Rezension

Melanie Unseld: (Hg.) Delights of Harmony. James Gillray als Karikaturist der englischen Musikkultur um 1800, Köln / Weimar / Wien: Böhlau 2017, 149 S., ISBN 978-3-412-50789-3, 24.99 EUR
Buchcover von Delights of Harmony
rezensiert von Stefanie Acquavella-Rauch, Institut für Kunstgeschichte und Musikwissenschaft, Johannes Gutenberg-Universität, Mainz

Die Verschränkung des Genres der englischen Karikatur mit den verschiedenen Ebenen des alltäglichen, politischen und künstlerischen Lebens ist nicht erst seit Gisela Vetter-Liebenows Katalog aus Anlass der Niedersächsischen Landesausstellung 2014 "Als die Royals aus Hannover kamen" im Hannover'schen Wilhelm Busch Museum untersucht worden. [1] Dass gerade Protagonisten wie James Gillray dabei bisher allerdings vor allem in der englischsprachigen Welt in den Blick genommen wurden, während es in der deutschsprachigen Forschung seit den 1970er-Jahren ruhig blieb, verwundert angesichts der hohen Vielfalt an in den Karikaturen verhandelten Themen doch sehr. Umso relevanter ist daher auch vorliegende Publikation einzuschätzen, die eine mehrschichtige (und längst überfällige) Untersuchung eben dieses Phänomens durch die Brille der Musikwissenschaft darstellt.

Dabei handelt es sich bei dem Band um mehr als 'nur' um ein musikbezogenes Porträt Gillrays: Auf 152 Seiten präsentiert die Herausgeberin Melanie Unseld im Verein mit den fünf Beitragenden Evelyn Buyken, Jonas Traudes, Elisabeth Reda, Clemens Kreuzfeldt und Maren Bagge in Anwendung aktueller musikbiografischer und interdisziplinärer Ansätze einen innovativen Zugang zu verschiedenen gesellschaftlichen Aspekten englischer Musikkultur um 1800, zu dem Gillrays karikaturistisches Schaffen gleichsam als Schlüssel fungiert. Die Autoren und Autorinnen widmen sich denn auch ausgehend davon unterschiedlichen "übergreifende[n] Themen: Harmonie und Zank, Geschlechterdiskurs und Gesellschaftskritik, Vereinskultur und Familienleben" (Klappentext).

In einer Art Standortbestimmung des untersuchten Materials nähert sich Melanie Unseld im eröffnenden Text des Buches aus musikwissenschaftlicher Perspektive dem Genre der "Karikatur in England um 1800" (8f.) und ordnet das insgesamt in den Blick genommene Schaffen Gillrays musikkulturell ein. Dabei fächert sie diverse Aspekte auf, die im weiteren Verlauf des Bandes einer genaueren Betrachtung unterzogen werden: Genderbezogenes, Musikästhetisches, Medienwissenschaftliches und unterschiedliche Ausprägungen des Musizierpraktischen in der englischen Gesellschaft um 1800.

Die Frage, "wie kritisch und progressiv die Bildinhalte der Karikaturen James Gillrays tatsächlich sind und was oder wen sie überhaupt kritisieren" (19), beantwortet Evelyn Buyken in ihrem gut recherchierten Artikel über die dreischichtige Analyse dreier Karikaturen gleich in zweierlei Hinsicht: zum einen über die "Kluft zwischen amateurhafter und professioneller Musikkultur" (24) und zum anderen im Hinblick auf "Geschlechterzuschreibungen" (24). Sie arbeitet heraus, dass Gillray offenbar vielmehr auf eine Kritik an der musikalischen Amateurkultur abzielte, auch wenn er genderspezifische Themen auf seinen Karikaturen verhandelte.

Jene Amateurkultur bietet auch den Hintergrund für zwei weitere Beiträge: für die terminologisch-ästhetisch orientierte Studie von Jonas Traudes (35-49) und für die musiksoziologische Beobachtung von Clemens Kreutzfeldt (89-108). Zwischen beide eingeschoben ist die medienwissenschaftlich-terminologische Untersuchung von Elisabeth Reda zur Sichtbarkeit von Musik in Bildern (73-88). Dabei bezieht sie Christian Kadens "Vielheit der Musiken" (76) ebenso in ihre Überlegungen ein wie den aktuellen Materialitätsdiskurs (77-79) und Fragen zu Medienwechseln und -transfers (79-80), die sie letztlich wiederum auf Gillrays Karikaturen zurückführt und überträgt. Dass diese grundlegenden - und überzeugenden - Ausführungen Redas, die damit gleichsam das medientheoretische Fundament des gesamten Bandes formuliert, nicht an zweiter Stelle abgedruckt wurden, verwundert etwas und stellt den Aufbau des Buches leicht in Frage.

Ähnlich wie Elisabeth Buyken und Clemens Kreutzfeldt verfolgt auch Jonas Traudes einen quellenzentrierten Ansatz. In seinem Text geht er dem in zeitgenössischen Quellen zahlreich begegnenden Begriff der 'harmony' nach und untersucht ihn als kulturgeschichtliche Folie für das Verständnis der Karikaturen Gillrays. Traudes' Analyse gerade jener Szenen, die die Musizierpraxis im häuslichen Raum zwischen Liebe und Ehe, Kunstsinn und Moral ironisch nachzeichnen, zeigt Gillrays Auseinandersetzung und sein Vertrautsein sowohl mit zeitgenössischen Theorien wie Lavaters Physiognomik als auch mit aufgeklärten philosophischen Konzepten (38-43).

Clemens Kreutzfeldts Beitrag offenbart die Möglichkeiten, die dem interdisziplinären Ansatz des gesamten Buches innewohnen, indem er gleichsam sezierend verschiedene wortsprachliche Quellen zur Anacreontic Society neben Gillrays Karikaturen legt. Eine musiksoziologisch-musikkulturelle Einordnung der Musikvereinigung inklusive einer gesellschaftlichen Analyse kann dann aus einer gewissen Zweidimensionalität heraustreten, wenn Informationen aus ikonografischen Quellen adäquat kontextualisiert beigefügt werden.

Dieses zeigt Kreutzfeldt genauso anschaulich wie Maren Bagge, die in ihrem den Band abschließenden Text Gillrays Karikaturen von Sängerinnen untersucht. Mit Hilfe von Netzwerkstudien (111-118), Darstellungsanalysen (etwa 119), aktuellen Ergebnissen der Gesangsforschung (120, 123) und zeitgeschichtlichen Einordnungen zeichnet Bagge Gillrays "Einblicke in die (vokalen) Musikpraktiken seiner Zeit" (124) nach und führt damit den inhaltlichen Teil der Publikation zu Ende. Dass es leider keinen Beitrag zum Themenfeld der Darstellung instrumentaler Solisten und Solistinnen bei Gillray gibt, verbleibt ein inhaltliches Desiderat des auf äußerst hohem Niveau geplanten und strukturierten Bandes.

Genauso überzeugend und umfassend wie der methodische Zugriff und dessen inhaltliche Umsetzung ist auch der Band selbst gestaltet: Sogleich fallen das im ersten Moment ungewöhnlich wirkende zweispaltige Querformat und die schöne Titelgestaltung ins Auge. Der positive Eindruck verfestigt sich schnell sowohl in Bezug auf Bindung, Papier, Druck und Layout als auch auf die Qualität der zwischen Seite 50 und 72 zu findenden, teils in schwarz-weiß und teils in Farbe gehaltenen Faksimiles. Dass die Abdruckreihenfolge der Karikaturen dabei unbegründet bleibt, dem Band kein Vorwort voran- und kein Register nachgestellt wird, kann angesichts der ausführlichen Verzeichnisse der Abbildungen, der verwendeten Literatur und der Autoren und Autorinnen vernachlässigt werden.


Anmerkung:

[1] Gisela Vetter-Liebenow (Hg.): Königliches Theater! Britische Karikaturen aus der Zeit der Personalunion und der Gegenwart, Hannover 2014.


Stefanie Acquavella-Rauch

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in KUNSTFORM 21 (2020), Nr. 3,

Rezension von:

Stefanie Acquavella-Rauch
Institut für Kunstgeschichte und Musikwissenschaft, Johannes Gutenberg-Universität, Mainz

Redaktionelle Betreuung:

Sebastian Becker