Der Palast des Kardinal Riario

Rom, Palazzo della Cancelleria, 1486-1497, Grundriss und Fassadenaufriss
Rom, Palazzo della Cancelleria, 1486-1497, Grundriss und Fassadenaufriss

Der Palast des Kardinal Raffaele Riario (1460-1521), eines Neffen Sixtus' IV. sollte zum Ausgangspunkt der Entwicklung des römischen Palastes während des 16. Jahrhunderts werden. Riario, der zu den reichsten Kirchenfürsten der Zeit gehörte, war seit 1483 Kämmerer der Kurie und wurde 1511 Kardinalbischof von Ostia. Als er 1517 in eine Verschwörung gegen Leo X. verwickelt war, die rechtzeitig aufgedeckt und vereitelt wurde, kaufte er sich durch die Zahlung von 150.000 Dukaten frei, verlor jedoch neben seinem aktiven und passiven Wahlrecht als Kardinal auch seinen Palast an die Kurie. Diese nutzt das Gebäude von gigantischen Ausmaßen seitdem und bis heute als Sitz der päpstlichen Kanzlei und als Residenz des Kanzlers der Kurie, woraus sich der Name Cancelleria erklärt. Begonnen 1486 und zwei Jahre nach Baubeginn um das Areal der alten Kirche erweitert, war die Fassade bereits 1495 vollendet. Die Titelkirche Riarios, ein frühchristlicher Bau, wurde abgerissen und durch einen Neubau ersetzt, der nach außen nicht in Erscheinung tritt. Das Areal der Cancelleria überbaut ein ganzes Viertel und schließt außer der Kirche drei Höfe ein. Der allseitig freistehende Palast vertritt einen Typus, der in Rom den Kirchenfürsten vorbehalten war. Die enorme Größe dieser Bauten erklärt sich aus der Vielfalt der durch die Palastinventare überlieferten  Funktionen, die jeder ihrer Bestandteile – vom Vestibül über die Treppe bis zur Loggia – erfüllte.

Rom, Palazzo della Cancelleria, Arkadenhof, 1496, Entwurf von A. Sangallo d. Ä.
Rom, Palazzo della Cancelleria, Arkadenhof, 1496, Entwurf von A. Sangallo d. Ä.

Außer den über Eck stehenden Schaufassaden verfügt der Palast über eine Rückseite zur via del Pellegrino, die von Anfang an für zu vermietende Läden vorgesehen war. Dieser gemischten, für Rom seit der Antike charakteristischen Nutzung begegnet man auch noch an anderen römischen Palästen. Auch die Wiederverwendung von antiken Baumaterialien ist an diesem Palast typisch römisch. So sind die Säulen des Hofes Spolien aus der abgerissenen frühchristlichen Kirche, die Travertinquader für die Verkleidung der Fassade stammen dagegen aus dem Forum Romanum und aus dem Kolosseum. Vasari sah die Cancelleria als frühestes römisches Werk von Bramante an. Aufgrund des für 1486 gesicherten Baubeginns ist dies jedoch auszuschließen, da Bramante erst kurz vor 1500 nach Rom kam. Seitdem sind verschiedene Namen ins Spiel gebracht worden, darunter Andrea Bregno und Antonio da Montecavallo. Heute wird die Zuschreibung an Baccio Pontelli favorisiert, der seit 1487 im Dienste des Papstes Innocenz VIII. stand. Der ab 1596 durch Antonio da Sangallo d.Ä. gestaltete Innenhof gehört zu den schönsten römischen Säulenhöfen und steht in der Nachfolge des Innenhofes des Palazzo Venezia >L.VII.2. Bei der „Ecklösung“ mit einem L-förmigen Pfeiler wurde anders als in Urbino >L.VI.8 hier auf Säulenvorlagen verzichtet.

Rom, Palazzo della Cancelleria, 1486-1497, Fassade zum Corso Vittorio Emanuele
Rom, Palazzo della Cancelleria, 1486-1497, Fassade zum Corso Vittorio Emanuele

Die Außengestaltung des wuchtigen und großflächigen Baukörpers weist mehrere zukunftweisende Elemente auf. Die wichtigste Neuerung betrifft die vertikale Gliederung der beiden Wohngeschosse durch ein Pilastersystem, das entfernt an Albertis Palazzo Rucellai erinnert >L.IV.8, das dieses Vokabular jedoch anders einsetzt. Die Sohlbank der Fenster ist in den beiden Hauptgeschossen  als schmales Gesims ausgebildet, das den Sockelbereich markiert und das zum ersten Mal deutlich macht, dass Geschossteilung und Fenstersohle nicht identisch sind. Jedes Geschoss hat eine andere Gestalt: auf das wie der ganze Bau in Schnittsteinquaderung gemauerte Erdgeschoss, das keine Bank hat, dafür aber Kellerfenster, die in den breiten Sockel eingeschnitten sind, folgt das aus 14 Fensterachsen bestehende piano nobile mit Rundfenstern unter geraden Verdachungen, die an den Ecken von einer Wappenkartusche und über den Fenstern von einem ornamentierten Rundpass bekrönt werden. Die aufgeblendete Pilasterordnung steht analog zum Sockel der Fensterbänke auf hohen Postamenten. Jedes Fenster wird von einer Pilastertravée gerahmt, und zwar so, dass Fenstertravée und Wandstück im rhythmischen Wechsel wie Kettenglieder ineinander greifen. Dieses Prinzip wiederholt sich im zweiten Obergeschoss, das mit dem folgenden Mezzaningeschoss optisch zu einem Geschoss zusammengefasst ist. An die Stelle der rundbogig geschlossenen Fenster treten hier kleinere rechteckige Fenster, die mit dem Mezzaninfenster eine Einheit bilden. Die zweite Neuerung betrifft die symmetrische Risalitbildung. Die aus je drei Achsen bestehenden Eckkörper der Fassade springen zwar nur unmerklich vor, stimmen jedoch mit ihrem Schema a-b-a das Gliederungsprinzip der Fassade an. Die Zäsur zu den zwischen die Risalite eingespannten Jochen wird durch einen Halbpilaster artikuliert, der den Auftakt für das Wandstück bildet, mit dem die Abfolge des Mittelteils der Fassade einsetzt (im Fassadenschema c). Durch die „Erfindung“ des Eckrisalits und der rhythmischen Travée wurden entscheidende Elemente für die Gestaltung der Frontseiten des römischen Palastes (facciata)  bereitgestellt.