Sansovino in Venedig

Venedig, Palazzo Corner, 1532-1537, nach Entwurf von Jacopo Sansovino
Venedig, Palazzo Corner, 1532-1537, nach Entwurf von Jacopo Sansovino
Venedig, Palazzo Loredan-Vendramin-Calergi, 1481-1509 errichtet von Mauro Codussi
Venedig, Palazzo Loredan-Vendramin-Calergi, 1481-1509 errichtet von Mauro Codussi

Der als Bildhauer und als Architekt tätige Florentiner Jacopo d’Antonio Tatti, genannt il Sansovino (1486-1570), entwickelte nach seiner Flucht aus Rom (1527) eine eng mit der Tradition seiner neuen Heimat Venedig verknüpfte Architektursprache, die durch die Loggetta vor dem Campanile von S. Marco, die Münze, sowie die Bibliothek der Markusrepublik (Libreria Marciana), und die mit ihr verbundene Neugestaltung der Piazzetta San Marco Venedigs Stadtbild nachhaltig geprägt hat. Die Möglichkeit dazu eröffnete ihm 1529 die Ernennung zum Protomaestro, d.h. zum obersten Architekten der Markusrepublik. Sein erster Auftrag für einen Patrizierpalast war der Neubau des Palazzo Corner am Canal Grande. Abweichend von den bis dahin in Venedig gültigen Regeln für Palastfassaden verzichtet er auf die Heraushebung des mittleren Abschnitts der Fassade, hinter dem sich im Erdgeschoss die Eingangshalle und im Hauptgeschoss der als Portego bezeichnete Saal verbergen. Nur der Rhythmus der Balkone gibt sich als Relikt der traditionellen Typologie zu erkennen. Auch im hohen Sockelgeschoss bewirken die drei an Giulio Romanos Palazzo Te erinnernden Pfeilerarkaden des Vestibüls eine Zentrierung. Die schon 1509 von Mauro Codussi am Palazzo Loredan-Vendramin-Calergi eingeführte Artikulierung der beiden Hauptgeschosse durch antike Ordnungen und Vollsäulen ist systematisiert und gestrafft. Die gleichmäßige Abfolge der gekuppelten Halbsäulen betont die Höhe der rundbogigen und schmal wirkenden Fensternischen, die eines der Kennzeichen von Sansovinos Fassadengestaltung sind. Verglichen mit den römischen Prototypen fallen neben der weitgehenden Gleichbehandlung der beiden Hauptgeschosse die plastische Qualität des Baukörpers und seine rhythmische Gleichförmigkeit ins Auge.

Venedig, Biblioteca Marciana, 1537-1588, nach Entwurf von J. Sansovino, vollendet von V. Scamozzi
Venedig, Biblioteca Marciana, 1537-1588, nach Entwurf von J. Sansovino, vollendet von V. Scamozzi
Mantua, sogen. Rustica (Teil des Palazzo Ducale), Cortile della Cavallerizza, 1538-1539, Entwurf von Giulio Romano
Mantua, sogen. Rustica (Teil des Palazzo Ducale), Cortile della Cavallerizza, 1538-1539, Entwurf von Giulio Romano
Venedig, Zecca, 1536, Entwurf von J. Sansovino
Venedig, Zecca, 1536, Entwurf von J. Sansovino

In potenzierter Form finden sich diese Merkmale der Fassadengestaltung auch in der Libreria Marciana, deren formale Elemente aus dem römischen Kanon stammen. So rufen die Girlanden des ionischen Frieses Raffaels Palazzo Branconio >L.IX.1 in Erinnerung. Insgesamt  handelt es sich jedoch um einen völlig neuen Fassadentypus, der die öffentliche Wandelhalle im Erdgeschoss mit einer für Innenhöfe und Platzanlagen geeigneten Schauwand verbindet. Zwei durch skulpturalen Dekor reich instrumentierte Ordnungen (dorisch, ionisch) überfangen die Pfeilerarkaden der Wandelhalle und der Fenster, die zusätzlich durch eine kleinere ionische Säulenordnung betont sind. Nicht nur die Säulen, sondern auch die Konsolen, Balkone, Balustraden und der Statuenschmuck bringen die Wand nahezu zum Verschwinden. Auch bei der 1537 begonnenen Münze (Zecca), deren Gestaltung in Anspielung auf ihre Funktion einem strengeren Modus folgt, verzichtete er auf die Betonung der Mittelachse und der Zugänge, die ein Merkmal der römischen Paläste ist. Im Sockelgeschoss der wuchtigen, mit bandagierten Dreiviertelsäulen skandierten Fassade wird der mittlere Eingangsbereich nur durch drei Stufen markiert, hinter denen sich ein Vestibül verbirgt. Mit der gewollten Monotonie und in der Ausschließlichkeit der Rustizierung in allen drei Geschossen partizipiert die Zecca an den formalen Tendenzen des Manierismus, dessen wichtigster Protagonist Giulio Romano war. Gleichzeitig mit der Zecca realisierte er in Mantua einen als Rustica bezeichneten Anbau des Palazzo Ducale, dessen Fassade durchgehend rustiziert wurde. Das Hauptgeschoss ist durch eine dorische Ordnung hervorgehoben, die jedoch auf spiralförmig in sich gedrehten Säulen ruht. Damit hat Giulio Romano ein ehrwürdiges, auf den Tempel Salomons verweisendes Motiv, auf das er schon bei der Ausmalung des Saals der Psyche im Palazzo Te zurückgegriffen hatte, so aktualisiert, dass es zu einem beliebten Motiv der Architektur des Manierismus werden konnte. Ausgehend von Sansovino und Giulio Romano wird die Rustizierung von Palastfassaden in den folgenden Jahrzehnten zu einer regelrechten Mode, wofür der dreiflügelige Hof des von Bartolommeo Ammanati erweiterten Palazzo Pitti in Florenz (begonnen 1560) das prominenteste Beispiel ist. 

Zu 6. Andrea Palladios Paläste in Vicenza