Rezension

Markus Müller: (Hg.) Camille Pissarro. Mit den Augen eines Impressionisten, München: Hirmer 2013, 176 S., ISBN 978-3-7774-2163-6, 34.90 EUR
Buchcover von Camille Pissarro
rezensiert von Barbara Palmbach, Starnberg

Die vorliegende Publikation erschien begleitend zur gleichnamigen Ausstellung im Kunstmuseum Pablo Picasso in Münster. Im Herbst 2013 waren dort erstmals rund 100 Grafiken Pissarros aus den Sammlungen der Bibliothèque Nationale de France in einem deutschen Museum zu sehen.

Der Ausstellungskatalog gliedert sich im Wesentlichen in drei umfassende Beiträge zu verschiedenen Themenkomplexen der grafischen Arbeiten Pissarros und schließt mit einer ausführlichen Biografie sowie einer Werkliste der ausgestellten Arbeiten. Da ein Vorwort bzw. eine Einführung als Orientierungshilfe komplett fehlen, muss der Leser sich zunächst im Internet über das Ausstellungsthema informieren, will er erfahren, um was es in der vorliegenden Publikation überhaupt geht - ein etwas mühsamer Einstieg in die Lektüre.

Gleich im ersten Kapitel, mit dem von Cézanne bekannten Zitat "Camille Pissarro - fast so etwas wie der liebe Gott" überschrieben (12), erfährt der Leser, welche herausragende Rolle Pissarro innerhalb der Impressionismus-Bewegung spielte. So war er etwa nicht nur der einzige Impressionist, der an allen acht Impressionisten-Ausstellungen zwischen 1874 und 1886 teilnahm, sondern er wurde bereits von Zeitgenossen und Kunstkritikern schon aufgrund seines Alters als "Vorkämpfer" dieser neuen Bewegung betrachtet. Mit seinen rund 200 grafischen Werken gilt er außerdem als "primus inter pares" sowie als "peintre-graveur von allererstem Rang" (9).

Kaleidoskopartig bespricht Markus Müller die unterschiedlichen Motive in Pissarros Grafiken - Porträts, Paare, Passanten, großstädtische Boulevards, Bäuerinnen bei der Ernte, geschäftiges Treiben in Häfen und auf dörflichen Marktplätzen. Ebenso geht er in kurzen Abschnitten auf spannende Aspekte ein, wie etwa die Emanzipationsbewegung der Originalgrafikbewegung in Frankreich, die innovativen grafischen Techniken von Pissarro und Degas sowie auf Pissarros Vorliebe für städtische und ländliche Themen. Letztere zeigt Pissarro, ähnlich wie in seinen Gemälden, als Ausschnitte flüchtiger Augenblicke sich unterhaltender Marktfrauen, arbeitender Bauern oder als flimmerndes Getriebe städtischer Impressionen. Vor dem Hintergrund des von Pissarrro verwendeten Begriffs der "sensation" (22-23), der Visualisierung eines Sinneseindrucks, stellt Müller zu Recht den Zusammenhang zu Charles Baudelaires berühmten Aufsatz "Constantin Guys, Maler des modernen Lebens" her und macht auf diese Weise deutlich, wie Pissarro die Ästhetik der modernen Großstadt auch auf seine Natur- und Landschaftsdarstellungen übertrug.

In einem weiteren Exkurs legt Müller besonderes Augenmerk auf Pissarros radierte Stadtbilder von Rouen sowie die gemalten Stadtlandschaften von Paris (44-47). Dass die Wahrnehmung der Stadt für Pissarro dabei eine nicht zu unterschätzende Rolle hinsichtlich der Ausdrucksweise seiner Arbeiten spielte, wird vom Autor nur angerissen, jedoch nicht weiter ausgeführt. Neben Andrea Freys Dissertation zum Stadtraum wären als weiterführende Literatur an dieser Stelle außerdem die Publikationen "Pissarro - Rouen - peindre la ville" von Claire Durand-Ruel Snollaerts (2013), "Camille Pissarro, Impressions of city & country" von Karen Levitov (2007) und "The Impressionist and the City: Pissarro's Series Paintings" (1993) zu erwarten gewesen.

Alexander Gaude entwirft in seinem Beitrag ein informatives Bild von der Dritten Republik im Spiegel von Pissarros druckgrafischem Œuvre sowie von der politischen Gesinnung des Künstlers. Pissarro identifizierte sich zwar mit der anarchistischen Bewegung, las die Schriften der Theoretiker Pierre-Joseph Proudhon (1809-1865) und Pjotr Alexejewitsch Kropotkin (1842-1921), lehnte aber Gewalt und radikale Aktionen vehement ab, so auch die Terroranschläge durch Auguste Vaillant, Emile Henry und Santo Caserio, wie aus Briefen an seinen Sohn Lucien hervorgeht. Und doch äußerte der politisch engagierte und sozial denkende Pissarro seine Kritik an den bestehenden Verhältnissen in seinem 1889-1890 entstandenen Album "Les turpitudes sociales" (72).

Wesentlich subtiler kommt Pissarro hingegen der Forderung Proudhons Ideal einer Identifikation des "Bauern mit seiner Scholle" (75) bzw. "der angestrebten Symbiose von Subjekt und Umwelt" (75) in seinen Bauerndarstellungen nach. Mit dem Vergleich der bäuerlichen Darstellungen Jean-Francois Millets (1814-1875) und Pissarros gelingt Gaude ein spannender Dialog, der dem Leser klar vor Augen führt, dass es sich bei Pissarros ländlicher Bevölkerung um selbstbewusst arbeitende Bauern handelt, ohne "christlichen Subtext" (80), wie er Millets Figuren anhaftet. Pissarro dokumentiert vielmehr das ländliche Arbeitsleben und verklärt es weder romantisch noch religiös.

Ebenso wie Müller widmet sich auch Gaude Pissarros gemalten und radierten Stadtansichten von Paris und Rouen, darunter Boulevard Montmartre, Karneval, Sonnenuntergang, 1897 (Kat. 18), und Place de la République (Kat. 20). Die dargestellten Passanten interpretiert Gaude vollkommen richtig als "Auflösungserscheinungen" und führt sie auf die "Folge eines durch das Stadterlebnis nachhaltig veränderten Wahrnehmungsprozesses" zurück (87). Gaude versäumt es leider, hier auf die Forschungsergebnisse von Palmbachs Arbeit [1] hinzuweisen, die genau diese Zusammenhänge untersucht und anhand zeitgenössischer Bild- und Textquellen belegt.

Valérie Sueur-Hermel schließlich verfolgt den Weg, den Pissarros Radierungen von seinem Atelier in das heutige Magazin des "Département des Estampes et de la photographie" der französischen Nationalbibliothek zurückgelegt haben und unterstreicht dabei, mit welcher Sorgfalt Pissarro noch zu Lebzeiten eine qualitativ hochwertige Auswahl an Drucken zusammengestellt hat und diese dem Musée du Luxembourg als Schenkung vermachte. Heute gilt diese Sammlung als Kernstück der Abteilung für Druckgrafik und Fotografie der Bibliothèque Nationale de France.

Abgesehen von der Kritik an wissenschaftlichen Defiziten, v.a. die Ergebnisse neuerer Impressionismus-Forschungen betreffend, die freilich nur dem auf dieses Gebiet spezialisierten Kunsthistoriker auffallen, verdient die vorliegende Publikation das größte Lob hinsichtlich ihrer Gestaltung. Sowohl die hervorragende Abbildungsqualität der Radierungen, Lithografien und Schwarz-Weiß-Fotografien als auch die Vielzahl an abgebildeten Motiven vermitteln dem Leser einen umfassenden und einmaligen Überblick über Pissarros Grafiken. In der Kombination von Bild und Textbeiträgen kommt außerdem deutlich zum Ausdruck, dass Pissarro durch und durch Impressionist war. Er brauchte weder Leinwand, Ölfarbe noch Pinsel, um die flüchtigen Impressionen von Stadt und Land auch im Medium des schwarz-weißen Drucks festzuhalten.

Insofern liefert der Katalog einen wichtigen und vor allem anschaulichen Beitrag zur Pissarro-Literatur und ist als angemessene Würdigung von Pissarros grafischer Arbeiten zu werten. Unterschiedlich klassifizierte Bildverweise in den Texten (Kat.-Nummern, Abb.-Nummern, Seitenzahlen) verwirren den Leser allerdings eher, als dass sie Klarheit und ein schnelles Auffinden der Abbildungen gewährleisten. Schade ist außerdem, dass der ästhetisch sehr ansprechende Katalog nicht auch in der Orthografie der Texte über die gleiche Qualität verfügt.


Anmerkung:

[1] Barbara Palmbach: Paris und der Impressionismus. Die Großstadt als Impuls für neue Wahrnehmungsformen und Ausdrucksmöglichkeiten in der Malerei, Weimar 2001.


Barbara Palmbach

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Empfohlene Zitierweise:

Barbara Palmbach: Rezension von: Markus Müller: (Hg.) Camille Pissarro. Mit den Augen eines Impressionisten, München: Hirmer 2013
in KUNSTFORM 15 (2014), Nr. 10,

Rezension von:

Barbara Palmbach
Starnberg

Redaktionelle Betreuung:

Ekaterini Kepetzis