Rezension

Fabienne Huguenin: Porträtgemälde zwischen Wissenschaft und Technik. Die Sammlung des Deutschen Museums, München: Deutsches Museum 2018, 455 S., ISBN 978-3-940396-71-6, 45.00 EUR
Buchcover von Porträtgemälde zwischen Wissenschaft und Technik
rezensiert von Johanna Scherb, Institut für Kunstgeschichte, Justus-Liebig-Universität, Gießen

Programmatische Bedeutung sprach die Kunsthistorikerin Eva Mayring 2003 den Porträts des Deutschen Museums in München zu. [1] Zu Recht: Bereits in der Satzung von 1903 wurde der Aufbau einer Galerie festgeschrieben. Bildnisse schienen geeignet, die Urheber großer wissenschaftlicher und technischer Erfindungen zu würdigen und die Naturwissenschaften als "kulturschöpferische Kraft" (Wilhelm von Siemens) herauszustellen. Im Abglanz ihrer musealen Aura wurden die wissenschaftlichen Exponate zu Meisterwerken. Als Ausdruck einer personenorientieren Geschichtsauffassung zeugen die gemalten Bildnisse des Deutschen Museums gleichzeitig von einer gezielten Instrumentalisierung von Kunst.

Fabienne Huguenin nimmt in der nun vorgelegten Publikation die mittlerweile auf über hundert Jahresringe angewachsene Porträtsammlung des Deutschen Museums in den Blick. In 148 Katalogeinträgen werden die einzelnen Gemälde kunsthistorisch beleuchtet. Die Dargestellten und ihre beruflichen Leistungen werden skizziert, besondere Berücksichtigung finden auch die Werkgeschichten. Als kluge Entscheidung erweist es sich, die Bildnisse nach dem Zugangsdatum zu ordnen, denn so werden sammlungsgeschichtlich zusammengehörige Gruppen sowie Neuausrichtungen der Sammlungsaktivitäten bereits beim Durchblättern des Katalogs augenfällig. Ergänzt wird dieser durch eine hinführende Betrachtung (12-47), die zugleich eine Quintessenz der sammlungs- sowie ausstellungsgeschichtlichen Arbeit darstellt.

Wir lernen das 1925 auf der Isarinsel eröffnete Museum für Wissenschaft und Technik als einen hierarchisch strukturierten, auf spezifische Funktionen zugeschnittenen Bau kennen, in dem Porträts von Anfang an sowohl repräsentative als auch didaktische Funktionen erfüllten. Huguenin macht den räumlichen Kontext zum Schlüssel ihrer Analyse. Überlebensgroße Bildnisse wurden für die Ehrensäle geschaffen. Sie wurden von kleinformatigeren Brustbildern in den Ausstellungsräumen abgelöst, wo vermehrt auch grafische und fotografische Porträts Verwendung fanden (39). Auf die allbekannten Persönlichkeiten der Hauptsäle, darunter Gottfried Wilhelm Leibniz (Kat. 3) und Friedrich der Große (Kat. 32), folgten nach fachlichen Kriterien zusammengestellte Gruppen. Als zentral erweist sich die Abstimmung der Porträts auf den jeweiligen Präsentationszusammenhang, und diese reicht bis weit in die Binnenstruktur der Bilder hinein: "Das Wechselspiel der Porträts mit den Objekten innerhalb und außerhalb der Gemälde stellt die Besonderheit einer Porträtgemäldesammlung in einem Technikmuseum wie dem Deutschen Museum dar" (34). Die Auftraggeber scheuten sich nicht, die Entstehung der posthumen Porträts durch Vorgaben und Hilfestellungen zu unterstützen und zu lenken (26f.). Bei der Realisierung der Gemälde galt es darüber hinaus die für die Übernahme der Kosten gewonnenen Stifter, aber auch die Wünsche der Familien der Dargestellten zu berücksichtigen (29). Der Aufbau der Gemäldesammlung stellt sich vor diesem Hintergrund als ein von vielen Akteuren bestimmter sozialer Prozess dar - und die installierte Bildergalerie als sozialer Körper, in dem Person und Werk zu einer mnemotechnischen Einheit verschmelzen (38).

Wir lernen das Deutsche Museum darüber hinaus als wandelbares Gefüge kennen. Während das Bildensemble des Hauptsaals (Kat. 1-4) nur noch einmal eine personelle Veränderung erfuhr - der bayerische Erfinder, Mechaniker und Ingenieur Georg von Reichenbach (Kat. 10) wurde im Jahr 1955 durch den Chemiker Robert Bunsen (Kat. 86) ersetzt -, wurden die Bilder- und die Ausstellungssäle vielfach umgestaltet. Für die Geschichte des Hauses und seine museale Sonderstellung aufschlussreich sind insbesondere die aus den 1920er- und 1930er-Jahren stammenden Dokumente. Historische Aufnahmen der Räumlichkeiten sowie schriftliche Quellen spiegeln die intensive Erprobung des Porträts im Ausstellungsbetrieb. Obgleich daraus kein museologischer Grundsatztext hervorging, so zeigt sich hier doch ein wachsendes Gespür für die spezifischen Belange eines Wissenschafts- und Technikmuseums. Porträts werden als gleichzeitig integraler und selbständiger Bestandteil der multimedialen Präsentationen angesehen (38f.). Nach 1945 kommt die personenbezogene Wissenschaftsvermittlung zum Erliegen, und der einst enge Zusammenhang von Porträt und Artefakten zerbricht (18, 42). Die Sammlungsaktivitäten sind davon unmittelbar betroffen: Porträts werden nur noch selten in Auftrag gegeben, Ankäufe erfolgen vereinzelt, Stiftungen und die Aufnahme von Nachlässen bestimmen die Neuzugänge. Entsprechend heterogen erweist sich die Schar der Porträtierten im zweiten Teil des Katalogs. Sie reicht von dem Physiker und Museumsvorstand Jonathan Zenneck (Kat. Nr. 79) über den österreichischen Pionier der Kautschukgewinnung Johann N. Reithoffer (96) bis hin zu dem Vertreter der sogenannten "Deutschen Physik" Philipp Lenard (Kat. 125), schließt die Damen des Hauses Stuck (Kat. 108-110) ein und macht uns mit dem Kirchseeoner Kinobetreiber und Musikautomatenbesitzer Lorenz Buchmayer (Kat. 127) bekannt. Von der programmatischen Bedeutung, die in dem gezielt vorangetriebenen Aufbau einer Porträtgalerie zu Beginn des Jahrhunderts zum Ausdruck kommt, kann hier keine Rede mehr sein. Die Marginalisierung der Gemälde scheint besiegelt (18).

"Das Wissen um die Geschichte und das Selbstverständnis der Häuser zu erweitern", die Porträts bewahren und nutzen, gibt Fabienne Huguenin als Ziel aus (47). Ihre Publikation zur Porträtsammlung des Deutschen Museums ist ungleich mehr: ein Beitrag zur kontextuellen Struktur des modernen Berufsporträts, ein Beitrag zur Ausdifferenzierung unserer Museumslandschaft und schließlich ein Beitrag zur Erforschung sogenannter Scientific Personae. [2] Der Katalog selbst stellt, indem der Bildbestand vollständig publiziert und die einzelnen Werke gleichrangig nebeneinandergestellt werden, ein Zeugnis konsequent betriebener Korpus-Edition dar. Seine Bedeutung zeigt sich nicht zuletzt in den unmittelbar sich aufdrängenden Fragen: Wie etwa verhält sich die Sammlung der Gemälde zu den übrigen von langer Hand angelegten grafischen und fotografischen Kollektionen des Hauses? Die Vorarbeiten dazu sind mit dem Verbundprojekt der Archive der Leibniz-Gemeinschaft "DigiPortA" geleistet. Und in welcher Weise ergänzen die mit den Nachlässen ins Haus gekommenen Materialien die Erkenntnisse zur bildlichen Repräsentation von Wissenschaftlern, Ingenieuren und Technikern, von der die Frauen in der Gemäldesammlung (bislang!) gänzlich ausgenommen sind? Gespannt sind wir auf die angedachten Studien zu Porträtsammlungen vergleichbarer Institutionen in Paris, Wien und London (45f.).


Anmerkungen:

[1] Eva. A. Mayring: Das Porträt als Programm, in: Circa 1903. Artefakte in der Gründungszeit des Deutschen Museums 2013, hgg. von Ulf Hashagen / Oskar Blumtritt / Helmuth Trischler (= Abhandlungen und Berichte / Deutsches Museum; NF 19), 55-77.

[2] Lorraine Daston / H. Otto Sibum: Scientific Personae and Their Histories, in: Science in Context 16 (2003), Nr. 1/2 [Themenheft].


Johanna Scherb

zurück zu KUNSTFORM 20 (2019), Nr. 6

Empfohlene Zitierweise:

Johanna Scherb: Rezension von: Fabienne Huguenin: Porträtgemälde zwischen Wissenschaft und Technik. Die Sammlung des Deutschen Museums, München: Deutsches Museum 2018
in KUNSTFORM 20 (2019), Nr. 6,

Rezension von:

Johanna Scherb
Institut für Kunstgeschichte, Justus-Liebig-Universität, Gießen

Redaktionelle Betreuung:

Sigrid Ruby


nach oben