Rezension

Herbert W. Rott / Joachim Kaak: (Hg.) Das 19. Jahrhundert. Die Neue Pinakothek, Köln: DuMont 2003,
Buchcover von Das 19. Jahrhundert
rezensiert von Jan Bykowski, Wien

Jubiläen sind immer ein willkommener Anlass zu Neuerscheinungen. Wenn aber zum 150-jährigen Bestehen der Neuen Pinakothek in München von demselben Herausgeber neben einer Festschrift zu Gründung und Gründer dieses Hauses, König Ludwig I. von Bayern [1], auch der abschließende Band des Bestandskataloges herausgegeben wird [2], ist die Neugier auf die Aufgabe, welche sich Herbert W. Rott zusammen mit Joachim Kaak mit dem dritten Buch "Das 19. Jahrhundert. Die Neue Pinakothek" stellt, geweckt.

Dieser von den Kuratoren für das 19. sowie frühe 20. Jahrhundert vorgelegte Band unterscheidet sich bereits äußerlich von den beiden anderen Schriften, sein größeres Format bietet Raum für hochwertige Abbildungen. So findet denn auch - vor jedem Text - ein bebildertes Einschreiten in die Pinakothek statt: Ganzseitige Schwarzweißfotos führen den Betrachter durch die ersten Seiten diese Bandes vom Außen- und Eingangsbereich in die inneren Räumlichkeiten des Museums. Erst nach dieser "bildlichen" Einführung folgt die Einleitung, in welcher der Generaldirektor der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, Reinhold Baumstark, auf die Besonderheiten der Neuen Pinakothek und ihrer Geschichte hinweist. Im anschließenden Hauptteil darf sich der Leser auf eine Führung durch ausgewählte Meisterwerke der Galerie freuen.

In diesem Hauptteil bemüht man sich erfolgreich, es dem Leser so angenehm wie möglich zu machen: Einer jeweils ganzseitigen Farbabbildung auf der rechten Seite steht ein halb- bis ganzseitiger Text auf der linken gegenüber. Hier wird der Künstler kurz vorgestellt, sodann das Bild mit seinen Besonderheiten beschrieben und kunsthistorisch eingeordnet. Knapper gehalten als beispielsweise die auf den "Bildtipp des Monats" zurückgegangene Aufsatzsammlung "Zur Kunst des 19. Jahrhunderts" des Wallraf-Richartz-Museums [3] und ohne wissenschaftlichen Apparat, könnten die Texte der Neuen Pinakothek unverändert für einen Audio-Guide übernommen werden. Dies bereitet ein kurzweiliges Vergnügen, welches nicht unterschätzt werden sollte. In den konzisen Texten dürfte auch mancher Experte noch Neues aufstöbern. Zur wissenschaftlichen Arbeit eignen sie sich, obwohl durch Identifikation des jeweiligen Autors zitierfähig, kaum. Für eine Suche nach einer bestimmten Information sind sie nicht konzipiert, selbst ein Inhaltsverzeichnis zu diesen 120, grob in zeitliche Abfolge gestellten Meisterwerken fehlt. Dies wird allerdings durch die angeschlossene Bibliografie kompensiert. Hier finden sich zu den vertretenen Künstlern in alphabetischer Reihenfolge neben je drei bis sieben weiterführenden Literaturangaben auch die Seitenzahlen, auf denen die Bilder zu finden sind. Dies ist umso hilfreicher, da ihre Reihenfolge im Bildteil in keiner Hinsicht durch formale Strenge auffällt. Auch dies trägt zur Leichtigkeit der Lektüre bei, soweit geht das Konzept auf.

Allerdings zeigen sich auch Schwächen. So wären die Lebensdaten der Künstler eine willkommene Information, auf die leider verzichtet wird. Beim offenbar angepeilten Leser vorauszusetzen sind sie freilich nicht. Ferner wäre auch hinsichtlich der Konsequenz, mit welcher an der Einteilung von Text auf der linken und dem entsprechenden Bild auf der rechten Seite festgehalten wird, mancherorts eine kleine Nachsicht angenehm. So wird etwa der "Sommer" von Caspar David Friedrich als Teil eines Paares beschrieben, das verloren gegangene, aber in Fotografie ja noch zugängliche Gegenstück "Winter" findet sich dagegen nicht abgebildet (112 f.). Da sich seine Landschaft deutlich von der des "Sommers" unterscheidet, und nicht etwa dieselbe Landschaft ohne Laubwerk, aber mit Schnee vorstellt, bedeutet dies durchaus einen Verlust. Eine weitere Abbildung wäre also wünschenswert gewesen und hätte dem Verständnis geholfen, zumal in der beigegebenen Interpretation darauf deutlich Bezug genommen wird. Hier zeigen sich die Grenzen des Buches: Die Bilder werden vorgestellt, aber kaum zur Diskussion gestellt. In diesem Falle kann auch der vorliegende Bestandskatalog nicht helfen: Nachdem es verbrannt ist, gehört das Bild des "Winters" schlechterdings nicht mehr zum Bestand. Andernorts zeigt sich dagegen weniger strenge Disziplin: So wird das 19. Jahrhundert noch großzügiger aufgefasst, als in der Geschichtswissenschaft ohnehin üblich. In der Neuen Pinakothek dauert das sehr lange 19. Jahrhundert bis in das Jahr 1921, aus dem das jüngste der vorgestellten Bilder stammt.

Der "Ausgang" aus dem Gemäldeteil erfolgt dann wieder in Form von halb-, ganz- und doppelseitigen Bildern ohne Text, welche diesmal keinen räumlichen, sondern einen zeitlichen Gang durch die Neue Pinakothek bieten: Von den Zeichnungen des ersten Gebäudes geht es durch Innenansichten aus der Zeit des Kaiserreichs und der Weimarer Republik zu den Ruinen nach dem Zweiten Weltkrieg, womit der Betrachter zunächst entlassen wird.

Angesichts dieser deutlich mehr augen- als diskussionsorientierten Schwerpunktsetzung scheint es nur folgerichtig, wenn die auf diesen Bildteil folgenden Texte einen eher ergänzenden Eindruck machen. In "Die Pforten des Ruhmes", dem ersten von drei Aufsätzen, beschäftigt sich Rott mit dem Gründer Ludwig I. und seiner Idee eines Museums für die neuere Kunst. Die etwas zu begeisterte Schilderung des bayerischen Königs lässt dabei manches außer Sicht geraten. Dass die Umbruchphase im ausgehenden 18. Jahrhundert von Ludwig als historische Zäsur empfunden wurde, worauf er ein Museum für die Kunst des 19. Jahrhunderts zu gründen beschloss, mag unwidersprochen sein. Eine Andeutung, worin diese Zäsur sich äußerte, woher sie kam und dass sie möglicherweise auch anderen als Ludwig I. aufgefallen ist, hätte dessen Bild sicher kaum Abbruch getan, den Blick aber etwas vollständiger erscheinen lassen.

Nach einer kurzen historischen Einleitung wird erneut das den Leser im besten Sinne "mitnehmende" Verfahren einer Museumsführung in Buchform angewendet, diesmal durch die erste Hängung der Neuen Pinakothek nach ihrer Eröffnung. Hierin findet sich fast unbemerkt die Forschungsleistung des Aufsatzes: Es war dieser historische Rundgang erst nach Auswertung des ersten Kataloges rekonstruierbar, was durch Rott geleistet wurde. Dass diese Ergebnisse auch in der Festschrift "Ludwig I. und die Neue Pinakothek" gebracht wurden [4], schmälert sie nicht, dass er dort vollständig wiedergegeben wird, während sich an dieser Stelle lediglich eine zusammenfassende Beschreibung findet, passt ins Konzept. Nach einer Andeutung der damaligen Debatte wurde leider auf eine Diskussion der Hängung verzichtet. Dies ist bedauerlich, da die Ausstellungspraxis gerade in der Kunstgeschichte ihren Platz zu beanspruchen beginnt.

Im zweiten Aufsatz des Buches geht Christian Lenz, als inzwischen pensionierter Kurator für die 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts zuständig, auf die Sammler nach Ludwig ein, welche zum heutigen Bestand beigetragen haben. Indem die Beiträge etwa von Adolf Friedrich von Schack, Konrad Fiedler und besonders Hugo von Tschudi beschrieben und ihre jeweiligen Ansätze dargestellt werden, wird das Verständnis einer zusammengetragenen Anzahl von Bildern als Sammlung gefördert. Dies ist um so wertvoller, da Kunsthistoriker es nicht immer als Teil ihrer Aufgabe verstehen. Dass in dieser Reihe von Privatleuten auch Ludwig I. als ein Sammler zu sehen ist, dessen private Erwerbungen in die Neue Pinakothek eingeflossen sind, trägt vielleicht eine unbeabsichtigte Relativierung in sich. Die Frage nach der Stellung der Neuen Pinakothek im Staate wird hier nicht beantwortet, worauf hinsichtlich des dritten Aufsatzes noch zurückzukommen sein wird. Bedauerlicherweise wird nur sehr kurz am Ende dieses Aufsatzes auf die Architektur des heutigen Gebäudes eingegangen. Mit dem Hinweis auf Materialien, welche würdevoll altern ohne zu verrotten, wird die Frage des Alterswertes im Denkmalschutz angedeutet, mit dem Hinweis auf die Einbeziehung von Tageslicht und den umgebenden Grünanlagen ist die gerade für das 19. Jahrhundert so wichtige Rolle der Natur angedeutet. Eine weitere Ausführung hätte manchem Besucher, für den dieses Buch gemacht zu sein scheint, vielleicht noch mehr sehen lassen.

Abgeschlossen wird das Buch mit einem erhellenden Beitrag zur Entstehung des Museums als Institution von Alexis Joachimides. Seine Darstellung des Wandels der Museen von einem Ort des Messens neuer an alter Kunst im Unterschied zur Auffassung des 19. Jahrhunderts, das der gegenwärtigen Kunst auch aktuelle Aufgaben "zumutete", wird anhand des Louvre und des Musée du Luxembourg exemplifiziert und die Entwicklung in der Folgezeit an weiteren Beispielen verfolgt. Doch hat diese Darstellung auch Lücken: In einem Buch, welches so häufig vom ersten Museum spricht wie das vorliegende, wäre das Fridericianum in Kassel als das erste als Museum errichtete Gebäude - und das im Jahre 1779 - zumindest eine Erwähnung wert. Seine Berücksichtigung hätte den Irrtum, es habe sich bei diesen frühen Museen um Institutionen für Privilegierte gehandelt, verhindert. Einzige Bedingung zum für alle Bürger kostenlosen Besuch der Ausstellung in Kassel war eine angemessene Bekleidung. Eingedenk der Hinweisschilder, welche etwa in der Wiener Staatsoper den Besucher auch heute um angemessene Kleidung bitten, sollte hier doch über einen Bildungsauftrag, welcher dem Museum auch vor dem 19. Jahrhundert beigegeben wurde, weiter nachgedacht werden. Ebenso unklar bleibt die Kontrastierung der Weigerung des Preußischen Staates, zeitgenössische Kunst zu fördern, mit der Haltung Bayerns. In beiden Ländern waren es Privatleute, die sich entsprechend engagiert hatten. Auf den Umstand, dass Ludwig I. seine privaten Mittel für die Neue Pinakothek, die erst 1915 staatlich wurde, eingesetzt hatte, ist für diese Gegenüberstellung zu häufig hingewiesen worden. Damit taucht hier erneut das bereits angesprochene Problem der Stellung der Neuen Pinakothek im Staate auf, für das auch hier keine Lösung gefunden wird.

Eine gewisse Begeisterung für den eigenen Standort ist sicher legitim, wirft aber die Frage nach der Aufgabe des vorliegenden Bandes erneut auf. Die Lücke, welche "Das 19. Jahrhundert. Die Neue Pinakothek" zwischen den beiden anderen Publikationen zum Jubiläum schließt, ist sicher keine wissenschaftliche. Ein Bestandskatalog liegt bereits vor, die frischen Erkenntnisse aus den ersten Ausstellungskatalogen wurden bereits veröffentlicht. Der vorliegende Band zeichnet sich dagegen neben seiner gefälligen Aufbereitung der Neuen Pinakothek durch seine guten Abbildungen aus. In dieser edlen Form ist er aber als reines Souvenir für den Museumsshop fast zu schade.


Anmerkungen:

[1] Herbert W. Rott (Hg): Ludwig I. und die Neue Pinakothek, München 2003.

[2] Bestandskataloge der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, Die Neue Pinakothek München, Gemäldekataloge: Band IV, Spätklassizismus und Romantik, bearbeitet von Thea Vignau-Wilberg mit Felix Billeiter, Barbara Hardtwig, Christoph Heilmann, Ilse von zur Mühlen und Herbert Rott, München 2003.

[3] Wallraf-Richartz-Museum [Hg.], Zur Kunst des 19. Jahrhunderts. 24 Bildwerke, Köln 1980.

[4] wie Anmerkung 1.

 

 


Jan Bykowski

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Empfohlene Zitierweise:

Jan Bykowski: Rezension von: Herbert W. Rott / Joachim Kaak: (Hg.) Das 19. Jahrhundert. Die Neue Pinakothek, Köln: DuMont 2003
in KUNSTFORM 5 (2004), Nr. 11,

Rezension von:

Jan Bykowski
Wien

Redaktionelle Betreuung:

Ekaterini Kepetzis