Rezension

Antje Fehrmann: Grab und Krone. Königsgrabmäler im mittelalterlichen England und die posthume Selbstdarstellung der Lancaster, München / Berlin: Deutscher Kunstverlag 2008, 320 S., ISBN 978-3-422-06728-8, 51.00 EUR
Buchcover von Grab und Krone
rezensiert von Steffen Krämer, Institut für Kunstgeschichte, Ludwig-Maximilians-Universität, München

In den letzten Jahren hat sich ein verstärktes Interesse an den mittelalterlichen Grablegen europäischer Herrschaftsdynastien in der deutschen Kunstwissenschaft entwickelt, das sich in der raschen Abfolge mehrerer umfangreicher Monografien dokumentiert. So sind 2008 zwei Bücher erschienen, die beide aus Promotionsschriften hervorgegangen sind und sich mit der Bestattungstradition des französischen respektive englischen Königtums im Mittelalter beschäftigen. Hat Eva Leistenschneider "Die französische Königsgrablege Saint-Denis" im Zeitraum von 1223-1461 untersucht [1], so stehen die königlichen Grabmäler der englischen Lancaster-Dynastie von 1399-1471 im Mittelpunkt von Antje Fehrmanns Analyse mit dem ebenso illustren wie bezeichnenden Titel "Grab und Krone". Beiden Studien gemeinsam ist die grundsätzliche Frage nach den jeweiligen Repräsentationsstrategien, die den königlichen Bestattungen zugrunde lagen. Nur liegt im ersten Fall der Fokus auf dem Ort der herrschaftlichen Grablege, im zweiten Falle indessen auf der Dynastie und ihrer genealogischen Abfolge. Fast zwangsläufig ergeben sich daraus unterschiedliche Sichtweisen, die wiederum belegen, dass königliche Bestattungstraditionen im Mittelalter nicht nur aus einer Blickrichtung wissenschaftlich zu betrachten sind.

Tritt der genealogische Aspekt in den Vordergrund, dann werden Kontinuitäten wie auch Veränderungen in der Bestattungsfolge sichtbar, die von der spezifischen Ortswahl königlicher Grablegen zunächst unabhängig sind. Aus diesem Grunde ist Antje Fehrmanns Ansatz, im zweiten Kapitel die gesamte Bestattungstradition der englischen Könige von der normannischen Eroberung bis zum Ende der Plantagenet-Dynastie zu untersuchen, durchaus sinnvoll. Damit kompensiert sie auch ein schon lange bestehendes wissenschaftliches Desiderat. In ihren grundlegenden Arbeiten zur "Westminster Abbey" haben sich Eva-Andrea Wendebourg 1986 und Paul Binski 1995 lediglich mit der erst unter Heinrich III. ab der Mitte des 13. Jahrhunderts eingerichteten Königsgrablege in der Londoner Abteikirche befasst. [2] Überdies dehnt Fehrmann ihre Untersuchung auf Bereiche aus, die in der Forschung bislang wenig Beachtung fanden. Neben den formalen und ikonografischen Analysen der Grabmäler und -kapellen werden nun Fragen nach räumlichen Bezügen, liturgischen wie zeremoniellen Einbindungen und nach besonderen Funktionen gestellt. Über das sorgfältige Studium der zum Teil noch nicht publizierten mittelalterlichen Quellen treten zudem bisher kaum berücksichtigte Personen in das Blickfeld der Untersuchung: Berater, Testamentsvollstrecker und Witwen, mithin jener historische Personenkreis, der für die posthume Errichtung königlicher Grabstätten letztlich verantwortlich war. Außerordentlich breit gefächert ist demnach Fehrmanns methodischer wie inhaltlicher Ansatz, um jenes komplexe Beziehungsgeflecht zwischen Hofkultur, Politik und herrschaftlicher Bestattung im englischen Mittelalter aufzudecken.

Im Zentrum ihrer Untersuchung steht die Grabkapelle Heinrichs V. in der Abteikirche von Westminster, die unter seinem Sohn Heinrich VI. ab 1438 errichtet wurde. Als zweiter Lancaster-König auf dem englischen Thron war die Regierung Heinrichs V. nicht nur sehr erfolgreich, sondern wurde auch durch die für die Machtposition der englischen Monarchie entscheidende Übernahme der französischen Thronfolge bestimmt, die Heinrich und seinen Erben durch den Vertrag von Troyes 1420 zugesichert worden war. In der außergewöhnlichen Kapellenstruktur sieht Fehrmann nun verschiedene Legitimationsbestrebungen des Königs und seines Kreises zum Ausdruck gebracht, und zwar in doppelter Hinsicht: einerseits die Machtambitionen der Lancaster, die immer wieder mit dem Vorwurf der Usurpation konfrontiert wurden, andererseits der Anspruch auf eine duale - englisch-französische - Monarchie, der zur Zeit der Errichtung der Kapelle Ende der 1430er Jahre und damit über 15 Jahre nach dem Tod des Königs allerdings kaum mehr aufrecht zu erhalten war. Beeindruckend ist hierbei die Vielfalt unterschiedlicher Aspekte, die von Fehrmann in Bezug auf Heinrichs komplexes Bestattungsprogramm untersucht werden. Schon in der aufwendig inszenierten Überführung des königlichen Leichnams von Frankreich nach England zeigt sich die ehrgeizige Repräsentationsstrategie, ebenso wie in der zentralen Position der Kapelle im Chorscheitel der Abteikirche. Durch die Analyse der mittelalterlichen Kirchenliturgien in Westminster Abbey kann Fehrmann aufzeigen, dass Heinrichs Grabkapelle in den Ablauf von Prozessionen nicht nur eingebunden war, sondern auch einen optisch dominierenden Kulminationspunkt darstellte. Vergleiche mit typologisch anderen Architekturelementen, wie Lettnern oder Reliquientribünen, offenbaren demgegenüber formale Analogien zu französischen Kirchenausstattungen, etwa zu der berühmten Reliquientribüne in der Oberkirche der Pariser Sainte-Chapelle aus der Mitte des 13. Jahrhunderts. Hierin manifestiert sich jener "Prozeß des höfischen Kulturtransfers" (14), den Fehrmann auch im Zusammenhang mit der ikonografischen Gestaltung des reichen Skulpturenprogramms an den Kapellenwänden konstatiert. Zweifelsohne liegt diesem Konzept der vertraglich zugesicherte Anspruch der Lancaster auf den französischen Thron zugrunde. Aber erst durch königliche Berater, wie die Bischöfe Henry Chichele oder Thomas Langley, und ihre über die Quellen nachweisbaren Aufenthalte in Paris zu Beginn des 15. Jahrhunderts erhält diese Übernahme französischer Hofkultur einen konkreten historischen Bezugsrahmen. Dies ist wiederum ein klarer Beleg für Fehrmanns Vermutung, dass neben dem königlichen Auftraggeber noch andere Personen für die Planung und Gestaltung der herrschaftlichen Kapelle verantwortlich waren.

Im Hinblick auf das breite Spektrum der wissenschaftlichen Vorgehensweise ist es allerdings erstaunlich, dass ein für die königlichen Grablegen wichtiger Aspekt kaum zur Sprache kommt. Spätestens seit dem Begräbnis von König Johann Ohneland in der Kathedrale von Worcester 1216 spielte die Bestattung in der Nähe eines Heiligenkultes für den Großteil der englischen Könige bis zum Ende des Mittelalters eine entscheidende Rolle. Das bekannteste Beispiel hierfür ist der Kranz königlicher Grabmäler um den Eduard-Schrein in der Abteikirche von Westminster. Zwar liefert Fehrmann die hierfür notwendigen Informationen und erwähnt auch die räumlichen Bezüge, doch werden die damit verbundenen historischen Implikationen in der Regel nicht umfassend genug erörtert. Wie bedeutend aber diese Kulte für die königlichen Grablegen waren, zeigen allein die politischen Dimensionen des Eduard-Kultes in Westminster, den Paul Binski 1995 als "royal countercult" [3] bezeichnet hat.

Abgesehen von diesem kritischen Einwand ist Antje Fehrmanns Studie über die englischen Königsgrabmäler ein beachtenswertes Buch, liefert es doch eine Fülle neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse über die Funktionen und Repräsentationsstrategien mittelalterlicher Bestattungen und das in einem Zeitraum von über 400 Jahren. Sinnvoll ergänzt wird der Text durch die große Anzahl von über 140 Abbildungen der zum Teil nur schwer zugänglichen Grabmäler und -kapellen.


Anmerkungen:

[1] Eva Leistenschneider: Die französische Königsgrablege Saint-Denis. Strategien monarchischer Repräsentation 1223-1461, Weimar 2008.

[2] Eva-Andrea Wendebourg: Westminster Abbey als königliche Grablege zwischen 1250 und 1400, Darmstadt 1986; Paul Binski: Westminster Abbey and the Plantagenets. Kingship and the Representation of Power 1200-1400, New Haven / London 1995.

[3] Binski 1995 (wie Anm. 2), 4.


Steffen Krämer

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Steffen Krämer: Rezension von: Antje Fehrmann: Grab und Krone. Königsgrabmäler im mittelalterlichen England und die posthume Selbstdarstellung der Lancaster, München / Berlin: Deutscher Kunstverlag 2008
in KUNSTFORM 10 (2009), Nr. 9,

Rezension von:

Steffen Krämer
Institut für Kunstgeschichte, Ludwig-Maximilians-Universität, München

Redaktionelle Betreuung:

Ute Engel