Rezension

Matthias Krüger / Isabella Woldt: (Hgg.) Im Dienst der Nation. Identitätsstiftungen und Identitätsbrüche in Werken der Bildenden Kunst, Berlin: Akademie Verlag 2011, ISBN 978-3-05-004936-6, 99.80 EUR
Buchcover von Im Dienst der Nation
rezensiert von Wolfgang Gruber, Institut für internationale Entwicklung, Universität Wien

Der vorliegende Sammelband entstand im Rahmen der Schriften des Internationalen Warburg-Kollegs in der neuen Reihe Mnemosyne als bisher zweiter Band. Wie der Titel bereits vielversprechend ankündigt, handelt es sich dabei um Beiträge zur Kunstgeschichte, die in einem engen Zusammenhang mit den Themen Nationalismus und Identität stehen. Zeitlich wird vorrangig auf das 19. und 20. Jahrhundert eingegangen, wobei auch gut platzierte Hinweise und Einzelbeiträge zur Zeit vor dem "klassischen Nationalstaatszeitalter" sinnvoll untergebracht worden sind. [1] Die sprichwörtliche Sprengkraft der Thematik des Sammelbandes ist besonders eindrücklich im Zusammenhang mit dem Beitrag von Martina Baleva über die Ereignisse in Batak zu sehen. Aufgrund ihrer wissenschaftlichen Neubewertung der damaligen Überlieferung im ausgehenden 19. Jahrhundert wurde 2007 ein deutsch-bulgarischer Eklat ausgelöst, in dessen Folge Baleva von nationalistischen Milieus aus Bulgarien aktiv bedroht und bis heute verfolgt wurde. [2] Die beiden BandherausgeberInnen Matthias Krüger und Isabella Woldt haben vielversprechende junge AutorInnen versammelt, welche durch die Vielzahl der von ihnen behandelten Themen bereits nach dem ersten Blick auf das Inhaltsverzeichnis neugierig machen.

Das ein Jahr zuvor begründete innovative Warburg-Kolleg von 2006 unter dem Thema "Nationalisierung der Kunst" [3] hatte die Zielsetzung, DoktorandInnen und jüngeren promovierten KunsthistorikerInnen mit einem tendenziellen Schwerpunkt aus Europa über einen längeren Zeitraum bei der Vorstellung und Ausarbeitung ihrer Themen als Forum zu dienen. Zwei unterschiedliche Perspektiven - die künstlerische Konstruktion nationaler Kunst sowie die nationale Vereinnahmung, Instrumentalisierung und Kategorisierung von Kunstwerken - waren dabei die zentralen Ausgangspunkte für die Themenbearbeitung. Diese beiden Perspektiven wurden dann auch konsequent von den einzelnen WissenschaftlerInnen entweder in englischer oder deutscher Sprache beibehalten.

Das Buch ist in fünf Unterbereiche gegliedert und vereint darin 17 in ihrem Umfang zueinander ausgewogene Einzelbeiträge, sowie eine von den beiden HerausgeberInnen verfasste heranführende Einleitung zum Thema. Hervorzuheben ist die reiche Ausstattung mit Abbildungen, welche insbesondere für einen Sammelband zur Kunstgeschichte konsequent erscheint. Ein kleiner Wermutstropfen dabei ist jedoch die ausschließliche Schwarz-Weiß-Illustration. Diese lässt sich zwar durch naheliegende finanzielle Gründe erklären, nichtsdestotrotz hätten Abbildungen in Farbe für eine noch eindrucksvollere Unterstützung der Imaginationskraft gesorgt. Bezüglich der Auswahl der Themen ist eine tendenzielle Fokussierung auf Europa zu konstatieren, die zu einem späteren Zeitpunkt jedoch kritisch zu hinterfragen ist.

In der Einleitung von Matthias Krüger und Isabella Woldt wird sanft an das Thema herangeführt und festgestellt, dass Nationalismus seit dem 19. Jahrhundert zu einem sogenannten "Letztwert", also einer über allen Anderen stehenden Wertekategorie, (Krüger, Woldt, 5) erhoben wurde. Dieser Nationalismus instrumentalisierte in der folgenden Zeit geschickt alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens und nutzte infolgedessen auch die "Ausdrucksmittel der bildenden Kunst" (Krüger, Woldt, 6), um nationale Identitäten zu bilden, zu stärken oder zu bekämpfen. Solange also Nationalismus ein relevantes Thema in Politik und Gesellschaft ist, wird Kunst im Dienste der Nation ein machtvolles Mittel zu dessen Verstärkung sein. Da Kunst sich in sehr vielen Facetten zeigt, war es den beiden HerausgeberInnen wichtig, dies adäquat in der Beitragsauswahl abzubilden und nicht nur ikonografischen Werken, sondern auch Werken der Architektur sowie anderer Kunstformen ihren Raum zu gewähren. Eine ausführlichere Einleitung wäre angesichts der verschiedenartigen Beiträge und ihrer Heterogenität wertvoll gewesen.

Im ersten Themenbereich "Nationale Stile - Nationale Elemente" beschäftigen sich die AutorInnen Anna Großkopf (Das Kristalline als nationales Element), Vera Wolff (Von Westen nach Osten), Monika Wagner (Der Holzstil) und Jindřich Vybíral ("...die Kunst muss aus nationalem Boden hervorgehen") mit einer breiten Themenpalette, die die LeserInnen von Mitteleuropa bis nach Japan führt. Inhaltlich liegt diesen Beiträgen als einigender roter Faden zugrunde, dass sie sich mit spezifischen Formen einzelner Nationen zugeordneter Stile oder Elemente beschäftigen sowie deren Ursprung und Auswirkungen analysieren. Manches Mal wird ob des detaillierten Analyserahmens jedoch eine zufriedenstellende Abschlussbesprechung des Themas verabsäumt, was die LeserInnen jedoch auch zu einer bewusst intendierten Folgebeschäftigung mit dem Bereich führen kann.

Im Zuge des zweiten Abschnitts "Nation und Avantgarde" befassen sich die Autorinnen Lynette Roth ("and now what, you biedermänner"), Kate C. Kangaslahti (Making the Cosmopolitan National) und Jennifer Hirsh (The Faces of Fascism) mit ausgesuchten Künstlern und deren Bedeutung im jeweiligen Nationsdiskurs ihres geografischen Raumes. Aufgrund der Fokussierung von Roth und Hirsh in ihren Beiträgen auf zwei Maler - Franz Wilhelm Seiwert und Giorgio de Chirico - verliert dieser Abschnitt zum Teil den Bezug zur Subthematik von Nation und Avantgarde. Die Beschäftigung mit der Pariser Kunstszene im Frankreich der Zwischenkriegszeit bei Kangaslahti kann diesen teilweisen Makel jedoch wieder ausgleichen. Wünschenswert wäre in den beiden ersten Fällen eine Gesamtkontextualisierung gewesen.

Der quantitativ kürzeste Bereich umfasst die "Kunstgeografie" mit den Beiträgen von Itay Sapir (Schooling Adam Elsheimer) und Matthias Krüger (Die Farben der Heimat). In ersterem wird die Problematik hinsichtlich der Verortung von Künstlern in Schulen der Frühen Neuzeit behandelt, wobei es dem Autor gelingt, eine eindrucksvolle Brücke zur heutigen Rezeption der Werke von Adam Elsheimer zu schlagen. Der zweite Beitrag hat demgegenüber mit dem heutigen Nordwestdeutschland einen geografisch deutlich begrenzteren Rahmen und beschäftigt sich hauptsächlich mit der unterschiedlich aufgeladenen Farbpalette und deren Bedeutung für die Kunst.

Im vierten und umfangreichsten Themenbereich "Bau und nationaler Überbau" nehmen Britta Hentschel (Die nationale Dimension von Architektur und Städtebau), Monika Pemič (Die Vereinshäuser in Ljubljana und Maribor), Anna Minta ("A Church for National Purposes"), Jennifer Verhoeven (Macht der Kulisse) und Burcu Dogramaci (Das Atatürk-Mausoleum in Ankara) die Aufgabe auf sich, einen Einblick in die architektonischen Zeugnisse der Einflussnahme des Nationalismus auf die Kunst zu gewähren. Besonders hervorzuheben ist hierbei, dass alle Beiträge eine angemessene Kontextualisierung im allgemeinen historischen Rahmen geben und dadurch auch ein Nicht-Fachpublikum der Argumentationskette problemlos folgen kann.

Im letzten Abschnitt "Nationale Mythen" beschreiben Miriam Volmert (Garten und Grenze), Isabella Woldt (Architekturcodes im barocken Adelssitz) und Martina Baleva (Fremde Künstler - Eigene Mythen) in interessanter und gut verständlicher Art und Weise unterschiedliche nationale Mythen in den heutigen Niederlanden, Polen und Bulgarien. Auch hier wurde der historischen Kontextualisierung der entsprechende Raum gelassen, was sich positiv auf die Nachvollziehbarkeit ausgewirkt hat.

Die beiden einzigen nennenswerten Kritikpunkte an diesem Sammelband können auf knappem Raum dargestellt werden. Zum einen ist dies die tendenzielle Fokussierung auf Europa im Hinblick auf die behandelten Themen. Lediglich drei der siebzehn Einzelbeiträge beschäftigen sich mit dem geografischen Raum außerhalb Europas (Japan, USA, Türkei). Die Entscheidung hinsichtlich der Artikelaufnahme dürfte durch die TeilnehmerInnen des initiierenden Warburg-Kollegs von 2006 vorweggenommen worden sein. Es wäre jedoch angesichts der weltweiten Relevanz der Instrumentalisierung von Kunst im Rahmen des Nationalismus ein wichtiges allgemeines Desiderat, gerade hier Akzente in Richtung des globalen Südens zu setzen. Hinsichtlich dieses Wunsches hätte der Sammelband sicherlich noch einiges mehr leisten können, was jedoch keineswegs die Qualität der vorhandenen Beiträge schmälert.

Zum anderen betrifft ein weiterer Kritikpunkt den generellen Aufbau des Bandes. Gemeint ist der etwas zu schmale Rahmen der HerausgeberInnen, die den einzelnen Unterbereichen mehr Schärfe verleihen und abseits der Erklärungen von AutorInnen die Intentionen dieser Abschnitte besser verdeutlichen hätte können. Aufgrund der spezialisierten Themen wäre es hierbei ein erstrebenswertes Ziel gewesen, die LeserInnen langsam mithilfe von entsprechenden historischen Kontextualisierungen an die einzelnen Subbereiche heranzuführen, besonders wenn sich der Sammelband nicht ausschließlich an ein kunsthistorisches Fachpublikum wenden sollte. Zusätzlich wäre eine entsprechende Abschlussbesprechung durch die HerausgeberInnen wünschenswert gewesen.

Abschließend ist festzuhalten, dass sich dieser Sammelband hervorragend dazu eignet, einen - zugegebenermaßen begrenzten (im geografischen Sinn gemeint) - Überblick über diverse spezifische Themen bezüglich der Instrumentalisierung von Kunst durch das Phänomen Nationalismus zu erhalten. Im aktuellen Forschungskontext scheint die Beschäftigung mit dem angesprochenen Phänomen allmählich zuzunehmen und neue Qualität dadurch zu gewinnen, dass es in einem größeren Rahmen (sowohl geografisch als auch interdisziplinär) betrachtet wird. [4] Die Internationalität der AutorInnen, die reichliche Illustrierung und die aussagekräftige Beitragsauswahl überwiegen in jedem Fall die wenigen genannten Kritikpunkte bei weitem. Dieser Sammelband ist auf jeden Fall empfehlenswert und stellt eine spannende Lektüre dar, die auch einen Platz außerhalb kunsthistorischer Bibliotheken mehr als verdient hat.


Anmerkungen:

[1] Bezüglich der aktuellen Forschungsdiskussion um das Entstehen der Nationen siehe das hervorragende Nachwort von 2005 zur Neuausgabe des Klassikers von Benedict Anderson durch Thomas Mergel: Benedict Anderson, Die Erfindung der Nation. Zur Karriere eines folgenreichen Konzepts, Frankfurt am Main 2005.

[2] Ausführlich dazu: Claudia Weber: Rezension zu: "Martina Baleva / Ulf Brunnbauer (Hgg.): Batak kato mjasto na pametta / Batak als bulgarischer Erinnerungsort, Sofia 2007", in: H-Soz-u-Kult, 28.04.2008, hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2008-2-074 (13.9.2012).

[3] Programm des Warburg-Kollegs 2006 "Die Nationalisierung der Kunst". Volltext hier: www.uni-hamburg.de/Kunstgeschichte/Programm-2006.pdf (13.9.2012).

[4] Ausführlich zur Kulturfunktion der Künste: Max Fuchs: www.kulturrat.de/dokumente/texte/KulturfunktionenderKuenste.pdf (13.9.2012).


Wolfgang Gruber

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Empfohlene Zitierweise:

Wolfgang Gruber: Rezension von: Matthias Krüger / Isabella Woldt: (Hgg.) Im Dienst der Nation. Identitätsstiftungen und Identitätsbrüche in Werken der Bildenden Kunst, Berlin: Akademie Verlag 2011
in KUNSTFORM 13 (2012), Nr. 10,

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Wolfgang Gruber
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Redaktionelle Betreuung:

Hubertus Kohle