Kunstgeschichte und Kolonialität
Kolonialismus und Imperialismus haben die europäische Kunstgeschichte seit ihrer Etablierung als akademische Fachdisziplin – und damit ihre Fragestellungen und Methoden, Gegenstände, Kanonsetzungen und Curricula – nachhaltig geprägt. Bereits seit den späten 1990er-Jahren ist auf die koloniale Durchdringung der Kunstgeschichte hingewiesen worden; so attestierte Viktoria Schmidt-Linsenhoff dem Fach 2005 ein „koloniales Unbewusstes“, das sie in den neokolonial-rassistischen Implikationen akademischer und institutioneller Praktiken verankert sah, und zeigte auf, wie die Kunstgeschichte koloniale Denkmodelle, rassistische Strukturen und Begrifflichkeiten unreflektiert mitproduziert. In den letzten Jahren hat sich an Universitäten, in Museen und Ausstellungen sowie in künstlerischen und kulturpolitischen Aktionen ein gesteigertes Interesse an den „Knotenpunkten der Kolonialität“ (Aníbal Quijano Obregón) gezeigt.
Die Spuren des Kolonialismus bleiben sichtbar – in Machtstrukturen, gesellschaftlichen Ein- und Ausschlüssen, im Stadtbild, in der Sprache, dem Umgang mit historischen Objekten, ihren Provenienzen und musealen Umgebungen. Mit dem Themenportal eröffnen wir einen Raum, in dem Personen aus unterschiedlichen Fachrichtungen und Kontexten in einen Dialog treten, um Erfahrungen und Wissen auszutauschen und Fragestellungen gemeinsam weiterzuentwickeln.
Wie begegnen wir materiellen Kulturen des Kolonialismus? Wie können wir Museumssammlungen und (kunst-)historische Narrative überdenken, weiterdenken, gar „verlernen“ (Ariella Azoulay), um Darstellungsmodi, Methoden und Strukturen als koloniale Setzungen zu erkennen? Und wie lassen sich Forschungen, Kunstprojekte, Sammlungen und Ausstellungen, die sich mit den kolonialen Verstrickungen in Geschichte und Gegenwart auseinandersetzen, inhaltlich, methodisch und ethisch weiterentwickeln?
Ausgehend von diesen Fragen dient das Themenportal dazu, die Vernetzung und den kritischen Austausch zwischen Forschenden, Sammlungsvertreter*innen, Kurator*innen und Kunstschaffenden zu fördern. Neben akademischen und musealen Vorgehensweisen bergen partizipative und künstlerische Ansätze – erforschend, utopistisch oder fiktionalisierend – das Potenzial, die Historisierung, Erforschung und Sichtbarmachung des Kolonialismus methodologisch weiterzudenken.