Andrea Palladios Paläste in Vicenza

Vicenza, Palazzo dei Signori (sogen. Baslilika), Außengestaltung von Andrea Palladio, beg. 1549
Vicenza, Palazzo dei Signori (sogen. Baslilika), Außengestaltung von Andrea Palladio, beg. 1549

So unüberwindbar der Gegensatz zwischen Sansovino und Giulio Romano auf der einen und Palladios Bauten mit ihren klaren Formen und ausgewogenen Proportionen auf der anderen Seite erscheint, gibt es viele Berührungspunkte zwischen der manieristischen und der klassizistischen Ausformung des Kanons der Renaissancearchitektur. So hat Palladio das Prinzip der seriellen Reihung gleicher Motive ohne hierarchisches Prinzip von Sansovino übernommen, als er den bereits bestehenden Stadtpalast (Palazzo dei Signori) in Vicenza (1549 begonnen) mit einer zweigeschossigen Loggia ummantelte, in der sich ein einziges und in der Ausdehnung flexibles Motiv vielfach wiederholt, das von der Kunstgeschichte den Namen Palladiomotiv erhielt, obwohl es von Bramante erfunden und von Sebastiano Serlio verbreitet worden war, und daher auch als Serliana bezeichnet wird. Serlios Einfluss auf den jungen Palladio, der in der Außengestalt der Basilika von Vicenza evident ist, lässt sich vor allem auf dessen Architekturtraktat zurückführen .

Andrea Palladio, Grundriss und Schnitt des Palazzo Thiene in Vicenza, 1542-1546, aus: A. Palladio, I Quattro Libri, 1570
Andrea Palladio, Grundriss und Schnitt des Palazzo Thiene in Vicenza, 1542-1546, aus: A. Palladio, I Quattro Libri, 1570

Nach seiner Ausbildung in Padua als Steinmetz führte Palladio  in Vicenza von 1524 bis 1540 eine zunächst eher unauffällige Existenz als Mitarbeiter einer Baumeister- und Steinmetzwerkstatt, bevor er sich durch seine Teilnahme am Wettbewerb für die Neugestaltung des Kommunalpalastes als Architekt profilierte. Nach seiner ersten Romreise (1541), der weitere folgten (1545, 1546, 1549, 1554), übernahm er 1542 die Bauleitung des von Giulio Romano konzipierten Palastes der einflussreichen und mächtigen Vicentiner Familie Thiene. Palladio unterwirft sich hier weitgehend der Formensprache Giulio Romanos, die er in Rom, aber auch in Mantua studieren konnte. Das Motiv der durch Doppelpilaster betonten Eckrisalite lässt an die Cancelleria >L.VII.4 denken, während für die mit einem Mezzanin verbundenen Läden, die sich im rustizierten Sockelgeschoss zu Seiten einer vorgelagerten mittleren Loggia befinden sollten, Bramantes Palazzo Caprini Pate stand. Die 1570 in den „Quattro Libri“ abgebildete und beschriebene Vierflügelanlage hätte, wäre sie vollendet worden, in Anspruch und Maßen mit den großen römischen Palästen, vor allem dem Palazzo Farnese >L.X.2, konkurrieren können. Anscheinend hat Palladio nach Giulio Romanos Tod (1546) die toskanische Pilastergliederung des hohen Hauptgeschosses durch eine komposite Ordnung über einer flachen Quaderung ersetzt. Hier und In den steilen Pfeilerarkaden der Hofloggia und der ihnen vorgeblendeten kompositen Pilasterordnung kündigt sich die Gravität an, die seine ab 1550 in kurzen Abständen aufeinander folgenden Vicentiner Paläste kennzeichnet.

Vicenza, Palazzo Chiericati, heute Museo Civico, Entwurf: Andrea Palladio, beg. 1550
Vicenza, Palazzo Chiericati, heute Museo Civico, Entwurf: Andrea Palladio, beg. 1550

Die Fassade des Palazzo Da Porto Festa (1546-1552) ist mit einem rustizierten Sockelgeschoss, der ionischen Ordnung von Halbsäulen und ihren Ädikulafenstern der römischen Palasttypologie verpflichtet. Der Grundriss mit Atrium, zentralem andito, einem über zwei Geschosse reichenden Peristyl und der Trennung des Wohnbereichs vom Gästetrakt folgt dagegen dem Idealplan des antiken römischen Hauses, für das sich Palladio auf Vitruv berief. Noch konsequenter folgt er Vitruv beim Palazzo Chiericati (1550 begonnen), dessen Erdgeschoss sich als ein Kolonnadenportikus toskanischer Ordnung öffnet. Die mittleren fünf Joche sind durch die Treppenstufen und die Verdoppelung der Säulen als Vestibül ausgezeichnet, das nicht vom öffentlich zugänglichen Bereich abgetrennt wird. Über dem Vestibül zeigt sich die eigentliche Palastfassade, bestehend aus fünf Fensterachsen und ausgezeichnet durch eine risalitartig vortretende große Ordnung ionischer Halbsäulen, die die schmalen Ädikulafenster mit ihren Balkonbrüstungen und die kleinen Oberlichtfenster zu einem Geschoss verbinden. Die Ecken des Risalits werden von je einer Dreiergruppe von Säulen betont, die zu den Loggien überleitet, die sich in einer zweiachsigen Kolonnade öffnen. Die Säulenreihen vor verschattetem Grund sind das dominierende Motiv der Fassade, die an die Schauwand eines Forums denken lässt . Passend zu dieser Orientierung nach außen wurde auf einen Innenhof verzichtet. Kein anderer der von Palladio in Vicenza errichteten Paläste wendet sich so radikal von der konventionellen Typologie des Stadtpalastes römischer Tradition ab. Palladios der römischen Antike, vor allem der Vorhalle des Pantheons abgeschaute Interpretation der Säule als einem autonomen Bauglied, dessen Proportionen nicht durch den Mauerverband oder die Gesamtverhältnisse eines Gebäudes vorgegeben sind, eröffnete neue Möglichkeiten für deren Verwendung.

Vicenza, Palazzo Valmarana, beg. 1565, Entwurf: Andrea Palladio
Vicenza, Palazzo Valmarana, beg. 1565, Entwurf: Andrea Palladio
Rom Konservatorenpalast, Fassade, um 1564-1565, errichtet von Giacomo della Porta nach dem Entwurf von Michelangelo
Rom Konservatorenpalast, Fassade, um 1564-1565, errichtet von Giacomo della Porta nach dem Entwurf von Michelangelo

Das zeigt sich in exemplarischer Weise am Hof des ab 1565 errichteten Palazzo Valmarana in Vicenza , dessen hohe und eng gestellte Säulen die Proportionen des Hofes sprengen, ihm aber gerade dadurch Monumentalität verleihen. In Palladios Architektur wird die glatte körperhafte Säule nicht als Einzelmotiv, sondern durch ihre Häufung zu einem ausdruckssteigernden Würdemotiv mit rhetorischen Qualitäten. Die auf eine schmale Straße gerichtete Fassade des Palazzo Valmarana ist mit einem weiteren, im Privatpalast bis dahin nicht gebräuchlichen Würdemotiv gestaltet: nämlich der zwei Geschosse übergreifenden Kolossalordnung wie sie schon Bramante für die Eckrisalite seines Gerichtsgebäudes für Julius II. geplant hatte. Die glatte Pilasterordnung läßt das Attikageschoss und die beiden äußeren Joche frei, so dass der Eindruck entsteht, es handle sich um eine auf die Wand projizierte Loggia. Das weit vorkragende verkröpfte Gebälk, und die Höhe des nur sieben Achsen umfassenden Gebäudes geben ihm ein feierliches Pathos, das durch die geplante Platzierung von Statuen auf der Attika noch gesteigert worden wäre. Es wird vermutet, dass Palladios Vorbild für die Kolossalordnung Michelangelos Modell für St. Peter von 1547 war, das er bei seiner letzten Romreise (1554) gesehen haben könnte >L.IX.9. Von Michelangelos Entwurf zur Fassade des Konservatorenpalastes, mit deren Bau erst 1563 begonnen wurde, hatte Palladio vermutlich keine genauen Kenntnisse. Michelangelo hat hier die kolossale Pilasterordnung ebenfalls auf einen siebenachsigen und zweigeschossigen Bau projiziert, mit dem Unterschied, dass es sich um ein öffentliches Gebäude handelte .

 

zu 7. Die römische villa suburbana

Serliana, nach Sebastiano Serlio, Regole generali di architettura (...),1537
Serliana, nach Sebastiano Serlio, Regole generali di architettura (...),1537

Serliana (Palladio-Motiv)

Der Begriff geht auf den im englischen Palladianismus üblichen Begriff "Palladian window" zurück, der speziell mit der Basilika in Vicenza verbunden wird. Der professionelle Begriff lautet jedoch Serliana, da das Motiv bereits in Sebastiano Serlios Architekturtraktat 4. Buch, 1537)abgebildet ist. Raffaels hat das Motiv in seinem Fresko Borgobrand in der Stanza dell’Incendio im Vatikan (1514-1517) dargestellt. Es kennzeichnet hier die päpstliche Benediktionsloggia im Hintergrund. Die Serliana besteht „aus einer dreiteiligen Öffnung mit schmäleren durch waagerechtes Gebälk abgeschlossenen Seitenöffnungen und breiterer, höherer Arkade als Mittelstück“ (Grundmann 1997, S. 359).  Palladios geniale Vervielfältigung des Motivs, das er 1549 zum Grundmodul der Ummantelung des Kommunalpalastes von Vicenza >L.X.6 mit Loggien gemacht hat, erklärt die in der älteren Literatur übliche Bezeichnung als „Palladio-Motiv“.

Literatur: Stefan Grundmann (Hg.): Architekturführer Rom. Eine Architekturgeschichte in 400 Einzeldarstellungen, Stuttgart London 1997; Erik Forssmann (Hg.): Palladio. Werk und Wirkung, Freiburg i. Br. 1997, 73.