Die Anfänge der Renaissance in Venedig

Venedig, San Marco, Fassade mit der Quadriga der antiken Pferde aus dem Hippodrom von Konstantinopel,
hier aufgestellt 1254
Venedig, San Marco, Fassade mit der Quadriga der antiken Pferde aus dem Hippodrom von Konstantinopel,
hier aufgestellt 1254

Der enge Kontakt zu Konstantinopel, das die Venezianer 1204 erobert und geplündert hatten, hatte der Serenissima schon früh einen Zugang zur Antike geöffnet, der von anderer Qualität war als der des übrigen Italien. Aus venezianischer Sicht war die Antike nicht geheimnisvoll und rätselhaft, sondern bildete in Form von Trophäen einen materiellen Bestandteil des venezianischen Selbstverständnisses. Symbole dieser Sicht auf die Antike sind die architektonischen und skulpturalen Spolien aus Konstantinopel, zu denen die hellenistischen Bronzepferde gehörten, die seit dem Sieg über Konstantinopel als Trophäen und neben antiken Reliefs die Fassade von S. Marco zieren. Ähnlich wie der vor dem Arsenal als Wächter aufgestellte hellenistische Löwe aus dem Hafen von Piräus dienten diese antiken Beutestücke aber nicht als Trophäen, sondern waren auch Symbole der politischen Macht.

In Padua, das seit 1405 zur Markusrepublik gehörte >L.II.5, hatte der Humanismus bereits im 14. Jahrhundert Fuß gefasst. Entscheidend dafür waren die beiden renommierten Universitäten der Stadt, die die europäischen Eliten anzogen. Auch Petrarcas enge Bindung an den Hof der damals in Padua herrschenden Dynastie der Carrara war hier nicht ohne Wirkung geblieben. Petrarca hatte jedoch seit 1362 auch längere Zeit in Venedig gelebt, das er als „einzigen Ort der Freiheit, des Friedens und der Gerechtigkeit“ bezeichnete und plante ursprünglich sogar, der Republik seine bedeutende und später verstreute Bibliothek zu stiften [LIT=Rico/ Marcozzi 2015, 682]. Die intellektuellen und künstlerischen Kontakte zwischen Padua und Florenz, die seit dem 14. Jahrhundert bestanden und die sich im Quattrocento vertieften, strahlten nach 1405 auch auf Venedig aus >L.II.5.

Poliphilus begegnet der Nymphe Eleuterylida, aus: Francesco Colonna, „Hypnerotomachia Poliphili“ 1499, Holzschnitt
Poliphilus begegnet der Nymphe Eleuterylida, aus: Francesco Colonna, „Hypnerotomachia Poliphili“ 1499, Holzschnitt

Die intensivste Berührung Venedigs mit den neuen Idealen der Renaissance vollzog sich im Medium des Buchdrucks, der hier eines seiner wichtigsten Zentren hatte, was mit den optimalen Handelsbeziehungen zusammenhing. Wichtig dafür war die mit vielen griechischen Codices bestückte Bibliothek, die der gelehrte griechische Kardinal Bessarion 1468 den Venezianern vermacht hatte, und die später ein würdiges Domizil in der von Jacopo Sansovino errichteten Libreria Vecchia der Biblioteca Marciana >L.X.5 finden sollte. Der humanistisch gebildete Verleger Aldo Manutio (1450-1515) aus Velletri, der mit Giovanni Pico della Mirandola befreundet war, gründete 1493 in Venedig eine Buchdruckerei, die sich dem wissenschaftlich korrekten und handlichen Druck klassischer und vor allem klassischer Autoren im Octav-Format widmete. 1498 erschien bei ihm die erste griechische Ausgabe der Schriften des Aristoteles. 1499 veröffentlichte seine Offizin den allegorischen Roman „Hypnerotomachia Poliphili“ (Traumliebeskampf des Polyphilus), der dem Dominikaner Francesco Colonna zugeschrieben wird. Thema des Romans, der in der Tradition der Minneromane steht, sind die Irrwege und Abenteuer des Polyphilus auf der –geträumten- Suche nach seiner Geliebten Polia. Der Roman enthält lebendige Schilderungen von phantastischen Gärten, Grotten, antiken Ruinen und Gebäuden, Fabelwesen und Göttern, aber auch allegorische Gestalten . Insgesamt 172 Umrissholzschnitte, deren Urheber nicht bekannt ist, zieren das in Antiqua gedruckte Buch, das als einer der schönsten Drucke der Renaissance gilt und das in Italien, aber auch in Frankreich und England intensiv rezipiert wurde. Etwa gleichzeitig tritt innerhalb der venezianischen Malerei eine neue Bildgattung auf, die in Zusammenhang mit dem Roman stehen könnte. Es handelt sich um eine Gruppe kleinformatiger Bilder – Burckhardt bezeichnete sie als „Novellenbilder“ , deren Inhalt bis heute Rätsel aufgibt, darunter einige Gemälde Giorgiones, die Allegoria sacra von Giovanni Bellini und die 1505 datierte Allegorie auf Tugend und Laster von Lorenzo Lotto .

 

zu 2. Florentiner im Veneto