Leitformen der Profanarchitektur im 16. Jahrhundert und ihre Transformationen

Die architektonischen Prinzipien, die sich in Rom zu Beginn des 16. Jahrhunderts etablierten, wirkten weit über die Renaissance und über Rom hinaus. Dies gilt nicht nur für die Sakralarchitektur, sondern auch für den profanen Bereich und dessen vornehmste Bauaufgaben, den Palast und die Villa. Mehrere Faktoren waren für die Herausbildung des Repertoires dieser Bauten ausschlaggebend: 1. Die durch die Kurie bedingte Konzentration von Reichtum und Macht stimulierte innerhalb der Führungsschicht das Bedürfnis nach einer im Stadtbild sichtbaren Repräsentation. 2. Der Wohnpalast wurde für den Klerus und das Patriziat zum bevorzugten Gegenstand sozialer Distinktion. 3. Die aus den päpstlichen Bauunternehmungen resultierenden Erfahrungen im Umgang mit der antikisierenden Formensprache wurden von den Architekten auf die profane Wohnarchitektur übertragen. Neben Bramante war es Raffael, der durch seine phantasievollen Lösungen dem römischen Palast- und Villenbau wichtige Impulse gegeben hat. Nach seinem Tod (1520) entwickelten die jüngeren Architekten, allen voran sein Schüler Giulio Romano, der von 1525 bis 1546 in Mantua wirkte, neue Varianten des etablierten Kanons. Der Sacco di Roma >L.VIII.8 verursachte den Exodus namhafter Künstler aus dem Kirchenstaat, darunter Michele Sanmicheli und Jacopo Sansovino, die in Verona und Venedig im Rückgriff auf lokale Traditionen einen eigenen Stil begründeten. Auch Andrea Palladio orientierte sich zunächst am römischen Kanon, bevor er sein neues Konzept des städtischen und des ländlichen Hauses entwickelte. War die villa suburbana in Rom ein Privileg der Päpste und der ihnen nahestehenden Gesellschaftsschicht, so verliehen Sanmicheli, Sansovino, vor allem aber Palladio der Villenarchitektur des Veneto große Vielfalt, entsprechend dem Rang und den ökonomischen Möglichkeiten der hier viel größeren und differenzierteren Schicht von Auftraggebern.

 

zu 1. Der Palazzo Caprini und seine Varianten