Sebastiano del Piombo und Pordenone

Sebastiano (Luciani) del Piombo, Polyphem, ca. 1512, Rom, Villa Farnesina
Sebastiano (Luciani) del Piombo, Polyphem, ca. 1512, Rom, Villa Farnesina

Der erste von ihnen ist der Venezianer Sebastiano del Piombo (1485-1547), der seine Ausbildung bei Giovanni Bellini und anschließend bei Giorgione erhielt, bevor ihn Agostino Chigi während seines Aufenthaltes in Venedig im Jahr 1511 in seinen Dienst nahm. In Rom partizipierte er dann an der von mehreren Künstlern geschaffenen Ausmalung der Villa am Tiber, blieb hier aber, vor allem im Kolorit, und in der Darstellung der Landschaft, noch der venezianischen Malerei verpflichtet. Bald darauf schloss sich Sebastiano del Piombo jedoch Michelangelo an, mit dem er sich auch anfreundete. Seine um 1515 entstandene Pietà zeigt den deutlichen Einfluss Michelangelos, auf den laut Vasari die Idee für dieses Gemäldes zurückgeht, die er in einer späteren Zeichnung für Vittoria Colonna noch einmal verarbeitet hat. Mit der anschließenden Ausmalung der Kapelle Borgherini in S. Pietro in Montorio profilierte sich Sebastiano del Piombo zum wichtigsten römischen Antipoden Raffaels in der Malerei. Paradigmatisch für diese Konkurrenz war der Auftrag des Kardinals Giulio de’Medici, des späteren Clemens VII. für zwei Altargemälde, die für die Kathedrale von Narbonne bestimmt waren.

Sebastiano del Piombo,
Auferweckung des Lazarus, 1516-1519,
London, National Gallery
Sebastiano del Piombo,
Auferweckung des Lazarus, 1516-1519,
London, National Gallery

Sebastiano malte in Konkurrenz zu Raffaels Transfiguration auf dem Berg Tabor eine Auferweckung des Lazarus. Die schriftlichen Quellen belegen, dass sich beide Künstler der Konkurrenz bewusst waren und dass jeder versuchte, sein Werk vor dem anderen zu verstecken bevor es nicht vollendet war . Durch Raffaels plötzlichen Tod während der Arbeit an dem Gemälde erhielt die zunächst unter dem Zeichen des Wettstreits stehende Konfrontation zweier Stilmodelle jedoch den Rang eines Vermächtnisses. Sebastiano del Piombo wurde in den Jahren des Pontifikats Clemens‘ VII. zu dessen bevorzugtem Maler und sein immer stärker durch Michelangelo geprägter Stil verdrängte die venezianische Grundlage seiner Kunst schließlich so gut wie ganz. Er war einer der wenigen Künstler, die sich nicht vom Sacco di Roma (1527) vertreiben ließen und gehörte zu denen, die dem Papst während seiner Gefangenschaft in der Engelsburg Gesellschaft leisteten. Sein Werk und sein Leben sind exemplarisch für eine totale Neuorientierung, die durch die persönliche und künstlerische Beziehung zu Michelangelo ausgelöst wurde. Ein so radikaler Stilwandel unter dem Einfluss Roms blieb jedoch eher die Ausnahme.

Giovan Antonio de Sacchis, genannt Il Pordenone, Beweinung Christi, 1520-1522, Cremona, Dom
Giovan Antonio de Sacchis, genannt Il Pordenone, Beweinung Christi, 1520-1522, Cremona, Dom

Ähnlich gelagert, aber weniger spektakulär ist der Fall des aus dem Friaul stammenden Giovan Antonio de Lodesanis de Sachis, genannt Il Pordenone (1484-1539), der seinen ursprünglichen Stil infolge einer Romreise um 1515 radikal änderte und der später seine römischen Erfahrungen in den Darstellungen der Passion in sehr origineller und unkonventioneller Weise verarbeitet hat. Auch er gehörte zu den Mitarbeitern, die Prino del Vaga nach Genua holte, um ihn bei der malerischen Ausstattung der Villa des Andrea Doria zu unterstützen. Seine Beweinung Christi von 1520-1522 im Dom von Cremona reflektiert die Pietà von Sebastiano del Piombo . Statt der axialen Anordnung des Leichnams im Verhältnis zur trauernden Maria entschied sich Pordenone für eine diagonale Lage, die ebenfalls auf ein Vorbild von Sebastiano del Piombo zurückgeht . Zwei weitere Wandbilder aus diesem Passionszyklus  zeigen jedoch, dass sich Pordenone nur partiell an den römischen Vorgaben orientierte. Er konzipierte beide Szenen als dicht gedrängte und farbenfrohe Massenversammlungen, aus denen die Protagonisten durch auffällige Posen und Farben herausgehoben werden. Fülle und Bewegung ersetzen die räumlichen und perspektivischen Regeln der florentinisch-römischen Schule, gleichwohl besitzen seine späteren, in Venedig unter dem Einfluss Tizians entstandenen Werke Monumentalität und eine schon fast barocke Verve . Vasari lobt Pordenones Erfindungen wegen ihrer Reliefwirkung und zählte ihn zu den Meistern, die, obwohl Autodidakt und aus einer Gegend ohne künstlerische Exzellenz stammend, „hanno fatto augumento all’arte“ (die Kunst bereichert haben) .

 

zu 3. Lorenzo Lotto