Rezension

Editorial

Raum und Ort als Kategorien der Kunstgeschichte

Liebe Leserinnen und Leser,

immer wieder möchte KUNSTFORM durch thematische Sonderausgaben den Blick auf bestimmte Sach- und Methodenfelder der Disziplin Kunstgeschichte lenken. Diesmal sollen es die zugegebenermaßen hochabstrakten und eines Metadiskurses dringend bedürftigen Begriffe des Raumes und des Ortes und ihre Anwendungen sein.

Problematische Raumbegriffe

Es besteht kein Zweifel, dass die Grundkategorie des Raumes und der speziellere Begriff des Ortes zur Zeit eine Renaissance in den Kulturwissenschaften erfahren, die auch die Kunstwissenschaft erfasst hat. Wenn allerdings die neuen Arbeiten - und auch die Mehrzahl der in der vorliegenden Sonderausgabe besprochenen tun dies - die Fruchtbarkeit der neuen Fragestellungen so eindrucksvoll belegen, dann drängt sich die Frage auf, warum dieser Zugriff erst jetzt zur Entfaltung kommt.

Eine naheliegende Antwort wäre der Verweis auf all jene Kontexte, in denen der Raumbegriff in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts für völkische, rassistische und faschistische Ziele instrumentalisiert wurde. "Lebensraum" und "Volk ohne Raum" sind wohl nur zwei Schlagworte in einer nicht nur politisch umkämpften, sondern am Ende auch ins Verbrechen führenden Anwendung der Raumkategorie. Das Thema Raum ist also "vermintes Gelände", wie es Rudolf Maresch anschaulich ins Bild stellt. [1]

Allerdings glauben die Herausgeber dieser Sonderausgabe, dass es noch einen tieferen Grund für Zurückhaltung gegenüber dem Begriff Raum gibt. Das Problem ist in diesem Zusammenhang nicht der objektivierte und mathematisierte Raum, wie ihn etwa die Physik verwendet, sondern der konkretere Fall des sozialen und kulturellen Raumes. Konkrete Raumbegriffe sind nämlich nicht, wie man Kant falsch verstehend glauben könnte, eine universale Kategorie, sondern haben jeweils eine Geschichte und sperren sich oft dem Gegeneinanderverrechnen, wie es Martina Löw sehr gut nachvollziehbar herausgearbeitet hat. [2]

In Goethes 1809 zuerst erschienen "Wahlverwandtschaften" haben wir einen klassischen Roman, in dem auch das Thema des Raumes aufscheint, nämlich bei der Gestaltung eines englischen Landschaftsgartens. Aus dieser Perspektive ist der Roman auch Zeuge für eine eigentümliche Reserviertheit gegenüber einem Aspekt des Raumes, nämlich dem des spezifischen Orts: "Als man ihm hingegen Kirche, Kapelle, und was sich darauf bezog, mit Zufriedenheit sehen ließ, konnte er seine Meinung, seine Gesinnungen darüber nicht zurückhalten. 'Was mich betrifft,' sagte er, 'so will mir diese Annäherung, diese Vermischung des Heiligen zu und mit dem Sinnlichen keineswegs gefallen; nicht gefallen, daß man sich gewisse besondere Räume widmet, weihet und aufschmückt, um erst dabei ein Gefühl der Frömmigkeit zu hegen und zu unterhalten. Keine Umgebung, selbst die gemeinste nicht, soll in uns das Gefühl des Göttlichen stören, das uns überallhin begleiten und jede Stätte zu einem Tempel einweihen kann.'" (gegen Anfang des 7. Kapitels).

Was hier zum Ausdruck kommt, ist eine Abneigung gegenüber einer Grundeigenschaft des sozialen und kulturellen Raumes, nämlich seiner rational nicht zu beherrschenden Diskontinuierlichkeit und seinem Zerfall in einander inkommensurabler Orte mit jeweils eigener Bedeutungsaufladung. Diese werden nun aus aufklärerischer Perspektive, dem Ahnherr der modernen Wissenschaft, eher zu einem zu überwindenden Relikt einer dunkleren, unverständlichen Vergangenheit und weniger zu einem Unterpfand kulturellen Reichtums. Jedenfalls lange Zeit nicht in der wissenschaftlichen Theoriebildung.

Raumbegriffe der Kulturwissenschaften im 20. Jahrhundert

Trotzdem hat es dann seit den Jahren um 1900 mehrere sehr wichtige Impulse für einen kulturwissenschaftlichen Raumbegriff gegeben. In Bezug auf die Architektur werden diese Ansätze in mehreren Aufsätzen des besprochenen virtuellen Sammelbandes von Cornelia Jöchner und Kirsten Wagner in ihrer historischen Genese dargestellt. Ein zweiter, essentieller Impuls kam damals aus der geografisch ausgerichteten Geschichtsforschung, wie sie sich später unter dem Signet der französischen "Schule der annales" zu großen Einfluss entwickelt hat [2]. Der von Thomas DaCosta Kaufmann und Elisabeth Pilliod herausgegebene, hier besprochene Sammelband thematisiert dies sehr einsichtlich in seinem einführendem Kapitel.

In die Vorkriegszeit gehören auch noch Maurice Halbwachs Überlegungen zur kollektiven Psyche, zum sozialen und kulturellen Gedächtnis und seine Forschungen zur ortsbezogenen Erinnerungskultur. Sein besonders in den "Stätten der Verkündigung im Heiligen Land" ausformulierter Raumbegriff, auf den er gerade wegen der materiellen Qualität zur sinnlichen Vergegenwärtigung zurückgriff, und der ihm daher als Anschauungsform kollektiver Psyche diente, wurde allerdings bisher in der kunstgeschichtlichen Forschung zur Beschreibung von Erinnerungsräumen kaum reflektiert. [3]

Raumbegriffe heute

Natürlich ist es schwierig, im Medium einer Rezensionen-Zusammenstellung von Monografien, die möglichst auch noch aus allerjüngster Zeit stammen sollen, einen repräsentatives Bild von der aktuellen Forschungssituation zu zeichnen. Die beiden Herausgeber bitten deshalb um Nachsicht für nicht Genanntes. Trotzdem dürfte die Kunstwissenschaft von der Zusammenstellung profitieren, auch gerade da, wo sie eher nur am Rande tangiert wird, wie es in einigen der besprochenen Beiträge der Fall ist.

Die teils durch Absicht, teils aber auch durch produktive Zufälle in diesem Themenheft besprochen versammelten Texte spiegeln nicht nur die hohe Diversität von Raummodellen wie etwa dem fiktionalen, stimulierten, virtuellen oder manipulierten Raum wieder, sondern stehen zugleich für höchst unterschiedliche kunst- und kulturwissenschaftliche Zugriffsweisen auf diese pluralisierten Raumkonzepte.

Für die Aktualität und gesellschaftspolitische Relevanz des Raumes als Denkkategorie legt der besprochene Symposionsband "Topos Raum" nicht allein technische und wirtschaftspolitische Argumente vor, sondern reagiert auch auf Fragen zu schrumpfenden Städten in westlichen Industrienationen, zur Privatisierung und gleichzeitige Simulation des öffentlichen Raums. Nicht zuletzt Jürgen Habermas provokanten Überlegungen zum Thema "Öffentlichkeit und Privatheit in der Vormoderne" haben eine fruchtbare Fülle von Forschungen angestoßen, den Öffentlichkeitsbegriff der Vormoderne zu differenzieren und dabei den Raum als eine entscheidende Analysekategorie eingeführt.

Bereits Wolfgang Kemp hat in seinen Räumen der Maler die Parallele von Privat/Öffentlich sowie Innen/Außen problematisiert, das zuletzt genannte Begriffspaar erfolgreich zur Beschreibung und Bewertung der neuartigen Bildarchitekturen in der italienischen Malerei des 13. Jahrhunderts angewandt und dabei die Frage aufgeworfen, ob die "verwandelnden Umformungen" das Indiz für Transformation auf dem Gebiet der gesellschaftlichen "Raumformen" sein können. [5] In den unterschiedlichen temporären Konkretionen von Privatheit und Öffentlichkeit am selben Ort sowie den Zwischenräumen erweist sich der Raum als ein sozialer Raum, wie er auch in einer Reihe der hier vorgestellten Publikationen untersucht wird.

Die Bindung des Körpers an die Wahrnehmung von Räumen, hier vor allem der virtuellen Räume, die Rolle des Blickes und seiner geschlechtsspezifischen Ausrichtung ist vor allem Thema des besprochenen Tagungsbandes "Virtuelle Räume", in dem der Betrachter als Untersuchungskategorie für die Produktion von Räumen erkennbar wird. [6] Diesen vernachlässigend macht Eva Mongi-Vollmer am Beispiel des Künstlerateliers auf den Theorien von Foucault und Deleuze/Guattari den diskursanalytischen Zugang zur Beschreibung jener Raumkonzepte fruchtbar, welche die Vorstellung des Künstlerateliers im 19. Jahrhundert bestimmten.

Die Leserin und der Leser sollen sich durch diese Vielfalt nicht abschrecken lassen, sondern mit ihr im Hintergrund zu eigenen Entdeckungen aufbrechen.

Wir wünschen viel Neues beim Lesen,

Stephan Hoppe / Kristin Böse

Anmerkungen:

[1] Rudolf Maresch: Das Reich ist überall. Zur politischen Renaissance des Raumes <ahref="http://www.rudolf-maresch.de/berichte/18.pdf" target="_blank">www.rudolf-maresch.de/berichte/18.pdf

[2] Fernand Braudel: Das Mittelmeer und die mediterrane Welt in der Epoche Philipps II. (zuerst 1949). Frankfurt/Main 1990.

[3] Martina Löw: Raumsoziologie. Frankfurt/Main 2001.

[4] Maurice Halbwachs: Stätten der Verkündigung im Heiligen Land. Eine Studie zum kollektiven Gedächtnis. Herausgegeben und aus dem Französischen übersetzt von Stephan Egger. Konstanz 2003; eine Onlinerezension dieser deutschen Übersetzung unter: www.sehepunkte.historicum.net/2004/11/6638.html. Später wurde dann das Konzept des kulturellen Erinnerns aufgegriffen von: Jan Assmann: Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen, München 1992. Rezipiert in der kunstgeschichtlichen Forschung beispielsweise von Stephan Albrecht: Die Inszenierung der Vergangenheit im Mittelalter. Die Klöster von Glastonbury und Saint-Denis, München, Berlin 2003, 10-12.

[5] Wolfgang Kemp; Die Räume der Maler. Zur Bilderzählung seit Giotto. München 1996, 16f.

[6] Vgl. auch Haiko Wandhoff: Ekphrasis. Kunstbeschreibung und virtuelle Räume in der Literatur des Mittelalters, Berlin 2003.

Gerne hätte wir auch die folgenden neueren kunstwissenschaftlich relevanten Bücher besprechen lassen, aber aus verschiedenen Gründen war dies leider nicht möglich:

Thomas DaCosta Kaufmann: Toward a geography of art. Chicago, London 2004.

Susanne Rau / Gerd Schwerhoff (Hg.): Zwischen Gotteshaus und Taverne. Öffentliche Räume in Spätmittelalter und Früher Neuzeit. Köln 2005. Eine Online-Rezension unter: hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=4953&count=117&
recno=7&type=rezbuecher&sort=datum&order=down&geschichte=58

Jörg Dünne / Hermann Doetsch / Roger Lüdeke (Hg.): Von Pilgerwegen, Schriftspuren und Blickpunkten. Raumpraktiken in medienhistorischer Perspektive. Würzburg 2004. Eine Online-Rezension unter: iasl.uni-muenchen.de/rezensio/liste/Maier3826028422_1312.html

Gottfried Kerscher: Kopfräume. Eine kleine Zeitreise durch virtuelle Räume. Kiel 2000.

Franz Kohlschein / Peter Wünsche (Hg.): Heiliger Raum. Architektur, Kunst und Liturgie in mittelalterlichen Kathedralen und Stiftskirchen. Münster 1998.

Ulrich Müller: Raum, Bewegung und Zeit im Werk von Walter Gropius und Ludwig Mies van der Rohe. Berlin 2004. Eine Rezension von Kathleen James-Chakraborty ist zu finden unter: www.sehepunkte.historicum.net/2005/09/7802.html

 


zur Ausgabe KUNSTFORM 7 (2006), Nr. 4

Empfohlene Zitierweise:

Stephan Hoppe: Rezension von: Thomas DaCosta Kaufmann / Elizabeth Pilliod: (ed.) Time and Place. The Geohistory of Art, Aldershot: Ashgate 2005
in KUNSTFORM 7 (2006), Nr. 4,

Rezension von:

Stephan Hoppe
Universität zu Köln

Redaktionelle Betreuung:

Hubertus Kohle