Die Kartons für die Tapisserien

Raffael, Karton für den Gobelin „Der wunderbare Fischzug“, 1515
London, Victoria und Albert Museum
Raffael, Karton für den Gobelin „Der wunderbare Fischzug“, 1515
London, Victoria und Albert Museum

Parallel zu den Stanzen arbeitete Raffael ab 1515 an den Kartons  für eine Teppichserie, die das Wirken der Apostelfürsten darstellt und die in der Brüsseler Werkstatt des Pieter van Aelst gewoben wurden. Um die Bildwirkung der Teppiche vorab einschätzen zu können, hat sich der hier von seiner Werkstatt unterstützte Künstler bei der Entwurfsarbeit des sogenannten Abklatschverfahrens bedient, mit dessen Hilfe eine seitenverkehrte Version der Komposition erzielt werden konnte. Die ersten sieben Teppiche wurden bereits zu Weihnachten 1519 in der unteren Wandzone der Sixtinischen Kapelle aufgehängt, deren ikonographisches Programm sie vervollständigen . Die insgesamt aus zehn Teppichen bestehende Serie, die heute in der Pinakothek der Vatikanischen Museen aufbewahrt wird, setzt sich ikonographisch wie folgt zusammen: sechs Szenen sind dem Leben des hl. Paulus, vier dem des hl. Petrus gewidmet. Über die ursprüngliche Anordnung ist bekannt, dass die Paulusdarstellungen auf der Südwand, d.h. unter dem Moses-Zyklus hingen. Die vier Teppiche mit Szenen aus dem Leben des hl. Petrus wurden auf der nördlichen Wand unter dem Christuszyklus platziert, auf der wegen der Sängertribüne weniger Platz zur Verfügung stand. Formal nahm Raffael auf die Wandbilder der älteren Florentiner Meister Rücksicht >L.VII.5,  reduzierte aber die Darstellung auf jeweils ein bildbeherrschendes Ereignis. Mit dieser Konzentration auf eine einzige dramatische Handlung, in deren Dienst der gesamte figürliche Apparat steht, begründete er einen neuen Typus der Historienmalerei. Besonders deutlich wird dieses neue Bildverständnis am Teppich mit dem Wunderbaren Fischfang in direkter Anlehnung an den Evangelientext (Lukas 5, 5-11] wird dieses Ereignis als eine nahsichtige Szene mit wenigen Figuren von höchster Bewegtheit und Dramatik konzipiert, deren Protagonist der zwischen Zweifel, Staunen und Glauben schwankende Petrus ist. Die reichen Rahmenbordüren der Teppiche enthalten ein eigenes Bildprogramm, zu dem auch ein Zyklus mit Szenen aus dem Leben Papst Leos X. gehört, dessen Aussagen mit dem Inhalt der großen Bildfelder korrespondieren.

Agostino Veneziano (ca. 1490-1540), nach Raffael,
Tod des Ananias, Kupferstich
Agostino Veneziano (ca. 1490-1540), nach Raffael,
Tod des Ananias, Kupferstich

Alle Kartons blieben in Brüssel und erfuhren von hier aus eine intensive weitere Verwendung. Zunächst fertigte Pieter van Aelst weitere Serien an. Danach scheint er die Kartons, die für die Übertragung in kleine Stücke zerschnitten worden waren, an andere Werkstätten ausgeliehen zu haben. Zwei Kartons (hl. Paulus im Kerker, Steinigung des hl. Stephanus) gingen später verloren, ein dritter ist nur bis 1528 nachweisbar, 1623 befanden sie sich in Genua und wurden auf Anraten von Rubens vom englischen Thronanwärter, dem späteren König Karl I. erworben. Seit 1699 wurden sie in einer eigens für sie errichteten Galerie in Hampton Court ausgestellt. Heute befinden sie sich in London im Victoria & Albert Museum . Das künstlerische Nachleben der Teppiche im 16. und 17. Jahrhundert beruhte daher weniger auf den Kartons als auf den Teppichen selbst, den nachgefertigten Serien und vor allem auf den Kupferstichen, deren Grundlage die von Raffael und seiner Werkstatt geschaffenen Entwürfe und deren Kopien und Vervielfältigungen waren. Der früheste Stich ist der bereits 1516 verfügbare Tod des Ananias von Agostino Veneziano, an dem vermutlich auch Marcantonio Raimondi mitgearbeitet hatte. Die Bedeutung der Teppichserie für die spätere Kunstentwicklung beruht auf dieser intensiven graphischen Rezeption.

 

zu 8. Die Loggien