Rezension

Brandenburgisches Landesamt für Denkmalpflege und Archäologisches Landesmuseum / Detlef Karg: (Hgg.) Mittelalterliche Wandmalerei in Brandenburg. Band 1: Der Südosten - die Brandenburgische Lausitz, Worms: Wernersche Verlagsgesellschaft 2010, 238 S., ISBN 978-3-88462-302-2, 48.00 EUR
Buchcover von Mittelalterliche Wandmalerei in Brandenburg
rezensiert von Anja Seliger, Berlin

Das Brandenburgische Landesdenkmalamt erarbeitet derzeit in Zusammenarbeit mit dem Archäologischen Landesmuseum eine Schriftenreihe mit dem Ziel der flächendeckenden Erfassung der brandenburgischen Wandmalereien. Der erste Band dieses immensen Unternehmens ist nun erschienen und behandelt die Wandmalereien der brandenburgischen Lausitz. Schon ein erster Blick in das 238 Seiten umfassende Werk zeigt, wie lohnenswert die Beschäftigung mit diesem noch jungen Untersuchungsfeld der brandenburgischen Kunstgeschichte ist, denn viele der vorgestellten Befunde stellen Neufunde dar, die an dieser Stelle nun erstmals publiziert werden. Aber auch die bereits bekannten Befunde fanden in der älteren Forschung kaum Beachtung oder waren an entlegener Stelle publiziert. [1] Auch auf der 2005 abgehaltenen Tagung zur Wandmalerei der Bischofsresidenz Burg Ziesar widmete sich keiner der zahlreichen Beiträge den Farbfassungen der Niederlausitz. [2] Der zu besprechende Band beseitigt nun dieses Defizit und offenbart einmal mehr die Vielfalt der brandenburgischen Kunstlandschaft.

Einleitend muss angemerkt werden, dass die Publikation nicht innerhalb eines groß angelegten Forschungsvorhabens entstanden ist. Vielmehr sind die vorgestellten Befunde ein Ergebnis der baulichen Konservierung der Kirchen und präsentieren somit einen Ausschnitt aus der Arbeit des Landesdenkmalamtes, der hiermit der weiteren Forschung zugänglich gemacht werden soll.

Dem Katalogteil ist ein umfassender Textteil vorangestellt, der zunächst einen kurzen Überblick über den Forschungsstand zu den Wandmalereien im Land Brandenburg (Hans Burger) und den Bestand in der Niederlausitz (Hans Burger und Udo Drott) bietet. Die Aufsätze zum Kirchenbau in der Niederlausitz (Dirk Schumann), der Region als Kunstlandschaft (Peter Knüvener) sowie zur Rolle der Wandmalerei in der Laienfrömmigkeit (Marina Flügge) zeigen, dass die Wandfassungen nicht losgelöst vom Raumgefüge betrachtet werden können und betten sie in die regionale Kunstlandschaft ein. Zwei Aufsätze widmen sich den Malereien aus denkmalpflegerischer Sicht (Bärbel Arnold und Udo Drott / Mechthild Noll-Minor). Sie unterstreichen eindringlich die Notwendigkeit konservierender Maßnahmen, zeigen zugleich aber auch das Potential naturwissenschaftlicher Untersuchungen für die weitere Erforschung der Wandmalereien.

Der Katalogteil listet 30 Orte und erhebt dennoch keinen Anspruch auf Vollständigkeit, da noch nicht alle Kirchenbauten der Region untersucht werden konnten und aus einigen Bauten "weitere Wandmalereien unter jüngeren Schichten zu erwarten sind" (39). Jeder Katalogeintrag liefert Informationen zum Gebäude und einen Baualtersplan. Auf die Beschreibung des Innenraumes folgt die der Wandmalereien. Sie werden datiert, die figürlichen Darstellungen zudem ikonografisch gedeutet und kunsthistorisch eingeordnet. Ferner werden der Zustand, die Restaurierungsgeschichte und notwendige weitere konservatorische Maßnahmen dargelegt.

Eine besondere Stärke des Katalogteils sind die schematischen Darstellungen der bekannten Wandmalereien mithilfe ausgeklappter Wandflächen und einer übersichtlichen Legende. Insbesondere umfangreiche Zyklen, wie in Briesen, sind dadurch in ihrer Komplexität leicht zu erfassen. Ein weiterer Vorzug des Bandes ist die fast durchgängige farbige Bebilderung mit zahlreichen Übersichts- und Detailfotos. Die ergänzenden Abbildungen in den Textbeiträgen sind mithilfe einer Liste am Ende jedes Katalogeintrages leicht zugänglich. Im Zusammenspiel der verschiedenen Präsentationsformen wurde das Problem der angemessenen Darstellung hier hervorragend und für die Forschung gewinnbringend gemeistert.

Der sehr heterogene Bestand an Wandmalereien umfasst neben Innenraumfassungen mit mehr oder weniger großflächigen figürlichen Darstellungen (Briesen) oder illusionistischer Architekturmalerei (Luckau) auch ornamentale Steingefügemalerei (Friedersdorf) und Farbfassungen am Außenbau (Goßmar). Auffällig ist vor allem der hohe Bestand an Wandmalereien in den Dorfkirchen der Niederlausitz, die die Vermutung zulassen, "dass [...] mehr vorhanden war, als anderswo" (39). Dass die Farbfassung von Wänden kein Privileg des Kirchenbaus waren, belegen die qualitätvollen Malereien im Luckauer Rathaus. Sehr erfreulich ist die Aufnahme nicht mehr existierender Dorfkirchen, die dem Braunkohletagebau weichen mussten. Da die Wandfassungen vor dem Abriss oftmals nur unzureichend dokumentiert wurden, ist das Verdienst dieser Publikation, dass diese Malereien nicht endgültig in Vergessenheit geraten.

Hervorzuheben ist der Aufsatz von Hans Burger und Udo Drott, der neben einem generellen Überblick eine erste kunsthistorische Einordnung der Wandmalereien der Niederlausitz wagt und Werkstattbezüge herauszuarbeiten sucht. Dies gelingt den Autoren für 5 Kirchen um Luckau und Cottbus. Hauptargument ist die allen gemeinsame Bildunterteilung mittels grauer, einseitig rot begrenzter Bänder. Unglücklich ist allerdings die Bezeichnung als 'Briesener Gruppe', zeigt doch gerade die Feldeinteilung des namensgebenden Ortes eben nicht die zusätzliche charakteristische Ornamentierung des Farbbandes durch aufgemalte mandelförmige Applikationen. Die Zugehörigkeit zu einer Werkgruppe konnte indes durch ikonografische Gemeinsamkeiten untermauert werden.

Dass die Wandfassungen der Niederlausitz auch zur Klärung weitreichender Fragestellungen herangezogen werden können, zeigt der Beitrag von Dirk Schumann anhand der Dorfkirchen in Wolkenberg und Steinitz. Beide verfügen an der südlichen Chorwand über eine Segmentbogennische mit niedriger Sohle, die in Steinitz zudem farblich gefasst ist. Sie legen eine Deutung als Zelebrantennische nahe und weisen möglicherweise auf das Vorhandensein zusätzlicher Altaristen hin (32). Der Band liefert somit neue Impulse für die Erforschung der mittelalterlichen Liturgie im ländlichen Kirchenbau.

Fazit: Der Auftakt der Schriftenreihe ist rundum gelungen und zeugt eindrücklich vom Bemühen der brandenburgischen Denkmalpflege, die Wandmalereien als "integralen Bestandteil spätgotischer Raumgestaltung" (11) greifbar zu machen. Da sich der Katalog der Wandmalereien als Inventar versteht, kann und will er über eine erste kunsthistorische Einordnung hinaus keine Bearbeitung des Materials leisten. Dem ambitionierten Unternehmen sei es gewünscht, dass ihm auch in Zukunft die finanzielle und personelle Unterstützung zuteilwird, die die Fortführung der Schriftenreihe zur mittelalterlichen Wandmalerei Brandenburgs im angemessenen Rahmen ermöglicht.


Anmerkungen:

[1] Heinrich Nickel: Mittelalterliche Wandmalerei in der DDR. Leipzig 1979, insbesondere 194-206; Peter Findeisen: Die Briesener Wandmalerei von 1486, in: Letopis, Jahresschrift für sorbische Volksforschung, Reihe C (1971), Nr. 14.

[2] Clemens Bergstedt u.a. (Hgg.): Bischofsresidenz Burg Ziesar und ihre Kapelle: Dokumentation der Wandmalereien in der Bischofsresidenz Burg Ziesar im Kontext der Mark Brandenburg und angrenzender Regionen, Berlin 2009.


Anja Seliger

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Anja Seliger: Rezension von: Brandenburgisches Landesamt für Denkmalpflege und Archäologisches Landesmuseum / Detlef Karg: (Hgg.) Mittelalterliche Wandmalerei in Brandenburg. Band 1: Der Südosten - die Brandenburgische Lausitz, Worms: Wernersche Verlagsgesellschaft 2010
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Rezension von:

Anja Seliger
Berlin

Redaktionelle Betreuung:

Ulrich Fürst