Rezension

Sven Lüken: Die Verkündigung an Maria im 15. und frühen 16. Jahrhundert. Historische und kunsthistorische Untersuchungen, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2000,
Buchcover von Die Verkündigung an Maria im 15. und frühen 16. Jahrhundert
rezensiert von Maria Spitz, Gemäldegalerie, Staatliche Museen zu Berlin

Sven Lüken untersucht in seinem Buch 827 Verkündigungsdarstellungen an Maria aus dem deutschsprachigen Raum (innerhalb des Heiligen Römischen Reiches, zuzüglich der Gebiete des späteren West- und Ostpreußens), die in die Zeit von 1435–1525 datiert werden. Auf diesen Gemälden findet sich als Ort der Verkündigung ein profaner, seltener ein sakraler Innenraum oder aber eine Raumsituation, bei der die Architektur z.T. nur verweishaft angedeutet wird. Wegen dieser Verbindung zur Architektur und der großen Verbreitung des Darstellungsthemas wählt Lüken die Verkündigungen als Basis für seine zentrale Frage, "was Tafelbilder an Erkenntnissen zur Erforschung mittelalterlicher Innenräume beitragen können". Irreführender Weise lässt sich dieser Schwerpunkt dem – zu allgemeinen – Buchtitel nicht entnehmen.

Im Ergebnis seiner umfassenden Untersuchung spricht er den Darstellungen Dokumentationscharakter zu. Sie könnten zur Illustration schriftlicher historischer Quellen dienen und stellten auch selbst geschichtsträchtige Dokumente dar, die beispielsweise Nutzungsänderungen oder den Gebrauch bestimmter Gegenstände erkennen ließen. Dennoch gäbe ein solches Gemälde "nie das genaue Abbild eines bestimmten Raumes" wieder, denn reale Architekturen und Gegenstände würden zwar vorgestellt, die Zusammenstellung zeige aber ein Ideal. Der Innenraum sei – dem Status der zukünftigen Gottesmutter entsprechend – mit dem modernsten und kostbarsten Inventar ausgestattet. Lüken resümiert in seiner ebenso salopp wie seine Ergebnisse anschaulich verdichtenden Schlussbemerkung, dass "das Verkündigungsgemälde einem Hochglanzfoto aus der Zeitschrift 'Schöner Wohnen'" entspreche.

Um den Quellencharakter der Verkündigungsdarstellungen zu bestimmen, bedient er sich historischer und kunsthistorischer Methoden. So studiert er für die Ikonographie der Verkündigung die schriftlichen Quellen beginnend bei der Bibel, dem Lukasevangelium. Stets werde als Ort der Verkündigung ein Innenraum genannt, der aber unterschiedlich ausgelegt werde; z.B. als Schlafgemach, verriegelte Kammer oder Oratorium. Nähere Details, etwa die Ausstattung der Räume, würden nicht thematisiert. Sie auszuschmücken unternähmen die Maler, die verschiedene kunsthistorische Traditionen und Einflüsse verarbeiteten. Zu deren Erforschung charakterisiert der Autor die möglichen dargestellten Raumsituationen und differenziert insgesamt 13 Typen. Auch diskutiert Lüken die theologischen und gesellschaftshistorischen Voraussetzungen für eine Darstellungsweise, in der das Transzendente, das biblische Wunder der Inkarnation, in eine vertraute, menschliche Situation übersetzt wird. Als zentralen Aspekt hierfür sieht er die "Intensivierung" der Frömmigkeit jener Zeit, die auf eine Vergegenwärtigung des Heilsgeschehens drängte. Darüber hinaus zeigt er Interpretationsmöglichkeiten auf, die abgebildete Gegenstände auf Gemälden der Spätgotik – je nach herangezogener Quelle – evozieren können, indem er hauptsächlich am Beispiel des Mérode-Triptychons Campins Abbildhaftigkeit und Symbolik demonstriert. Um Motivübernahmen herauszuarbeiten, beschäftigt sich der Autor mit Muster- oder Skizzenbüchern sowie der Druckgraphik. Er untersucht aber auch die Beeinflussung durch andere Kunstlandschaften sowie die Bedeutung der aufkommenden Renaissance. Dabei kommt er zu dem Resultat, der Einfluss der Niederlande sei der bedeutendste.

Für seine Analyse der Verkündigungsdarstellungen hat Lüken die geographische Gliederung in Kunstlandschaften gewählt: Eine einführende Beschreibung der politischen Situation und ihrer Auswirkungen auf die Kunst stellt i.d.R. den Auftakt jedes der 26 Kapitel dar. Mit Fokus auf die Raumsituation im Bild beschreibt er Traditionen und Neuerungen bei einzelnen Malern oder Schulen. Zu jeder der 827 Darstellungen finden sich im quantitativ sowie qualitativ hervorragenden Katalog Informationen, die über gängige Katalogangaben hinausgehen, sowie konzise Beschreibungen, in denen Lükens detaillierte Kenntnis von Realien jener Zeit offenbar wird. Die Geschlossenheit einzelner Kapitel, oftmals mit einer Zusammenfassung endend, hat den positiven Effekt, dass sie wie Aufsätze gelesen werden können. Unterstützt wird dies durch Wiederholungen wichtiger Aussagen, was jedoch – trotz Schwerpunktverschiebungen – bei intensivem Durcharbeiten des Werkes etwas eindringlich wirkt. Als leserunfreundlich ist leider anzumerken, dass im Text Hinweise auf die fast 100 im Buch abgedruckten Darstellungen fehlen.

Sven Lükens fundierte und materialreiche Arbeit, die im Grunde andere Forschungen zu der Frage des Dokumentationswertes spätmittelalterlicher Gemälde bestätigt, bietet insbesondere dem Leser, der etwas über Realien dieser Zeit und über den Realitätsgehalt des Dargestellten erfahren will, aber auch demjenigen, der an bestimmten Kunstlandschaften interessiert ist, detaillierte Informationen. Die Möglichkeit, durch 'Suchen' im Katalog auf der CD-Rom alles das abzufragen, was von jeweiligem Interesse ist, ob es der Herstellungsort, dargestellte Betpulte, der Maler etc. ist, macht das aus einer Göttinger Dissertation hervorgegangene Buch gleichzeitig zu einem Nachschlagewerk für die Malerei zwischen 1435 und 1525.


Maria Spitz

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Empfohlene Zitierweise:

Maria Spitz: Rezension von: Sven Lüken: Die Verkündigung an Maria im 15. und frühen 16. Jahrhundert. Historische und kunsthistorische Untersuchungen, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2000
in: KUNSTFORM 2 (2001), Nr. 4,

Rezension von:

Maria Spitz
Gemäldegalerie, Staatliche Museen zu Berlin

Redaktionelle Betreuung:

Hubertus Kohle