Rezension

Kathrin Hoffmann-Curtius: Bilder zum Judenmord. Eine kommentierte Sichtung der Malerei und Zeichenkunst in Deutschland von 1945 bis zum Auschwitz-Prozess, Marburg: Jonas Verlag 2014, 272 S., ISBN 978-3-89445-495-1, 25.00 EUR
Buchcover von Bilder zum Judenmord
rezensiert von Eva Atlan, Jüdisches Museum, Frankfurt am Main

Kathrin Hoffmann-Curtius legt mit Bilder zum Judenmord eine weitere Publikation in der mittlerweile langen Reihe von Studien zu diesem kunsthistorisch-zeitgeschichtlichen Themenkreis vor. Sie hat dabei als systematisches Prinzip die Chronologie gewählt und innerhalb dieser Chronologie thematische Schwerpunkte gesetzt. Hier verbergen sich bereits zwei Problematiken: zum einen unterscheidet die Autorin nicht zwischen denjenigen Künstlern, die die Verfolgung am eigenen Leib erlebt haben und denjenigen, die die Verfolgung aus Berichten oder als Zeitzeugen indirekt nachvollzogen haben. So stellt sie zum Beispiel im ersten Kapitel "Zeit- und Menschenbilder" sowohl den jüdischen Künstler Peter Edel, der von 1943 bis 1945 in den KZs Auschwitz, Sachsenhausen und Mauthausen inhaftiert war, mit seiner noch im KZ entstandenen Serie von Zeichnungen Kinder in Auschwitz Birkenau vor, als auch Horst Strempel, der von 1933 bis 1941 in Frankreich war, jedoch anschließend nach Deutschland zurückkehrte und bis Ende des Krieges seinen Wehrdienst absolvierte. Hoffmann-Curtius thematisiert hier das in der Nationalgalerie Berlin ausgestellte Werk von 1946 Nacht über Deutschland (27-31). Im Kapitel "Gedenken in den 1950er Jahren" geht sie auf die karikierenden und antisemitischen Bilder und Skulpturen von Otto Pankok ein (Gehender Jude) und scheint dabei die Darstellungen mit der Charakterisierung "leicht karikierend" zu verharmlosen (33ff.). Sie vergleicht Pankoks Motiv mit dem Gemälde Exil von Samuel Hirszenberg. Obwohl die Autorin schon zu Beginn der Publikation auf die Frage der Darstellung und Erkennbarkeit des "Jüdischen" und der damit einhergehenden Gefahr antisemitischer Stereotype eingeht, versucht die Autorin dennoch im Vergleich Pankok / Hirszenberg die "typische jüdische Figur" zu suchen.

Hoffmann-Curtius konzentriert sich gemäß des Titels ihres Buches auf Gemälde und Zeichnungen, die in Deutschland geschaffen wurden, bezieht jedoch vereinzelt auch Installationen mit ein. Den zeitlichen Rahmen ihrer Betrachtung grenzt sie zwar mit dem Beginn 1945 und dem Ende um 1965 ein (der Zeitpunkt des ersten Auschwitzprozesses), aber sie behandelt trotzdem Werke, die noch während der NS-Zeit entstanden sind und geht mit ihren Betrachtungen bis in die 1990er-Jahre hinein. Teilweise zieht sie exemplarisch auch Werke heran, die während der NS-Zeit im Exil entstanden sind. Diese methodischen Abweichungen vom eigentlichen Konzept wären nicht problematisch, wenn der Leser die Auswahlkriterien nachvollziehen könnte und somit verstehen würde.

Die Autorin bezieht sich in ihrer Ausarbeitung immer wieder auf die grundlegende Publikation zum Thema Holocaust und dessen Darstellung in der Kunst, also auf Ziva Amishai-Maisels' Depiction and Interpretation. The Influence of the Holocaust on the Visual Arts von 1993. [1] Es stellt sich nun die Frage, welche neuen Erkenntnisse wir aus dieser "kommentierten Sichtung" von Hoffmann-Curtius ziehen können? Die Erläuterungen zu den vorgestellten Künstlern und deren Werken gehen nicht über die ältere Publikation Amishai-Maisels' hinaus. Und die eingangs aufgestellte Behauptung, die "Kunstgeschichtsschreibung habe die künstlerischen Stellungnahmen [zum Holocaust] kaum beachtet" (11), erstaunt den Leser sehr. Die kunsthistorischen Auseinandersetzungen mit der Darstellung des Holocaust haben in den Vereinigten Staaten in den 1980er-Jahren und in Israel spätestens mit dem Buch von Amishai-Maisels begonnen und sind seitdem immer wieder von Kunsthistorikern, Kunstinstitutionen und Museen in Deutschland und in anderen europäischen Ländern aufgegriffen worden. Es stellt sich also die Frage, von welcher Kunstgeschichte hier eigentlich die Rede ist?

Der Titel des Buches Bilder zum Judenmord und die Auswahl der Werke fokussiert auf eine abbildhafte Darstellung der Geschehnisse. Die Autorin spart jegliche abstrakte Verarbeitung des Themas aus, und sie weist auch darauf ausdrücklich hin (22); mit einer Ausnahme, nämlich den konzeptuellen Installationen von Joseph Beuys. Daher kommt Verwunderung auf, wieso sie in ihre Analyse nicht weitere abstrakte Werke einbezieht? Hoffmann-Curtius anfangs aufgestellte Behauptung, dass nur für Otto Pankok "die Bilder zur Verfolgung der Sinti und Roma bildwürdig" waren überrascht (17), denn man hätte auch hier eine zeitliche Erweiterung auf die 1980er-Jahre vollziehen und zum Beispiel die Romni Ceija Stojka erwähnen können, die von den 1980er-Jahren bis Anfang der 2000er-Jahre ihre traumatischen Erfahrungen während des Holocaust zeichnerisch in einem dokumentarischen Genre verarbeitet hat und der unter anderem 2004 das Jüdische Museum Wien eine Ausstellung widmete. [2] Auch bleibt der Rezensentin unklar, wieso die Autorin den Künstler Samuel Bak nicht berücksichtigt, ist er doch seit seinen im DP-Lager Landsberg entstandenen Zeichnungen und Aquarellen, die eigene Erfahrungen der Verfolgung widerspiegeln, bis heute einer der herausragenden Künstler, der eine spezifische Formensprache und Ikonografie des Holocaust entwickelt hat. [3] Das Buch von Hoffmann-Curtius endet ohne Schlusswort, stattdessen mit der Vorstellung des Werkes Schwarz Rot Gold von Gerhard Richter (1998) für den Deutschen Bundestag im Reichstagsgebäude. Es handelt sich um eine abstrahierende Installation und kann ohne das Wissen über den früheren Entwurf nicht mit dem Thema des Gedenkens an die Opfer des Holocaust in Verbindung gebracht werden.

Die Publikation Bilder zum Judenmord bildet für historisch und kunstgeschichtlich interessierte Leser einen brauchbaren Einstieg in die Thematik, für eine Fachleserschaft jedoch können nur bedingt neue Erkenntnisse zu den einzelnen Künstlern und zum übergeordneten Thema gewonnen werden.


Anmerkungen:

[1] Ziva Amishai-Maisels: Depiction and Interpretation. The Influence of the Holocaust on the Visual Arts (= Holocaust Series), Oxford 1993.

[2] "Ceija Stojka. Leben!", Ausstellung, Museum Judenplatz, Jüdisches Museum der Stadt Wien, 02.12.2004-06.03.2005, Kurator: Gerhard Milchram.

[3] Vgl. Georg Heuberger / Eva Atlan (Hgg.): Ewiges Licht. Samuel Bak - eine Kindheit im Schatten des Holocaust (= Schriftenreihe des Jüdischen Museums Frankfurt am Main; Bd. 4), Sigmaringen 1996.


Eva Atlan

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in KUNSTFORM 16 (2015), Nr. 6,

Rezension von:

Eva Atlan
Jüdisches Museum, Frankfurt am Main

Redaktionelle Betreuung:

Oliver Sukrow