Rezension

Werner Müller / Norbert Quien: Böhmens Barockgotik. Architekturbetrachtung als computergestützte Stilkritik, Weimar: VDG 2000,
Buchcover von Böhmens Barockgotik
rezensiert von Stephan Hoppe, Universität zu Köln

Immer wieder fesselt es den Betrachter, mit welcher Raffinesse und scheinbar kaum nachvollziehbarer Kunstfertigkeit spätgotische Baumeister den Raumeindruck ihrer Bauten durch komplexe Gewölbe bestimmt haben. Es gehört zu den beeindruckenden und unbestreitbaren Forschungsleistungen der beiden Autoren des hier vorgestellten Bandes, dass sie die Konstruktionsregeln unzähliger dieser Gewölbe klären und die Wurzel wesentlicher formaler Eigenheiten im zeitgenössischen Konstruktionsdenken des Steinmetzhandwerks aufzeigen konnten. Für die Autoren ist die spätgotische Steinmetzkunst eine vor allem durch das regelhafte Konstruieren von sich räumlich entfaltenden linienhaften Rippengerüsten geprägte und definierbare Stilentität. Jedem sich bislang mit der unmittelbaren Anschauung spätgotischer Gewölbefiguren begnügenden Kunsthistoriker seien die zahlreichen Publikationen der beiden wärmstens empfohlen.

Seit längerem nun verzeichnet die Kunstgeschichte fruchtbare Ergebnisse, indem sie auch Stilphänomenen jenseits des tief eingefahrenen Weges vermeintlich sich ablösender Avantgarden nachgeht. So ist z. B. in weiten Teilen Europas die Weiterverwendung gotischer Motive und Architekturprinzipien nicht auf eine kurze übergangsphase am Anfang der Neuzeit beschränkt. Lange Zeit als vermeintliche Anachronismen kaum der Erforschung für Wert befunden, lässt sich mittlerweile Bedeutung und Kontext solcher Phänomene klarer erkennen (als Beispiele für diesbezügliche Untersuchungen seien neben der wegweisenden Untersuchung zur sogenannten Nachgotik von Hipp auf zwei jüngere Arbeiten hingewiesen: Hipp, Hermann: Studien zur "Nachgotik" des 16. und 17. Jahrhunderts in Deutschland, Böhmen, österreich und der Schweiz. Diss. Tübingen 1979. Sutthoff, LudgerJ.: Gotik im Barock. Zur Frage der Kontinuität des Stils außerhalb einer Epoche. Möglichkeiten der Motivation bei der Stilwahl. München und Hamburg 1989. Schmidt, Michael: Reverentia und Magnificentia. Historizität in der Architektur Süddeutschlands, österreichs und Böhmens vom 14. bis 17. Jahrhundert. Augsburg 1999.).

Zu den bedeutenderen Architekten der Barockzeit, die wiederholt an prominenten Stellen gotische Formen in ihrem Werk verwendet haben und doch gleichzeitig unbestreitbar mit den Regeln und der neusten Praxis der antikisierenden Baukunst der Neuzeit vertraut waren, gehört Giovanni Santini Eichel (1677 - 1723). Bekannt sind wahrscheinlich seine netz- und sternartigen Rippenfiguren in den Kirchen von Kladruby oder Zeliv. Nicht zufällig lag ein Zentrum dieser "Barockgotik" in Böhmen, das schon einige Generationen zuvor einen bedeutenden Beitrag zu den reichen Gewölbefigurationen der spätgotischen Wölbkunst geleistet hatte.

Um es allerdings vorweg zu nehmen: Obwohl sich der Haupttitel von Müller und Quiens neuem Buch zweifelsfrei auf diese Art von Barockarchitektur bezieht, steht sie nicht im Mittelpunkt ihrer Ausführungen. Etwas irritiert nimmt man zur Kenntnis, dass nur in zwei kurzen Kapiteln in der Mitte des Buches (S. 35 - 46) mit dem Werk Aichels barockgotische Sakralbauten behandelt werden. Selbst hier sind die Ausführungen sehr knapp und zielen vor allem auf die Grundthese Müller und Quiens hin, daß Aichel sich nicht der in der Spätgotik üblichen Konstruktionsregeln für komplexe Rippengewölbe (s.o.) bedient habe. Auch bezieht sich kein einziges der zahlreichen Computermodelle von Gewölbestrukturen auf eine barocke Architektur, sondern es handelt sich um die im Prinzip auch aus anderen Arbeiten des Autorenteams bekannten Visualisierungen von Rippengewölben nach den Regeln der spätgotischen Steinmetzkunst. Ein weiteres mit der mitteleuropäischen Barockarchitektur verknüpftes Argumentationsfeld betrifft immerhin die von der Kunstgeschichte wiederholt angesprochenen formalen Gemeinsamkeiten dieser Ausprägung des Barock mit der deutschen Spätgotik (z. B. im Werk Balthasar Neumanns), die hier weitgehend in Zweifel gezogen werden.

Den weitaus größten Raum in dem Buch nimmt jedoch ohne Zweifel die spätgotische Wölbkunst an sich ein; oft ohne erkennbaren Bezug auf das Thema "Barock".

Die auf einer stupenden Kenntnis sowohl der gotischen Baupraxis wie der kunsthistorischen Sekundärliteratur fußenden Ausführungen sind für sich genommen durchaus sehr erhellend und fruchtbar (und in ihrem Grundthema aus anderen Arbeiten der Autoren bekannt), allerdings im Verhältnis zum Buchtitel auch etwas an das Prinzip einer Mogelpackung erinnernd. Problematisch wird die Argumentation des Buches aus Sicht des Rezensenten jedoch, wenn es um die dort vertretende Auffassung der kunsthistorischen Kategorie "Stil" und der Definitionsmöglichkeiten in der Anwendung geht. Zunächst vermisst man angesichts der sich als Aufgabe gestellten "Stilkritik" eine klärende Definition des verwendeten Stilbegriffs oder zumindest eine Erläuterung, welche Erkenntnisleistungen von der gewählten Perspektive erwartet werden. Gerade seit den Diskussionen der 1960er Jahre kann ein in der Kunstgeschichte allgemein akzeptiertes Verständnis von "Stil" heute keinesfalls mehr stillschweigend vorausgesetzt werden.

Grundsätzlich ist das Bemühen der Autoren sehr zu begrüßen, das zeitgenössische "Entwurfsdenken" ( S. 46), d. h. die Regeln und konstruktiven Rahmenbedingungen des Entwerfens einer Epoche zu rekonstruieren: "Will man spätgotische Werke mit den Augen derer betrachten, die sie erschufen, dann muss man mit den Regeln der damaligen Entwurfsverfahren vertraut sein, nur so kann man die 'Künstlichkeit' der Baugedanken richtig würdigen" (S.71). Die gotischen Baugedanken werden allerdings als fast ausschließlich dem Gewölbeentwurf gewidmet aufgefaßt, was sicher eine unzulässige und nicht folgenlose Verengung der Sicht auf diese Architektur darstellt.

Selbstbewusst wird die Kenntnis der zeitgenössischen Entwurfsverfahren methodologisch in die Nähe der Kenntnis der Schriftquellen in Panofskys ikonographischer Methode gestellt. Demgegenüber wird jeder von der "Anschauung" ausgehender Versuch, die Eigenart eines Stiles zu formulieren, von Müller/Quien scharf kritisiert und vor allem mit Hilfe des Verweises auf die Entgleisungen "völkischer" Kunstgeschichte in Deutschland vor 1945 diskreditiert. Durch diese kämpferische Haltung nehmen sich die Autoren die Möglichkeit, sich auf unterschiedlichen Wegen der Architektur einer Zeit zu nähern. Im Grunde entspricht ihre Vorgehensweise damit jener normativen Attitüde, die lange Zeit z. B. die Gotik der frühen Neuzeit aus der Betrachtung der Kunstgeschichte ausgeschlossen hat oder die es den von Müller/Quien kritisierten Kunsthistorikern wie Sedlmayr oder Pinder erlaubt hat, nach dem einen Wesen einer Kunst bzw. Kunstepoche zu fahnden.

Ein anders ausgerichteter, sehr viel versprechender Versuch, die Diskussion um die spätgotische Architektur auf neue Grundlagen zu stellen, wird z. B. zur Zeit von Hubertus Günther unternommen, der mittels des Begriffs einer spezifischen "spätgotischen" Rationalität, wie sie ja auch Müller/Quien voraussetzten, im Gegensatz zu ihnen Gemeinsamkeiten mit der italienischen Renaissance betont (schriftlich leider zur Zeit nur als "Essay" faßbar: Günther, Hubertus: Die deutsche Spätgotik und die Wende vom Mittelalter zur Neuzeit. In: Kunsthistorische Arbeitsblätter 7/8 2000, S. 49 - 68).

Ohne die Richtigkeit und Relevanz der Darstellung der von Müller/Quien vorgetragenen Entwurfsprozesse infragestellen zu wollen, sollte nach Ansicht des Rezensenten auch gerade die Bildlichkeit bzw. die Bildmächtigkeit spätgotischer Architektur wieder intensiver untersucht werden. Auch wenn einige der äußerungen von Gerstenberg der "völkischen" Kunstgeschichte sicherlich nahe stehen, so sollten nicht alle seine Beobachtungen zur spätgotischen Architektur mit dieser Klassifizierung abgetan werden (Gerstenberg, Kurt: Deutsche Sondergotik. Eine Untersuchung über das Wesen der deutschen Baukunst im späten Mittelalter. München 1913 und später).

Interessant wäre übrigens auch der Versuch gewesen, Santini Aichels eigenen Begriff von "der Gotik" präziser zu erfassen. Dass er nicht streng aus der gotischen Hüttentradition heraus entworfen hat, war eigentlich auch nicht zu erwarten; die Erkenntnis kann nur eine negative Folie für weitere Fragen an die "Gotik im Barock" sein.

Zuletzt noch ein paar Worte zu dem im Untertitel benannten Verfahren, (vornehmlich spätgotische) Gewölbepläne mit Hilfe des Computers in ihrer räumlichen Anschauung zu rekonstruieren. Hier haben die Autoren Pionierarbeit geleistet. Ihre Visualisierungen entsprechen allerdings genau ihrer Prämisse des rein linienhaften Entwurfsdenkens der Baumeister, indem demonstrativ auf die Visualisierung der Kappen der Gewölbe verzichtet wird. Jede andere Art von Bildlichkeit, die dem realen Bauwerk in gewissem Maße immer innewohnt, wird so programmatisch mit Hilfe des Computers ausgeschaltet (fast im wörtlichen Sinn).

In Bezug auf die - mit viel Arbeitsaufwand realisierten - Computermodelle sind leider die Grenzen des Mediums Buch deutlich zu spüren. Es liegt nicht nur an der vorherrschenden Grauskala und der Kleinheit der Abbildungen, dass wesentliche Möglichkeiten des Mediums Computervisualisierung nicht zum Tragen kommen. Es muss ja nicht gleich das erwähnte Echtzeit-Rendering sein, das die räumliche Geometrie solcher komplizierten Gebilde interaktiv nachzuvollziehen erlaubt. Auch ein mit einfachen Mitteln (nach heutigem Stand der Technik) erzeugbarer Film (eine "Fahrt"), auf einer CD-Rom beigefügt, oder eine Präsentation nach Art eines Quicktime-Object-Movie (Warenzeichen der Firma Apple) würden den Nachvollzug der stellenweise den Kunsthistoriker sehr fordernden Argumentation zur Gewölbegeometrie erheblich erleichtern und den wichtigen Ausführungen der Autoren zum spätgotischen Gewölbeentwurf mehr kunsthistorische Anhänger verschaffen. Trotzdem ist in den Forschungen von Müller und Quien das Potential zukünftiger Einsätze der Computervisualistik in der Architekturgeschichte eher zu erahnen als zur Zeit irgendwo sonst.

 

 


Stephan Hoppe

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Stephan Hoppe: Rezension von: Werner Müller / Norbert Quien: Böhmens Barockgotik. Architekturbetrachtung als computergestützte Stilkritik, Weimar: VDG 2000
in KUNSTFORM 2 (2001), Nr. 3,

Rezension von:

Stephan Hoppe
Universität zu Köln

Redaktionelle Betreuung:

Jan Mohr