Jacob Burckhardt

Trotz Vasaris Autorität ist im heutigen Sprachgebrauch der französische Begriff Renaissance vertrauter, als die deutsche Übersetzung von rinascità (Wiedergeburt). Der wesentliche Grund dafür, dass sich im Deutschen der Gebrauch des Wortes Renaissance durchsetzte, ist Jacob Burckhardts Werk „Die Kultur der Renaissance“, das 1860 erstmals erschienen ist  und das seitdem unzählige Auflagen erlebt hat. Burckhardt verstand die Renaissance als ein modernes Zeitalter, das er vom Mittelalter absetzte. Dies entsprach der klassischen Periodisierung, die ausgehend von dem Gegensatzpaar antik und modern eine Übergangszeit zwischen beiden annimmt, nämlich die media tempora, also das Mittelalter. Die Renaissance ist für Burckhardt identisch mit der Moderne. So hat es  bereits vor ihm Jules Michelet gesehen, der nach allgemeiner Auffassung mit  dafür verantwortlich ist, dass sich der französische Begriff durchgesetzt hat. Seine „Kulturgeschichte Frankreichs” (1855) gilt als Ausgangspunkt für Burckhardts Begriffswahl, obwohl zwischen beiden Werken fundamentale Unterschiede bestehen. Michelet hatte zwar den Begriff, der noch bei Stendhal  allein für die Kunst üblich war, erstmalig auf die Kulturgeschichte ausgedehnt, aber er applizierte ihn auf die großen universalen Errungenschaften des 16. Jahrhunderts, das er als  „Morgenröte des Ideals der Aufklärung“ sah. Michelet verstand die Renaissance als ein europäisches Phänomen und, was noch viel wichtiger ist, als überkonfessionell. Renaissance und Reformation gehören für ihn zusammen, und als Eckdaten gelten ihm die Entdeckung Amerikas durch Columbus (1494) und die Bestätigung des kopernikanischen Weltsystems durch Galileo Galilei (1632). Beide Männer sind übrigens die einzigen Italiener, die er unter den „Trägern" der Renaissance erwähnt.

Burckhardts Vision von der Renaissance stand demnach in deutlicher Antithese zu Michelet. Aber auch er liess keinerlei Zweifel daran, dass er diese Epoche, die bei ihm im wesentlichen die Zeit von Petrarca bis Benvenuto Cellini — also von 1300 bis 1570 — umfasst, als „modern“ verstand. Anders als Michelet sah er das Epizentrum dieser „Bewegung“ eindeutig in Italien und definierte  als ihr wesentliches Merkmal ein durch das Individuum bestimmte Handeln, das er dem „Kollektivgeist“ des Mittelalters entgegensetzte. Die eigentliche Glanzzeit der Renaissance ist für Burckhardt ausserdem nicht das 16. sondern das 15. Jahrhundert. Diese von späteren Kulturhistorikern differenzierte, revidierte oder in Frage gestellte Perzeption des Zeitalters der Renaissance war eine entscheidende Neuerung. Huizinga, der 1920 eine Studie über die Geschichte des Renaissancebegriffs verfasste, kritisierte Burckhardts Konzept wie folgt: „Starrend in den grellen Sonnenschein des italienischen Quattrocento hatte er zu mangelhaft wahrnehmen können, was außerhalb lag. Der Schleier, den er über den Geist des Mittelalters gebreitet sah, war zum Teil durch einen Fehler seiner eigenen Kamera verursacht. Er hatte den Gegensatz zwischen dem spätmittelalterlichen Leben in Italien und demjenigen außerhalb dieses Landes allzu groß gesehen.“ Burckhardts durch die eigene Zeit beeinflusste Optik war nicht nur ein Resultat der kulturellen Leitbilder des 19. Jahrhunderts, von denen er als Protestant geprägt wurde, sie war auch das Resultat einer Konstruktion, die sich schon bei denjenigen angelegt findet, welche das Phänomen Renaissance — Peter Burke spricht vom „Mythos“ — aus der Taufe gehoben hatten. Man kann hier etwa Erasmus von Rotterdam nennen, der sich 1516 in einem Brief an Papst Leo X. davon überzeugt zeigte, dass „unser Jahrhundert ein goldenes Zeitalter zu sein verspricht."

Aber bereits Petrarcas Hoffnung auf eine Auferstehung Roms war ein politisches Programm, das sich als wirksames Instrument der Mythosbildung erwies. Der Topos des Goldenen Zeitalters (aetas aurea), der hier nach Ovids berühmtem Auftakt zu den Metamorphosen beschworen wurde, war so erfolgreich, dass er  — so Burkes These — auch noch Burckhardt blendete, der sozusagen naiv dieses Geschichtsbild nachzeichnete, ohne seinen topischen und utopischen Charakter wahrzunehmen.

Als Burckhardt seine „Kultur der Renaissance in Italien“ veröffentlichte, die von der Kunst nur am Rande redet, lag bereits seit fünf Jahren sein kunsthistorisches Hauptwerk vor: Der „Cicerone“  versteht sich zwar lt. Untertitel als „Anleitung zum Genuß der Kunstwerke Italiens“, ist aber eine historische und nach den drei Gattungen (Architektur, Skulptur, Malerei) gegliederte Gesamtdarstellung der Kunst Italiens. Die Antike und das Mittelalter werden wie ein Prolog behandelt, auf den dann das Hauptthema folgt. In der Architektur spricht Burckhardt von Frührenaissance und von Hochrenaissance, für Skulptur und Malerei differenziert er dagegen nach Jahrhunderten, d.h. er spricht vom 15. und 16. Jahrhundert. Auffälligerweise fehlt in diesem System der Begriff der Spätrenaissance, ein Terminus, der erst sehr viel später von Hermann Voss für die Malerei geprägt wurde. Bei Burckhardt folgt auf das 16. Jahrhundert der „Barockstil”, den er in einer berühmten Formulierung charakterisierte, aber gleichzeitig  verwarf: „Die Barockbaukunst spricht dieselbe Sprache wie die Renaissance, aber einen verwilderten Dialekt davon." Seine Anfänge setzt Burckhardt um 1580 an, spätestens mit Bernini würde er aber einen neuen „Abschnitt“ beginnen. Etwas anders ist seine Terminologie für die Malerei, die nach Raffaels Tod (1520), spätestens aber ab 1530 „in Ausartung“ begriffen ist.  Noch ganz in der Tradition der Kunsttheorie des „Ideale classico“ stehend, sah Burckhardt in der Malerei der Brüder Taddeo und Federico Zuccari den Höhepunkt der  „wahrhaft gewissenlose(n) Formliederlichkeit“.

Die moderne Malerei ist für ihn nicht die Malerei seiner eigenen Epoche des 19. Jahrhunderts, sondern die des 17. Jahrhunderts. Mit diesem Schema determinierte Burckhardt die kunstgeschichtliche Periodisierung der Kunst Italiens sehr viel nachhaltiger als durch die „Kultur der Renaissance.“ Der „Cicerone“ kümmert sich nicht um Geschichte, nicht um Auftraggeber, sondern nur um die Objekte, um ihren Stil, ihre mehr oder weniger gelungene Ästhetik und Meisterschaft. Die Kunst wird hier nicht als eine Variable von Politik oder Gesellschaft gesehen, sondern beansprucht den Rang der „Unbedingtheit“.

Man kann demzufolge bei diesen beiden grundlegenden Werken Burckhardts von zwei Brückenpfeilern sprechen, zwischen denen die Verbindung erst noch gebaut werden musste, welche die Kunst- und Stilgeschichte mit politischer und Ideengeschichte verband. Burckhardt widmete sich dieser Aufgabe in seinen Lehrveranstaltungen, d.h. er hat hier die Verbindung zwischen den beiden in seinem Jugendwerk noch separaten Bereichen der Forschung geknüpft. Deswegen wirken seine erst in den letzten Jahren edierten Manuskripte   teilweise so überraschend modern, weil sie die Synthese enthalten, für deren Erkundung die kunsthistorische Forschung fast ein Jahrhundert benötigt hat.

Das Problem bestand darin, dass die von Burckhardt in der „"Kultur der Renaissance” geschilderte historische Epoche mit ihrem Individualismus, ihrer Grausamkeit, ihrem Machthunger und ihrer Unmoral – typisch und bekannt ist seine vom Schaudern vor dem Ungeheuerlichen erfüllte Beschreibung der Borgia-Saga – nicht mit den künstlerischen Ausdrucksformen der Epoche konform war, d.h. Kunst und Geschichte verhalten sich auf den ersten Blick gegenläufig zueinander. Es gibt nur wenige Lichtgestalten in diesem Spektrum, wie z.B. den Herzog Federico da Montefeltro in Urbino oder Lorenzo de' Medici und seinen neuplatonischen Florentiner Freundeskreis, dem Burckhardt den folgenden Schlusssatz der „Kultur der Renaissance“ gewidmet hat: „Hier berühren sich Anklänge der mittelalterlichen Mystik mit platonischen Lehren und mit einem eigentümlichen modernen Geiste. Vielleicht reifte hier eine höchste Frucht jener Erkenntnis der Welt und des Menschen, um derentwillen allein schon die Renaissance von Italien die Führerin unseres Weltalters heißen muß.“ Eindeutig negativ besetzt sind für ihn dagegen die Päpste, und darunter ausgerechnet diejenigen, die aus der Perspektive der Kunstgeschichte die Renaissancepäpste schlechthin sind: Sixtus IV. und Leo X. Dem ersteren warf er seinen Nepotismus vor, dem letzteren seine Bestrebungen zur Umwandlung des Kirchenstaates in ein Reich unter der Herrschaft der Medici. Die Trennung zwischen der Geschichte der Kunst und der Geschichte von Politik, Bildung und Gesellschaft in zwei Bücher war ein Kunstgriff, mit dem Burckhardt die heile und hehre Welt der Kunst dem Vorwurf entzog, sie habe mit der Macht paktiert oder sei gar ein Instrument dieser Macht gewesen, ein Problem, mit dem sich dann jedoch die Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts konfrontiert sah.

zu 4. Heinrich Wölfflin

Nepotismus

 

Von lat. nepos = Enkel, Nachkomme, Neffe. Nepotismus bezeichnet die Besetzung von Posten mit Familienmitgliedern oder eine übermäßige Vorteilsbeschaffung, auch Vetternwirtschaft genannt. Geprägt ist der Begriff insbesondere durch die Bevorzugung der eigenen Verwandten durch die Päpste der Renaissance und des Barock.

 

Weiterführende Links:

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Meyers Lexikon

Goldenes Zeitalters (lat.: aetas aurea)

 

Goldenes Zeitalter (lat. aetas aurea) ist ein Begriff aus der antiken griechischen Mythologie. Er bezeichnet eine als Idealzustand betrachtete Urphase der Menschheitsgeschichte. 

 

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Burckhardt, Jacob

 

* 25. Mai 1818 in Basel, † 8. August 1897 in Basel; Schweizer Humanist und Kulturhistoriker. Burckhardts Aufenthalte in Italien und auch die Mitarbeit an Franz Kuglers Handbüchern zur Kunstgeschichte bewirkten eine Neuorientierung an den klassischen Idealen der Epoche Winckelmanns, Goethes und Alexander von Humboldts. So übernahm Burckhardt mehr und mehr eine europäisch-humanistische Sichtweise und rückte vom vorherrschenden Paradigma politischer Geschichte ab. Deutlich wird dies vor allem in seinen Hauptwerken, die seinen Ruf als herausragender Kulturhistoriker und Mitbegründer der modernen Kunstgeschichte begründeten.Von größter historiographischer Bedeutung war sein 1860 veröffentlichtes Werk "Die Cultur der Renaissance in Italien", das den Strukturwandel von Staat und Kirche im Ausgang des Mittelalters und die damit einhergehende Ausbildung des 'modernen', individuellen Menschen beschreibt.

 

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Bautz Kirchenlexikon

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