Rezension

Thomas F. X. Noble: Images, Iconoclasm, and the Carolingians. , Philadelphia, PA: University of Pennsylvania Press 2009, 496 S., ISBN 978-0-8122-4141-9, 45.50 GBP
Buchcover von Images, Iconoclasm, and the Carolingians
rezensiert von Oliver Ramonat, Historisches Museum Frankfurt, Projektbüro Karolinger, Frankfurt am Main

Das Buch von Noble füllt eine echte Lücke - und es kommt zur rechten Zeit. Denn schon lange leidet die Debatte um die Bilderfrage an ihrer Mittelstellung zwischen den Disziplinen Theologie, Geschichte und Philosophie, an dem gewaltigen Textmassiv der Libri Carolini, die in keiner modernen Übersetzung vorliegen und daher nur Spezialisten vertraut sind, sowie an der verständlichen Scheu, den Graben zwischen Byzantinistik und der allgemeinen Geschichte des Frühmittelalters zu überwinden. Darüber hinaus besteht das Urteil, es handele sich bei den Libri Carolini, die nun einmal im Zentrum der Bilderfrage im Westen im späten 8. und gesamten 9. Jahrhundert stehen, um eine zu vernachlässigende, da politisch gescheiterte, nicht verbreitete Schrift ohne Nachwirkung. Bis auf Albert Haucks "Kirchengeschichte Deutschlands"[1] muss zurückgreifen, wer keine Spezialstudie, sondern eine Gesamtwürdigung dieser "Karlischen Bücher" lesen will. Selbst die vielen Spezialstudien der Editorin Anne Freeman können eine solche Gesamtschau einstweilen kaum ersetzen.

Aber gerade in den letzten Jahren beginnt sich diese große Leerstelle von allen möglichen Seiten aus zu füllen. Die Geschichte des westlichen und des östlichen römischen Reiches in den Jahrhunderten um 800 beginnt sich zu dynamisieren. Beispielhaft seien die großen Monographien von Chris Wickham und Leslie Brubaker / John Haldon herausgegriffen.[2] Zug um Zug wird hier ein neues Bild des gesamten 9. Jahrhunderts entworfen, dessen Geschichte allzu oft entweder als Verfallsgeschichte des 'großen' Reichs des 'großen' Karl oder als bloßer Durchgangsprozess zu den späteren (Proto-)Nationalstaaten erzählt wurde und nicht als Epoche eigenen Rechts. Auch Noble nennt diese Jahre als Ergebnis seiner intensiven Forschungen "that world's most dynamic and creative decades" (9). Die spezifische intellektuelle Kraft der Epoche wird mit seiner Studie sehr viel deutlicher.

Mittlerweile überwiegen also die Argumente, die in den Libri Carolini einen gewichtigen Beitrag sehen, die Zusammenfassung der Bilderauffassung der fränkischen Kirche schlechthin. Neuerdings existiert eine Dissertation, die im engeren Sinne theologische und philosophische Aspekte des Textes analysiert.[3] Auch deren Autorin geht davon aus, dass die Libri Carolini durchaus den Diskussionsstand 'des Westens' in der Frage der Bilderverehrung und überhaupt des Umgangs mit Bildern religiösen Inhaltes - nur um diese geht es - spiegeln.

Neue Nahrung fließt dem Thema nun durch die vor allem von Horst Bredekamp (neu) angestoßene Debatte um die "Bildakte" zu. Und der Mediävistik sollte es daran gelegen sein, hier ein gewichtiges Wort mitzusprechen. Nicht zuletzt am Hofe Karls des Großen und auf einer Synode in Frankfurt am Main (794) nämlich wurden Grundfragen der Bildtheorie und -theologie erörtert - und diese Entscheidungen sind wesentliche Punkte innerhalb der langen Entwicklung der Bilderwelt(en) des Westens; die Libri Carolini und die Synode von Frankfurt sind die ersten Höhepunkte eines reflektierten Umgangs mit Bildern. Bis ins 13. Jahrhundert führt Noble seine Studie fort, wo er zwar eine (mit dem Aristotelismus der Scholastik) neue philosophische Fundierung der Debatten findet, aber dennoch konstatieren kann: "to understand how the West talked about sacred art, it is necessary, and almost sufficient, to study how the Carolingians received and reflected on their late antique inheritance." (370)

Noble gelingt es nun auf einer sehr breiten Quellenbasis, die Bedeutung der Libri Carolini im Kontext vieler anderer "karolingischer" Beiträge zum Thema herauszustellen. Dabei geht er im Prinzip chronologisch vor, diskutiert zunächst die Bilderfrage vor dem Ikonoklasmus, dann den byzantinischen Bilderstreit und die Debatte im Westen. Den Libri Carolini sind dann zwei Kapitel gewidmet, eines dient dem Problemaufriss, das andere präsentiert die Rekonstruktion des in den Libri enthaltenen Bilderdiskurses; die zweite Epoche des Bilderstreites und ein Kapitel über "Art and Argument in the Age of Louis the Pious" schließen den Band ab.

Die Bilderfrage war durchaus auch im Weströmischen Reich ein Thema und Theodulf, der Autor der Libri Carolini, agierte keineswegs im luftleeren Raum. Es ging ihm um Grundfragen der karolingischen Theologie und Herrschaftsauffassung im allgemeinen, im Gewand der Bilderfrage - und das Thema wurde nach 794 auch auf der Synode von Paris 825 erneut aufgegriffen. Wieder kam der Anstoß aus Byzanz, Noble kann aber zeigen, dass die fränkische Diskussion keineswegs in einer bloßen Reaktion aufgeht. Die fränkische Kirche hatte eben an Eigenheit und Statur gewonnen - auch darum war es Theodulf um 790 zu tun gewesen. Diese Eigenständigkeit wird in Nobles Untersuchung eindrucksvoll deutlich, zum Beispiel im Rückgriff auf Texte von Beda, rund 200 Jahre vor den Libri Carolini. Noble hat alle diese Quellen gesichtet und er präsentiert ihre Argumente Zug um Zug, so dass ein lebendiges Bild einer karolingischen Kunst- und Bildertheorie entsteht. Noble führt kunsthistorische Fragen und bislang allenfalls theologie- und exegesegeschichtliche Erörterungen zusammen. Das leuchtet ein, denn die hier übliche Trennung der Disziplinen (oder zumindest der Erkenntnisinteressen) ist dem Gegenstand wenig angemessen. Und nicht nur diese Lücke wird geschlossen, auch eine Kontextualisierung mit anderen fränkischen Zeugnissen aus allen möglichen Richtungen und Gattungen gelingt. Erst dadurch entfaltet sich das argumentative Tableau der Libri Carolini, und zwar, wie Noble zu Recht anmerkt, zum ersten Mal überhaupt in dieser Vollständigkeit und Gediegenheit. Noble führt dann sein Thema durch das gesamte 9. Jahrhundert durch und nennt Autoren wie Claudius von Turin, Jonas von Orléans, Dungal von Pavia, Agobard von Lyon, Einhard, Walahfrid Strabo und Hrabanus Maurus.

Es ist nachgerade erstaunlich, wie lebendig diese Debatte geführt wurde. Beispielhaft seine sorgfältige Rekonstruktion von Theodulfs Künstlerbegriff (224); ein wahrlich vermintes Feld - in Nobles Ausführungen findet sich gleichwohl keinerlei Anachronismus und auch kein unentschieden-nichtssagendes Sowohl-als-auch. Noble liest die Texte immer auch gegen den Strich und rekonstruiert unter den Stichworten "Tradition, Order, Worship" die zugrunde liegenden Verstehensmuster. Die Antworten der Autoren waren ganz unterschiedlich, aber es zeigt sich: auch im Westen geht es (wie im Oströmischen Reich) um die Hierarchie in Kirche und Welt und um ein neues, christlich gewendetes Herrscherideal. Noble stellt die traditionelle Debatte um diese Texte geradezu auf den Kopf, wenn er folgert, dass es gerade das sperrige Thema war, das in einem kreativen Moment der Weltgeschichte, wo viele Wege offenstanden, im Zusammenspiel mit einem Intellektuellen wie Theodulf zu einem entscheidenden Faktor der Weltgeschichte werden konnte (243).

So kann Noble am Ende dieser quellengesättigten und konzeptionell sehr klaren Studie konstatieren, dass die karolingischen Gelehrten (und bei den Libri Carolini wohl auch Karl der Große selbst) einen sehr differenzierten, den Byzantinern ebenbürtigen Diskurs über Bilder führten, dass sie dabei untereinander nicht immer einer Meinung waren, sondern sich auch bei diesem Thema im Denkstil der Epoche bewegten - der durch Exegese und Kommentar mit ihrer jeweils spezifischen Dynamik gekennzeichnet war. Noble zitiert hier John Contrenis "Inharmonious Harmony" als Inbegriff der Physiognomie der Exegese als Wissenschaft (368).

In der Bilderfrage mündeten alle theoretischen Bemühungen, so Noble, in einer "grundsätzlichen Indifferenz" der Karolinger, die Kunstwerke weder zu hoch achten, noch sie verdammen wollten, die Bilder weder verehrten noch sie zerstörten, und die Künstler in einem Maße achteten, das diesen 'Handwerkern des Schönen' einen breiten Entfaltungsrahmen und ein dynamisches Betätigungsfeld eröffnete. Keine Gängelung, sondern Wohlwollen: Die Karolinger erwarteten weder ihr Heil noch ihren Untergang von den Bildern; es gab für sie keine "heiligen" Bilder und insofern auch keine per se "richtigen" und "falschen" Bilder. Hier, nach diesen Debatten, konnte sich der Begriff des Schönen, der Schönheit entfalten. - Sollen wir sagen: Nur hier?


Anmerkungen:

[1] Albert Hauck: Kirchengeschichte Deutschlands, Bd. 2, 2. Aufl. Leipzig 1900, 307ff.

[2] Chris Wickham: Framing the Early Middle Ages, Oxford 2005; Leslie Brubaker / John Haldon (eds.): Byzantium in the Iconoclast Era, Cambridge 2011.

[3] Kristina Mitalaité: Philosophie et Théologie de l'Image dans les Libri Carolini, Paris 2007.


Oliver Ramonat

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Oliver Ramonat: Rezension von: Thomas F. X. Noble: Images, Iconoclasm, and the Carolingians. , Philadelphia, PA: University of Pennsylvania Press 2009
in KUNSTFORM 13 (2012), Nr. 10,

Rezension von:

Oliver Ramonat
Historisches Museum Frankfurt, Projektbüro Karolinger, Frankfurt am Main

Redaktionelle Betreuung:

Martina Giese