestück zur Wiederaufbaugeschichte Dresdens. Das Werk kann aufgrund der intensiven Auseinandersetzung mit der DDR-Planungsgeschichte und vor allem wegen der genauen Betrachtung der Wettbewerbsentwürfe als Fortführung der Publikationen aus den 1990er Jahren gesehen werden und ist für die Erforschung der Nachkriegsarchitektur in Dresden nicht mehr wegzudenken.


Anmerkungen:

[1] Vgl. Matthias Lern: Abschied vom alten Dresden. Verluste historischer Bausubstanz nach 1945, Leipzig 1993; Werner Durth / Jörn Düwel / Niels Gutschow (Hgg.): Architektur und Städtebau der DDR, Bd. 2: Aufbau, Städte, Themen, Dokumente, 2. Aufl., Frankfurt am Main 1999; Ralf Koch: Leipzig und Dresden. Städte des Wiederaufbaus in Sachsen. Stadtplanung, Architektur, Architekten 1945-55, Dissertation, Universität Leipzig 1999.

[2] Andreas Kriege-Steffen: Die "Nationale Tradition" in der Architektur der sozialistischen Großstadt. Der Entwurf für die Westseite 1952 am Altmarkt in Dresden, Masterarbeit, Eidgenössische Technische Hochschule Zürich 2012.


Anna Brettl

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Anna Brettl: Rezension von: Andreas Kriege-Steffen: Das Stadtbild und die Idee der Stadt in den städtebaulichen Diskursen der Nachkriegszeit. Der 1952 veranstaltete Wettbewerb für die städtebauliche und architektonische Gestaltung des Zentrums und der Ost-West-Magistrale in Dresden, Dresden: Thelem 2020
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Rezension von:

Anna Brettl
Institut für Kunstgeschichte, Bauforschung und Denkmalpflege, Technische Universität, Wien

Redaktionelle Betreuung:

Oliver Sukrow