Rezension

Horst Bredekamp: Galilei der Künstler. Der Mond. Die Sonne. Die Hand, Berlin: Akademie Verlag 2007, 517 S., ISBN 978-3-05-004319-7, 44.80 EUR
Buchcover von Galilei der Künstler
rezensiert von Marion Bornscheuer, Wilhelm Lehmbruck Museum, Duisburg

Mit der vorliegenden Galilei-Monografie vollendet Horst Bredekamp nach 20 Jahren intensiver Forschung seine mit Hobbes und Leibnitz begonnene Trilogie über die "visuellen Denkformen der modernen Naturwissenschaft, Staatstheorie und Philosophie" (8), welche sein in der Presse als "Bredekamp-Projekt" [1] gefeiertes Hauptwerk bildet. [2]

Ausgehend von Panofskys Aufsatz "Galileo as a Critic of the Arts" (5-6), der 1954 erstmals die Ästhetik des italienischen Naturwissenschaftlers in den Blick nahm, intendiert Bredekamp im aktuellen Band mit der These, dass "jede [zeichnerische] Handbewegung über den Charakter ganzer Kosmologien zu entscheiden vermochte", die "Rekonstruktion von Galileis zeichnerischer Intelligenz" (6). Dabei gelingen ihm drei Geniestreiche:

1. die Erstpublikation eines "bislang unbekannte[n]", in einem New Yorker Antiquariat entdeckten "Exemplar[s] des Siderius Nuncius von 1610 [...], in dem sich keine Stiche, sondern Zeichnungen des Mondes befinden", wodurch es zum "vielleicht bedeutendsten Dokument [...] seit Antonio Favaros Nationalausgabe der Schriften Galileis [1879]" avanciere (10),

2. eine ungewöhnlich enge Verschränkung von Text und Bild, durch die sich die Forschungsergebnisse unmittelbar nachvollziehen lassen,

3. der Entwurf eines neuen Galilei-Images, das den seinerzeit führenden Kosmologen (480-481) auch als aktives Mitglied der zeitgenössischen Kunstszene ausweist (25-99, 283-342).

Die 12 Kapitel der Publikation lassen sich analog zum Untertitel in drei Hauptthemen gliedern: die Kapitel 4 bis 7 behandeln den "Mond", Kapitel 9 die "Sonne", und die Kapitel 1 bis 3 sowie 10 bis 12 bilden die formale und inhaltliche Klammer zum Thema der zeichnenden "Hand", aus der sich der Haupttitel "Galilei der Künstler" wie selbstverständlich generiert. Ein höchsten Ansprüchen genügender Quellenapparat, der die Zeichnungen und Stiche in Originalgröße reproduziert (346-478), rundet den Band ab.

Schlüssig beginnt Bredekamp mit der Analyse des bis ins 18. Jahrhundert tradierten Mythos von "Galilei als 'neuem Michelangelo'" (13 ff.), den der Maler Lodovico Cigoli in Vorahnung von Galileis Schwierigkeiten mit der Inquisition 1612 begründet habe (14). Im Jahr 1737 seien Galileis Gebeine schließlich als "Triumph des Florentiner Staates über die Inquisition" (19) in Santa Croce in eine eigene Kapelle transferiert und zum gleichen Tag und zur gleichen Stunde wie einst Michelangelo beigesetzt worden (17-19). Damit erweist sich die Sichtweise von 'Galilei als Künstler' für das 18. Jahrhundert als Politikum. Bredekamp zufolge basiert sie zudem auf Fakten, die er in seiner Studie kontinuierlich entwickelt: Er beschreibt Galileis Ausbildung und Mitgliedschaft in der Accademia del Disegno (34-36, 283), analysiert dessen überlieferte Figurenzeichnungen (25-33), weist dessen Einfluss auf die zeitgenössische Kunsttheorie und -praxis nach (42-82, 87-88, 94-99, 283-317), und identifiziert zuletzt auch die Zeichnungen und Kupferstiche vom Mond und von den Sonnenflecken als Galileis eigenhändige Schöpfungen (101-282).

Letztere untersucht Bredekamp im Hauptteil des Buches eingehend auf ihre künstlerischen Finessen, wobei er zuweilen seine stilistische Analyse ("Die rechts unten hingetupften Flecken bieten [...] eine Dramatisierung der Oberfläche, die einen Höhepunkt von Galileis Zeichenkunst darstellt." 142-143) gegen seine These der im technischen Fortschritt bedingten zeitlichen Beschleunigung ausspielt ("Der coup d'œil wurde zum Maßstab. [...] Dies aber bewirkte, dass jeder das Fernrohr nutzende Forscher in einer Konkurrenz stand, deren zeitliche Dimension zuvor unbekannt war." 338), zu erwarteten Ergebnissen kommt ("Die höhere Komplexität der Zeichnungen gegenüber den Stichen legt nahe, dass nicht diese nach den Stichen, sondern die Stiche nach den Zeichnungen geschaffen wurden." 174) und auch vor kunsthistorisch fragwürdigen Vergleichen nicht zurückschreckt ("[...] führt der Stich [von Galilei] an Wols erinnernde Ritzungen und staubförmige Punktierungen vor [...]." 161).

Passagenweise blitzt hier die ungezähmte und darin sympathische Emphase des Forschers auf, der im "unvergleichlichen Nachthimmel über Eiderstedt [...] mit dem Fernrohr nachzuvollziehen versucht" hat, "was Galilei sah" (12). Mit ihr erweist sich Bredekamp nach der lobenden Einschätzung des taz-Journalisten Alexander Cammann zuletzt "selbst als ein Künstler". [3] Festzuhalten ist jedoch zweierlei: Erstens muss die akribische Genauigkeit naturwissenschaftlicher Zeichnungen im vorfotografischen und vordigitalen Zeitalter als Grundvoraussetzung der Forschungen gelten und kann daher nur bedingt unter dem Aspekt des 'künstlerischen Stils' betrachtet werden. Zweitens fallen Kunst und Wissenschaft aus demselben Grund zu Galileis Zeiten noch nicht auseinander, wie der Autor ferner selbst erörtert. Die Kunstakademie war damals die einzige "Institution [,] die Unterrichtung in Mathematik anbot. Die Künstler hatten nicht aufgehört, sich auf Grund ihrer Interessen in Optik und Perspektive mit Geometrie und Algebra zu beschäftigen [...]. Zudem waren Euklid und Mathematik bereits im Gründungsstatut der Accademia del Disegno in das Curriculum aufgenommen worden" (34).

Insofern erstaunt, dass erst mit Bredekamps Publikation der auf der Hand liegende, von Cammann wie folgt pointierte Nachweis erbracht worden ist: "Der Wissenschaftler Galilei war nur möglich durch den Künstler Galilei". [4] Unwillkürlich wirft dies die provokante Frage auf, inwiefern Forschungen wie Leonardos Maschinenentwürfe und Anatomiestudien oder auch Goethes Farbenlehre ohne das vorauszusetzende künstlerische Vermögen zur exakten Auf-'Zeichnung' historische Bedeutung hätten erlangen können?

Mit seinem Galilei-Band, dessen wohl beeindruckendstes Ergebnis in der Feststellung besteht, "dass der Vergrößerungsgrad von Galileis Fernrohr nur eine ausschnitthafte Betrachtung des Mondes zuließ. Nicht im Fernrohr, sondern auf dem Papier allein war der Mond als ganzer zu befragen. Die Zeichnung war Bedingung und nicht etwa Zutat der Analyse" (339), vermag Bredekamp eine offensichtliche Forschungslücke endlich zu schließen. Darüber hinaus eröffnet er zukünftigen Forschungen mit der Erstpublikation bislang unbekannter Dokumente, wie den eingangs erwähnten Siderius Nuncius-Zeichnungen, oder auch mit der Erwähnung von Galileis heutzutage überraschender Förderung zeitgenössischer Künstlerinnen, wie Artemisia Gentileschi oder der zu unrecht kaum bekannten Anna Maria Vaiani (301-314), ein breites und innovatives Themenspektrum.

Schon so mancher Bestseller-Autor hat nach der Bekanntgabe, dass eine Buchserie abgeschlossen sei, ihren roten Faden wieder aufgenommen und die Geschichte fortgesetzt. Ob dies auch für Horst Bredekamp gelten wird? Wir sind erwartungsvoll gespannt.


Anmerkungen:

[1] Alexander Camman: In den Himmel schauen. Ein Naturwissenschaftler als Künstler: Horst Bredekamps großartige Inszenierung der astronomischen Entdeckungen Galileo Galileis, in: taz, 10.10.2007.

[2] Horst Bredekamp: Thomas Hobbes. Der Leviathan. Das Urbild des modernen Staates und seine Gegenbilder. 1651-2001, Berlin 2003; ders.: Die Fenster der Monade. Gottfried Wilhelm Leibnitz' Theater der Natur und Kunst, Berlin 2004.

[3] Wie Anm. 1.

[4] Wie Anm. 1.


Marion Bornscheuer

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Rezension von:

Marion Bornscheuer
Wilhelm Lehmbruck Museum, Duisburg

Redaktionelle Betreuung:

Hubertus Kohle