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Der Neubau von St. Peter in Rom

  • Donato Bramante Sogen. Pergamentplan Florenz, Gabinetto Disegni Uffizien (GDSU), Inv. Nr. UA 1 Quelle: Media Center, Department of Art History and Archaeology, Columbia University, New York

Donato Bramante Sogen. Pergamentplan Florenz, Gabinetto Disegni Uffizien (GDSU), Inv. Nr. UA 1

Der Plan für die Vergrößerung und Vereinheitlichung des Vatikans hängt aufs engste mit dem Neubau von St. Peter zusammen, dessen Grundsteinlegung am 18. April 1506 erfolgte. Aus diesem Anlass wurde eine Medaille von Cristoforo Foppa, gen. Il Caradosso geprägt, die nicht die Eingangsseite zeigt, sondern den Blick auf die neue Chorpartie, mit der der Neubau begonnen wurde. Die Fassade erscheint auf dem Revers der Medaille mit Bramantes Porträt, die ebenfalls von Caradosso stammt. Flankiert von zwei Chortürmen präsentiert sich ein Gebilde, dessen beherrschendes Merkmal eine riesige halbkreisförmige Kuppel ist, deren hoher Tambour von Säulen umstellt ist. Sie wird seitlich flankiert von zwei Nebenkuppeln, die die Räume in den Nebenachsen überfangen, während der Chorabschluss durch eine Halbkuppel gebildet ist, die sich an den mit einem Tempelgiebel versehenen quadratischen Corpus des Kuppelquadrats anlegt. Ihm ist eine schmale Kolonnade vorgelagert, in deren Mitte sich ein übergiebeltes Portal befindet. Die beschriebene Struktur korrespondiert mit dem berühmten Pergamentplan des Gabinetto dei Disegni in Florenz, der in der Fachwelt als UA 1 (= Uffizi, Architettura, Inv. Nr. 1) genannt wird. Sowohl der Plan, der als eigenhändige Zeichnung Bramantes anerkannt ist, wie die Medaille überzeugte die ersten Bramanteforscher davon, daß Bramantes erstes Projekt einen Zentralbau vorsah. Seit Geymüller wird der Pergamentplan UA 1 daher spiegelbildlich zu einem Zentralbau ergänzt, obwohl  er weniger als dessen Hälfte zeigt. Die neuere Forschung, die sich auf das umfangreiche, aber auch verwirrende Planmaterial stützt, das mit den Nachlässen Antonio da Sangallos und Giorgio Vasaris in die Uffizien gelangt ist, hat das Detailwissen über die Entwicklung der Projekte bereichert, bleibt aber weiterhin kontrovers. Bis heute scheiden sich die Geister an der Frage, ob der erste Entwurf Bramantes einen Zentralbau vorsah (Frommel, Satzinger, Niebaum), oder ob es sich von Anfang an um einen kompositen Bau handeln sollte (Thoenes 1994).

  • Giuliano da Sangallo (1445-1516) Florenz, Gabinetto dei Disegni, Inv. Nr UA 8 recto Entwurf für St. Peter als Zentralbau Ausgehend von Giuliano da Sangallos Entwurf für einen Zentralbau hat Bramante auf die Rückseite desselben Blattes einen eigenen Entwurf skizziert: Donato Bramante Korrigierte Ideenskizze für St. Peter auf der Grundlage von Giuliano da Sangallos Zentralbauprojekt Florenz, Gabinetto dei Disegni, Inv. Nr. UA 8 verso 1505-1506 Quelle: privat

Obwohl Bramante den endgültigen „Zuschlag“ für das Projekt erhielt, hatten sich auch andere Architekten mit der Neugestaltung der Basilika befaßt. Fra Giocondo (1433-1515) entwarf einen riesigen und unförmigen Longitudinalbau, in den Mauerteile der konstantinischen Basilika integriert werden sollten, während Giuliano da Sangallo auf der Grundlage von Bramantes Pergamentplan einen ins Quadrat eingeschriebenen Zentralbau nach dem Fünfkuppelschema (sogenannte Quincunx) mit einer großen und vier kleinen Kuppeln konzipierte, dem der Pergamentplan UA 1 zugrundeliegt. Bramante skizzierte mit Hilfe einer Durchzeichnung just auf der Rückseite desselben Blattes eine Variante, die Giuliano da Sangallos Grundidee zum Longitudinalbau umdisponierte. Die Vorbilder für beide Varianten hat er ebenfalls auf dieses Blatt skizziert, nämlich den Grundriss des Mailänder Doms (unten) als Basilika über einem lateinischen Kreuz und eine der Umgangskonchen des Zentralbaues von S. Lorenzo in Mailand (oben rechts). Als der bei der Grundsteinlegung maßgebliche Entwurf gilt heute die als UA 20 bekannte Zeichnung, die das früheste bekannte Beispiel eines maßstabgerechten (1:300) Bauplans ist, der über einer mit dem Lineal gezogenen Rasterung liegt. Der Chor Nikolaus’ V. wird hier zum ersten Joch des zweijochigen Chorarmes, ist aber in der Querachse aufgebrochen, um die Verbindung zu den Kuppelräumen in den Nebenachsen herzustellen. Aus dem Grundriss der frühchristlichen Kirche S. Lorenzo in Mailand wird die Idee der Chorumgänge für die drei gleich langen Arme des Chorbereiches entwickelt. Als Alternativlösung deutet die rechte Seite des Blattes einen geraden Querhaus-Abschluss und die Beibehaltung der Schiffsbreiten der alten Basilika an. Aufgrund der geringen Masse und Größe des nordöstlichen Kuppelpfeilers in der Vierung war sie jedoch kaum realistisch, da die lichten Maße bereits auf eine Kuppel von den später realisierten Dimensionen deuten.

zu 6. Zur Vorgeschichte von Bramantes Projekt: Michelangelos Juliusgrab