Rezension

Mario Kramp: Heinrich Heines Kölner Dom. Die 'armen Schelme vom Domverein' im Pariser Exil 1842-1848, München / Berlin: Deutscher Kunstverlag 2002,
Buchcover von Heinrich Heines Kölner Dom
rezensiert von Thomas Werner, Köln

In seinem kleinen, nur 134 Seiten umfassenden Paperback-Buch beschreibt der Autor Mario Kramp die Ereignisse, die im Jahre 1842 zu einer Gründung des "Hülfs- Vereins der Deutschen in Paris" führten. Dieser Verein sollte - wie es bereits der Titel impliziert - den nur um ein Jahr zuvor gegründeten Kölner Zentral-Dombau-Verein unterstützen, dessen Ziel es war, den gotischen Dom in Köln zu vollenden.

Die vorliegende Arbeit stellt weniger eine kunstgeschichtliche Untersuchung dar, sondern beschreibt eher in einem gut lesbaren Stil durch Auswertung zahlreicher Quellen die sozial-politischen Verhältnisse der deutschen Emigranten in Paris und ihre Beziehung zum Heimatland. Doch die Geschichte des Buchs über den Pariser Dombauverein ist für den Autor nur der Aufhänger und der Einstieg in die Darstellung der schicksalsreichen Jahre vor der europäischen Revolution 1848/49 und dem Beginn des deutschen Nationalismus.

Mario Kramp zeichnet anhand der Quellen den bewegten Lebensabschnitt der Gründungsmitglieder des Pariser Dombauvereins nach, dessen Vizepräsident und prominentestes Mitglied der deutsche Dichter Heinrich Heine war. Um die einzelnen Beschreibungen dieser Personen lässt Kramp die geistigen Strömungen der Zeit aufleben, die im Bezug zur Baugeschichte den Nährboden für den Stil der Neugotik bildeten. Des weiteren liefert der Text einen detailreichen Einblick in den damaligen deutsch-französischen Kulturaustausch. Zahlreiche Abbildungen und historische Fotografien lassen die Inhalte der einzelnen Textabschnitte vor den Augen des Lesers lebendig werden.

Heinrich Heine, der seit 1831 im Pariser Exil lebte, sollte als international bekanntester deutscher Emigrant für die Vollendung des Kölner Doms gewonnen werden. Zu diesem Zweck schickte ihm Jakob Venedey, ein entschiedener Demokrat und auf Grund seiner politischen Vergangenheit ebenfalls seit 1833 in Paris lebend, seine Schrift über den "Dom zu Köln" (9). Der Dom war für Venedey und für große Teile der deutschen Bevölkerung nicht nur ästhetisches Monument, sondern vor allem politisches Symbol. "Der Dom sei unvollendet, weil der "Geist der Zwietracht" Deutschland zersplittert habe. Nun gelte es, den Dom zu vollenden - als Zeichen für das "wiedererwachte Bewußtsein des Deutschen Gemeinsinnes" in der "Hoffnung auf ein einiges gesamtes und geordnetes deutsches" Vaterland." (10), das in den 1840er-Jahren aus 39 einzelnen Ländern bestand.

Auf den folgenden Seiten führt Kramp die politischen Verhältnisse und geschichtlichen Ereignisse aus, die dazu führten, dass der unvollendete Dom zu einem Symbol der politischen Auseinandersetzung wurde (11-22). Bereits seit der Zeit der Befreiungskriege gegen Napoleon wurde der Gedanke an die Vollendung des Doms als ein "deutsches Nationaldenkmal" geboren. Mit der romantischen Denkweise der Zeit schwelgte man in einer historischen Rückbesinnung und sah in der Gotik das einheitliche deutsche Kulturgut der Vergangenheit. So wurde am 13. April des Jahres 1841 der Kölner Zentral-Dombau-Verein feierlich gegründet und die Domvollendung zu einer "nationalen Aufgabe" erhoben (20). Die Popularität dieses Vereins, der für alle Bürger offen stand, verbreitete sich schnell auf Grund der politischen Symbolkraft.

Vielerorts wurden nach dem Kölner Vorbild so genannte "Hülfsvereine" gegründet - so auch in Paris. Am 8. Mai des Jahres 1842 fand in der deutsch-französischen Buchhandlung Brockhaus & Avenarius in der Rue de Richelieu Nr. 60 die Gründungsversammlung des Pariser Hilfsvereins statt. Zu den Gründungsmitgliedern gehörten der bereits erwähnte Jakob Venedey, der Heinrich Heine für die Vereinsgründung gewann, Franz Christian Gau, ein geachteter deutscher Archäologe und Architekt, Eduard Avenarius, erfolgreicher Buchhändler, August Ludwig Rochau, Redakteur der deutsch-liberalen Presse, und schließlich Franz Xaver Winterhalter, ein von König Louis-Philippe protegierter Porträtmaler. Der Vorstand des Vereins wählte Gau zum Präsidenten und Heine zum Vizepräsidenten (45).

Auf den nächsten 13 Seiten des Buches berichtet der Autor leider etwas zu umfangreich über die einzelnen "Mitglieder und Beiträge" des Vereins (46-59). Angesichts des geringen Seitenumfangs des Buches hätte man sich hier lieber weitere Details über den Wandel der politischen Verhältnisse in Deutschland und Frankreich in den Jahren vor der großen Revolution gewünscht.

Schon im Vorfeld der Vereinsgründung hatte es zwischen Venedey und Heine die ersten politischen Meinungsverschiedenheiten gegeben. "Venedeys nationale Gesinnung, die sich immer mehr zu einem nationalistischen Chauvinismus entwickelte, konnte von Heine nicht kritiklos hingenommen werden." So kam es bereits nach einem halben Jahr der Vereinsgründung im Dezember des Jahres 1842 zum unausweichlichen Bruch zwischen den beiden Gründungsmitgliedern (64). Heine sah sehr schnell, dass die deutsche Dombaubewegung keinen politischen Beitrag leisten konnte, ein demokratisches Deutschland aufzubauen.

Auf den nächsten Seiten des Buches kann Kramp die Gründe, über die in der Forschungsliteratur viel spekuliert wurde, darlegen, warum sich Heine so radikal von der Dombaubewegung und von Deutschland abwandte (64-75). Dem Leser wird hier noch einmal bewusst, welche bissige Kritik Heinrich Heine in seinem Deutschland. Ein Wintermärchen (Januar 1844) an dem Deutschen Domverein, der Vollendung des Doms und der preußischen Machtpolitik übte. In demselben Jahr - also 1844 - zerfällt der Pariser Hilfsverein, nur Franz Christian Gau führt alleine die Geschäfte fort und mischt sich als Ehrenmitglied des Kölner Dombauvereins tatkräftig in den Fortgang der Domvollendung ein.

An dieser Stelle gliedert sich das Buch zwar nicht chronologisch, aber doch inhaltlich in einen zweiten Abschnitt, der mit der eigentlichen Geschichte des Pariser Dombauvereins nur indirekt zu tun hat. In den folgenden Abschnitten, die aus kunsthistorischer Sicht interessanter sind als der erste Teil des Buches, wird anhand des Kölner Portalstreites die kunsttheoretische Einstellung des 19. Jahrhunderts gegenüber der Gotik dargestellt (79-99).

Auf Grund der archäologischen Befunde des Domnordquerhauses, die bewiesen, dass die Kathedrale in gotischer Zeit nicht einheitlich geplant und ausgeführt wurde, entbrannte eine heftige Debatte unter den Sachverständigen und dem Volk, in welcher Weise nun der Dom - das Südquerhaus war bereits im Bau - zu vollenden sei. Schließlich beschloss König Friedrich Wilhelm IV. im April 1844, dass das Südquerhaus nach dem Entwurf des damaligen Dombaumeisters Zwirner fertig gestellt und das Nordquerhaus nach dem archäologischen Befund errichtet werden sollte. Doch somit markierte der Kölner Dom nicht länger Anfang und Höhepunkt einer ersonnenen Idee einer einheitlichen "deutschen Gotik". Aber nicht nur das Idealbild eines in Deutschland entwickelten gotischen Baustils kam ins Wanken. Zwischen den französischen und deutschen Kunsthistorikern entbrannte ein "nationaler Krieg" um den Verdienst und die Erfindung des Spitzbogens (91). Schließlich musste man die Abhängigkeit des Kölner Grundrisses von dem der Kathedrale von Amiens, die bereits seit 1840 von verschiedenen Bauforschern postuliert wurde, anerkennen. Zur "Ehrenrettung" des Kölner Doms formulierte August Reichensperger, dass die Kölner Kathedrale eine Weiterentwicklung des in Frankreich begonnenen Stiles sei (95).

Nach dem Exkurs des zweiten Abschnittes kehrt Kramp inhaltlich am Ende des Buches kurz zum eigentlichen Thema und Titel des Buches zurück und beschreibt das weitere Schicksal der Gründungsmitglieder des Pariser Dombauvereines (99-106): Franz Christian Gau stellte im Jahre 1845 mit der Zahlung seiner letzten Spende den Betrieb des "Hülfs- Vereins der Deutschen in Paris" ein. Stattdessen wurde im Herzen von Paris die Kirche Sainte-Clotilde nach seinen Plänen im neugotischen Stil errichtet. Er avancierte zu einem der angesehensten Architekten der Stadt, erlebt allerdings die Vollendung seiner Kirche nicht mehr und starb 1853. Eduard Avenarius wirkte ab 1848 als Vertragsbuchhändler in Leipzig und starb 1855 in Dresden. Ludwig August Rochau wurde im zweiten deutschen Kaiserreich Reichstagsabgeordneter der Nationalliberalen und starb 1873 in Heidelberg. Franz Xaver Winterhalter wurde bevorzugter Porträtmaler an verschiedenen Höfen Europas und starb 1873 in Frankfurt. Jakob Venedey wurde 1848/49 Abgeordneter der politischen Linken im Parlament der Paulskirche und starb 1871. Heinrich Heine starb nach langer Krankheit 1856 in Paris.

Das Buch von Mario Kramp bietet sowohl dem Historiker als auch dem Kunsthistoriker, der sich mit der Zeit beziehungsweise Kunst des 19. Jahrhunderts beschäftigt, interessante, wenn auch spezielle Hintergrundinformationen.

 

 


Thomas Werner

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Thomas Werner: Rezension von: Mario Kramp: Heinrich Heines Kölner Dom. Die 'armen Schelme vom Domverein' im Pariser Exil 1842-1848, München / Berlin: Deutscher Kunstverlag 2002
in KUNSTFORM 4 (2003), Nr. 6,

Rezension von:

Thomas Werner
Köln

Redaktionelle Betreuung:

Stefanie Lieb