Rezension

Anja Karlsen: Das mitteleuropäische Treppenhaus des 17. und 18. Jahrhunderts als Schaubühne repräsentativer Inszenierung. Architektur, künstlerische Ausstattung und Rezeption, Petersberg: Michael Imhof Verlag 2016, 431 S., ISBN 978-3-7319-0076-4, 69.00 EUR
Buchcover von Das mitteleuropäische Treppenhaus des 17. und 18. Jahrhunderts als Schaubühne repräsentativer Inszenierung
rezensiert von Edith Schmidmaier-Kathke, München

Treppen verbinden nicht nur die einzelnen Geschosse eines mehrstöckigen Gebäudes miteinander, sondern sie waren in barocken Schlössern darüber hinaus wichtige Orte des höfischen Zeremoniells. Das Treppenhaus bot den szenischen Rahmen für feierliche Begrüßungen und Abschiede, deren Verlauf genau reglementiert war. Aus dem Zusammenwirken von Architektur, Stuckdekoration, Plastik und Malerei entstanden repräsentative Prunktreppenhäuser, die die Bedeutung des Bauherrn vor Augen führen sollten.

Ziel des 2012 als Dissertation am Fachbereich Geschichts- und Kulturwissenschaften der Freien Universität Berlin eingereichten Werkes mit mehr als 700 zumeist Schwarz-Weiß-Fotos und Grundrissen ist es, "eine umfassende Entwicklungsgeschichte der Treppenarchitektur und deren Ausgestaltung zu erarbeiten" (20). Dafür untersuchte Anja Karlsen Treppenhäuser aus dem 17. und 18. Jahrhundert in Schlössern, Palais und Klöstern im Raum Süddeutschland, Österreich, Böhmen und Mähren.

Frühneuzeitliche Treppenhäuser in ihrer repräsentativen und zeremoniellen Funktion waren bisher kaum Forschungsgegenstand der Kunstgeschichte. Sie wurden zwar als Glied eines Architekturkomplexes im Rahmen von Gebäudemonografien oder als Teil des Schaffens vor allem von Architekten berücksichtigt, standen aber - abgesehen der Veröffentlichungen des Kunsthistorikers Harald Keller [1] und des Architekten Friedrich Mielke [2] - nur ganz selten selbst im Mittelpunkt von wissenschaftlichen Werken. Dieses Desiderat hat Karlsen erkannt und das Treppenhaus in seiner Funktion, Bedeutung und Rezeption als Ort des eindrucksvollen höfischen Empfangs zum Thema ihrer Recherchen gemacht. Nicht erwähnt im Literaturverzeichnis wird allerdings die Diplomarbeit von Alice Käthe Mähr, "Man steigt bis zum Himmel empor. Treppen und Stiegenhäuser des 17. und 18. Jahrhunderts in Österreich", Wien 2011, die im Internet einsehbar ist.

Welche Anforderungen in Architekturtraktaten, Anweisungsliteratur und Lexika an Treppenanlagen, Treppenhausarchitektur und deren Ausstattung gestellt wurden, lässt sich den zahlreichen von der Autorin zitierten Textstellen italienischer, französischer und deutscher Architekturtheoretiker im zweiten Kapitel entnehmen.

Im Hauptteil präsentiert die Verfasserin exemplarisch zwölf Treppenhäuser in Einzeldarstellungen in chronologischer Reihenfolge. Sie informiert jeweils über Baugeschichte und Bauherrn, beschreibt ausführlich Architektur und Ausstattung und analysiert den Bewegungsablauf, die Betrachtung und Rezeption. Dabei versucht sie, auch mithilfe von zeitgenössischen Bild- und Schriftquellen zu erfahren, wie die Treppenräume genutzt und wahrgenommen werden konnten. Hier muss die Autorin jedoch feststellen, dass sich in Zeremoniellschriften, Hofprotokollen, Festbeschreibungen oder Reiseberichten nur selten Beschreibungen von Empfängen in Treppenhäusern finden lassen. Es folgt ein Vergleich mit Vorgängerbauten, in dem sowohl die architektonischen Vorbilder als auch die der plastischen und malerischen Ausstattung typologisch hergeleitet werden sollen, bevor der individuelle Einfluss des jeweiligen Bauherrn, des Baumeisters und der beteiligten Künstler untersucht wird.

Beginnend mit dem Treppenhaus der Residenz zu Salzburg werden nun Treppen wie die Kaisertreppe der Münchner Residenz, die Treppe im Neuen Bischofspalais von Olmütz und die in Schloss Lobkowitz in Raudnitz analysiert. Das Wiener Stadtpalais Harrach und das des Prinzen Eugen mit ihren Stiegen schließen sich an. Dann werden die Treppen im Augustinerchorherrenstift Sankt Florian und die des Stadtpalais Daun-Kinsky in Wien behandelt. Die Treppenhäuser der Schlösser Weißenstein in Pommersfelden und des Neuen Schlosses Schleißheim bei München folgen, bevor mit der Kaiserstiege im Benediktinerstift Göttweig und dem Treppenhaus der Fürstbischöflichen Residenz in Würzburg der Abschluss der Einzeluntersuchungen gemacht wird.

In ihrer Auswertung zeigt Karlsen auf, dass die Entwicklung von Treppenhäusern von der schlichten funktionalen Treppe, die Geschosse verbindet, zur Repräsentationstreppe mit Stuckaturen, Skulpturen und schließlich auch noch Deckenmalereien führt, über die der Besucher direkt in den wichtigsten Saal der Beletage gelangt. Damit wurde das Treppenhaus im 17. und 18. Jahrhundert zu einem ganz bedeutenden Raum für die standesgemäße Repräsentation. Bis 1650 orientierte sich die Architektur in Süddeutschland und Österreich noch an der italienischen Baukunst, dann an Frankreich und damit vor allem an der Gesandtentreppe von Schloss Versailles.

Leider finden sich im Buch Fehler verschiedenster Art. So war der bayerische Kurfürst Karl Albrecht keineswegs "selbst Sohn einer Kaisertochter" (18); seine Mutter war die polnische Königstochter Therese Kunigunde. Schloss Schleissheim wurde nicht als Sommerresidenz gebaut, sondern der bayerische Kurfürst Max Emanuel machte sich Hoffnungen auf die Königs- oder sogar Kaiserwürde und plante ein monumentales Schloss, das diesen Ansprüchen gerecht werden sollte.

Der Katalogteil listet 134 repräsentative Treppenhäuser des 17. und 18. Jahrhunderts in Mitteleuropa auf und liefert die wichtigsten Daten zum Bau sowie Literaturangaben. Doch die Daten sind mit Vorsicht zu betrachten, wie sich beispielsweise unter dem Stichwort "Passau, Neue Bischöfliche Residenz" zeigt. Zur angegebenen Bauzeit der Treppe war der zuerst als Bauherr genannte Fürstbischof Johann Philipp von Lamberg längst tot. Dafür fehlt der Name von Leopold Ernst von Firmian, unter dem die Neue Residenz tatsächlich gebaut wurde. Unwahrscheinlich ist dagegen die Tätigkeit des von Karlsen angeführten Architekten Domenico d'Angeli am Treppenhaus.

Es fehlte wohl die Zeit für ein sorgfältiges Lektorat des Buches, in dem einige eigenwillige Schreibweisen kontinuierlich wiederholt werden wie Grottesken (64), Probstei (149), andererseits immer wieder neue fehlerhaft geschriebene Wörter wie Etwürfe (31), Bevrgrenzungswand (53), Takt statt Trakt (85), Spielgewölbe (112), Scaffitomalerei (393), Waldnab (97), um nur einige zu nennen, auftauchen. Ganz zu schweigen von der Kommasetzung und dem häufiger verwechselten Wort dass / das.

Auch stellt sich die Frage, warum einige Abbildungen unter verschiedenen Nummern mehrmals identisch im Buch abgedruckt sind. Der Grundriss von Schloss Salzdahlum erscheint unter Abbildungsnummer 166, 236 und 341a, der Längsschnitt durch das Treppenhaus von Schloss Pommersfelden von Salomon Kleiner als Abbildung 299 und 338. Das sind nur zwei Beispiele - es finden sich mehr davon. Falsch ist darüber hinaus der Abbildungsnachweis 479. Es hätte dem Werk sicher nicht geschadet, die Zahl der Abbildungen, die nicht immer von bester Qualität sind, zu reduzieren und dafür einige besonders wichtige deutlich großformatiger und - im Falle der Deckengemälde - sogar farbig zu publizieren.

Anja Karlsen gebührt der Verdienst, eine gewaltige Fülle an Material gesammelt und bearbeitet zu haben. Angesichts der Vielzahl der in diesem Werk enthaltenen Detailinformationen über Architektur, Ausstattung und Rezeption der Treppenhäuser hätte man dem Buch eine sorgfältige Überarbeitung vor Drucklegung gewünscht.


Anmerkungen:

[1] Harald Keller: Das Treppenhaus im deutschen Schloß- und Klosterbau des Barock, München 1936.

[2] Friedrich Mielke: Die Geschichte der deutschen Treppen, Berlin 1966.


Edith Schmidmaier-Kathke

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Empfohlene Zitierweise:

Edith Schmidmaier-Kathke: Rezension von: Anja Karlsen: Das mitteleuropäische Treppenhaus des 17. und 18. Jahrhunderts als Schaubühne repräsentativer Inszenierung. Architektur, künstlerische Ausstattung und Rezeption, Petersberg: Michael Imhof Verlag 2016
in KUNSTFORM 17 (2016), Nr. 6,

Rezension von:

Edith Schmidmaier-Kathke
München

Redaktionelle Betreuung:

Hubertus Kohle