Die Prinzipien der narrativen Bildkomposition in der Frührenaissance

Masaccio, Der Zinsgroschen, 1423-1428, Florenz, S. Maria del Carmine, Brancacci-Kapelle
Masaccio, Der Zinsgroschen, 1423-1428, Florenz, S. Maria del Carmine, Brancacci-Kapelle
Lorenzo Ghiberti, Geschichte Josephs von Ägypten, 1425-1437, Porta del Paradiso, Florenz, Museo dell'Opera del Duomo
Lorenzo Ghiberti, Geschichte Josephs von Ägypten, 1425-1437, Porta del Paradiso, Florenz, Museo dell'Opera del Duomo

Das Prinzip der additiven Bildkompositon, die mehrere Erzählungen so miteinander verbindet, dass sie auf den ersten Blick als formal und inhaltlich geschlossenes Ereignisbild interpretiert werden kann, stand in Florentiner Tradition. Masaccio hat dieses Prinzip erstmalig in seinem berühmten Wandbild des Zinsgroschen angewendet. Die gemalte Architektur dient als verbindender Prospekt für drei Szenen eines sukzessiven Handlungsverlaufs. Den Vordergrund nimmt die Begegnung Christi und seiner Jünger mit dem Zöllner in kurzem roten Wams ein. Während er den Zins einfordert, wird Petrus von Christus aufgefordert, den Fisch zu fangen, in dessen Schlund sich der verlangte Silbergroschen findet. Im Mittelgrund ist zu sehen, wie Petrus dem Fisch die Silbermünze aus dem Maul zieht, rechts vorn überreicht Petrus die Münze dem Beamten.  Durch die Perspektive wird der Betrachter angewiesen, in welcher Reihenfolge er die Episoden zu lesen hat. Sie  leitet den Blick zunächst auf das Haupt Christi, von hier aus weisen ihn die Handgesten Christi und Petri nach links, wo er den Fortgang erfährt, während die Geste des Steuereintreibers auf das Finale am rechten Rand weist. Perspektive und Komposition dirigieren den Betrachterblick und weisen ihn an, in welcher Abfolge er das Bild „lesen“ soll, um seinen Sinn zu verstehen. Mit diesem Prinzip reagierte Masaccio auf Albertis Kritik an den älteren Wandbildern, denen er die Verunklärung der Handlung, der Größenverhältnisse und der zeitlichen Abfolge vorwarf.

In den Reliefs der Porta del Paradiso hat Ghiberti dieses Prinzip aufgegriffen und entsprechend seinen Vorgaben modifiziert. Als paradigmatisch für seine Erzählstruktur gilt das Relief mit der Josephsgeschichte, das vier verschiedene Episoden - Ghiberti bezeichnet sie als effetti – gegen die  narrative und chronologische Abfolge anordnet.  Die Hauptszene mit der Entdeckung des Silberbechers im Gepäck der Brüder ist zentral im Vordergrund platziert, oben rechts ist die Szene des Verkaufs durch die Brüdern zu sehen, in der Rotunde im Mittelgrund das Einsammeln des Getreides, und links oben befindet sich die Szene, in der sich Joseph seinen Brüdern zu erkennen gibt. 

Die durch Masaccio entwickelte Florentiner Technik der Kombination mehrerer Szenen zu einer einheitlich wirkenden Bildkomposition hat in den Wandbildern der Sixtinischen Kapelle einen Höhepunkt, zugleich aber auch einen Endpunkt erreicht. Sie ermöglichte eine Bildgestaltung, die der komplexen Struktur der hier zu verdeutlichenden Inhalte gerecht wurde. Die räumliche Schichtung der Bildfelder, die sich die starke Untersicht und die enorme Höhe der Wandflächen zunutze macht, begünstigte diese kompositorische Struktur. Obwohl der Vordergrund dicht mit großen Figuren besetzt ist, die meistens bis zum vorderen Bildrand reichen, stehen auch der gleichsam hochgeklappte Mittel- und Hintergrund für die Bilderzählung zur Verfügung. Die Landschafts- oder Architekturkulissen weisen bei der größeren Zahl der Bilder eine Dreierteilung auf, was eine anschauliche Differenzierung der Schauplätze ermöglicht, und zwar sowohl im Vorder- wie auch im Mittel- und Hintergrund.

Cosimo Rosselli, Zug der Israeliten durch das Rote Meer, 1481-1483, Rom, Vatikan, Sixtinische Kapelle
Cosimo Rosselli, Zug der Israeliten durch das Rote Meer, 1481-1483, Rom, Vatikan, Sixtinische Kapelle
Cosimo Rosselli, Abendmahl (Einsetzung der Eucharistie), 1481-1483, Rom, Vatikan, Sixtinische Kapelle
Cosimo Rosselli, Abendmahl (Einsetzung der Eucharistie), 1481-1483, Rom, Vatikan, Sixtinische Kapelle

Nur zwei Bilder weichen von diesem Grundschema ab. Dies sind das Abendmahl und der Zug der Israeliten durch das Rote Meer von Cosimo Rosselli, der allgemein als der schwächste Maler der in der Sixtinischen Kapelle tätigen Künstler gilt. Sein steifer und hölzerner Stil ist dem dramatischen Ereignis, das er im Zug durch das Rote Meer darzustellen hatte, kaum gewachsen. Das entscheidende Merkmal des Bildes ist die Einheit von Ort, Zeit und Handlung, womit  Rosselli eine bedeutende Tradition fortführt, die sich bis auf Paolo Uccellos Sintflut  im Chiostro Verde von S. Maria Novella und auf die Schlacht an der Milvischen Brücke von Piero della Francesca in Arezzo zurückführen lässt. Seine Darstellung des Abendmahls, das die Tradition der Florentiner Refektoriumsbilder aufgreift, thematisiert durch die Darstellung des Kelches die Einsetzung der Eucharistie. Das Besondere dieser Komposition ist die Erweiterung der bildfüllenden Hauptszene durch drei in fiktiven Ausblicken platzierte Passionsdarstellungen: Gebet im Ölberg, Gefangennahme und Kreuzigung. Die Anordnung und Rahmung dieser Bilder im Bild wiederholt auf originelle Weise die Struktur der Bildwände der Kapelle in reduzierten Dimensionen. 

zu 7. Der pictor papalis Melozzo da Forlì