Künstler­sozialgeschichte

[…] definirbar ist nur Das, was keine Geschichte hat (Nietzsche)

Das sozialgeschichtliche Umfeld von Maler, Bildhauer und Architekt, aber auch der Habitus des Künstlers wurden in der kunsthistorischen wie historischen Forschung bislang nur partiell behandelt.* Während die Frage, inwiefern politische und religiöse Umbrüche, wirtschaftliche Krisen, Prosperität oder geschichtliche Zäsuren das Bildsujet beeinflussten, in vielen Beiträgen bereits analysiert wurde, nimmt das Themenportal Künstlersozialgeschichte eine andere Fokussierung vor: Im Mittelpunkt steht nicht primär das Kunstwerk und dessen Rollenzuweisung innerhalb der Gesellschaft, sondern das Künstlerindividuum in seinen vielschichtigen Handlungsspielräumen.

Durch diese Neujustierung wird ein Paradigmenwechsel eingeleitet. Die Lebenswirklichkeit des mittelalterlichen wie frühneuzeitlichen Künstlers wird oft ausgeblendet, die dem Geniediskurs des 19. Jahrhunderts geschuldet ist. Dieser brachte etwa das schillernde Bild des Hofkünstlers hervor, welches es ebenso zu relativierend gilt, wie jenes des zunftgebundenen Handwerkers. Vielmehr waren für beide Gruppen die Agitationsbereiche eingeschränkt. So galt beispielsweise für den Zunftkünstler die Reglements der Zunftordnung: vom Eintritt in die Lehre über die Gesellenwanderung bis hin zur Teilnahme der Zunftbrüder bei seiner Bestattung. Eine wesentliche Rolle spielt für die Künstlersozialgeschichte die Verknüpfung von mikro- und makrohistorischen Untersuchungen. Denn grundlegende mikrogeschichtliche Forschungen und die Auswertung eines breiten Quellencorpus’ muss die Grund- und Ausgangslage der Forschung bilden, aus der sich der kulturwissenschaftliche Rahmen herausarbeiten lässt.

Künstlersozialgeschichte vs. Kunstsoziologie

Der über das Themenportal verfolgte Ansatz versteht sich – im Bewusstsein und in der Bewusstwerdung der Gemeinsamkeiten – als dezidierte Abgrenzung zum ›klassischen‹ Ansatz der Kunstsoziologie. Der hierfür neu konzipierte und bislang noch nicht klar eingeführte Begriff der ›Künstlersozialgeschichte‹ bietet sich als Apparatur an, um die Diskrepanz der Gegenstandsbereiche zu verdeutlichen.

Innerhalb der ›klassischen‹ Kunstsoziologie wird das Kunstwerk als durch und mit der Gesellschaft sowie dem historischen Umfeld geprägtes und bedingtes Objekt, als Produkt materieller Arbeit verstanden. Das Kunstwerk ist als Folge hieraus nicht von seinem gesellschaftlichen und politischen Umfeld zu lösen bzw. losgelöst von diesem zu interpretieren. Die Kunstsoziologie geht darüber hinaus vom Diktum der Totalität aus, wonach der gesamtgesellschaftliche Lebenszusammenhang einbezogen werden muss. Diese Definition lässt sich zunächst auf beide Gegenstandsbereiche, jenem der Künstlersozialgeschichte wie der Kunstsoziologie beziehen. Innerhalb der kunstsoziologischen Forschung impliziert dies jedoch im Umkehrschluss, dass das Kunstwerk in der Regel nicht als aus der Macht und Wirkung eines Individuums heraus entstandenes Objekt betrachtet werden kann und darf. Im Zentrum der Forschung zur Kunstsoziologie steht somit nicht der Künstler, sondern vor allem das Kunstwerk. Von diesem ausgehend erfolgt die Interpretation; es ist die Quelle, die zunächst zu interpretieren ist. In diesem Punkt sind die Gegenstandsbereiche nun sehr unterschiedlich. ›Kunstsoziologie‹ und ›Künstlersozialgeschichte‹ beschreiben bisweilen unterschiedliche Bereiche, da die Künstlersozialgeschichte im Gegensatz zur Kunstsoziologie den Fokus vom Artefakt zum Künstler verlegt. Nicht das Kunstwerk ist das primäre Objekt der Betrachtung der ersten Analyseebene, sondern die sozialen Bedingungen des Akteurs, des Künstlers, welche die Voraussetzungen für die Schaffung des Artefakts in einer spezifischen Weise bieten.

In einem ersten Schritt der Künstlersozialgeschichte ist somit nicht nach dem Artefakt und seiner Standortbedingtheit innerhalb der Gesellschaft zu fragen, sondern zunächst nach den Lebens- und Arbeitsbedingungen des Künstlers. Quellen, die in dieser ersten Phase im Zentrum stehen, wären etwa Schriftquellen wie Zunftordnungen, Zollregister, Rechnungsbücher, Ratsverordnungen jeglicher Art, Tagebücher, Korrespondenzen von Künstlern, Kunstagenten, Kunsthändlern, Auftraggebern und Käufern. Interessant ist ferner das Wissen über die Werkentstehungsprozesse eines Artefakts, den Kosten für Farbe, der zulässigen Anzahl an Lehrlingen und Gesellen oder allgemein der Organisation einer Werkstatt sowie den Möglichkeiten der Preisspanne für ein bestimmtes Kunstwerk.

Die Lebens- und Arbeitsbedingungen des Künstlers haben unbestreitbar einen immensen Einfluss auf sein Werk, so dass nach der Erarbeitung der konkreten Wissensräume, in einem zweiten Schritt die Artefakte innerhalb dieser neu analysierten Parameter eingehender untersucht werden können. Die Künstlersozialgeschichte liefert demnach ein wichtiges methodisches Instrumentarium für das Fach Kunstgeschichte, in deren Forschungsmittelpunkt genuin die Analyse und Interpretation des Kunstwerkes steht. Denn die Einbeziehung der Lebens- und Produktionsbedingungen lassen schließlich Rückschlüsse auf die inhaltliche Bedeutung zu, aber auch – um nur wenige Beispiele zu nennen – auf den Stil, auf die Auswahl der Materialien, die Signaturpraxis, auf Probleme der Arbeitsteilung und der Werkstattorganisation. Dies sind allesamt Faktoren, die letztlich bei der Analyse eines Kunstwerkes von Bedeutung sein können.

Verortung und Perspektiven

Mit der Künstlersozialgeschichte wird das Methodenspektrum der Kunstwissenschaft weiter aufgefächert. Denn nur unter der Prämisse der Annäherung an die Arbeitsweisen und Ergebnisse der Sozialwissenschaften vollzieht sich ein inner- und transdisziplinärer Austausch. Die Künstlersozialgeschichte erhebt damit keinesfalls einen Absolutheitsanspruch, vielmehr entwickelt sie ihre Fragestellungen, wie etwa die jeweiligen Schulen der Sozialgeschichte auch, aus einem Defizitbewusstsein.

Die Künstlersozialgeschichte sieht sich daher als Erweiterung der bisher in der Kunstsoziologie skizzierten und erarbeiteten Positionen an und unternimmt etwa einen Brückenschlag zu den Forschungen der Sozial- und Wirtschaftswissenschaften.

Statt der Fixierung auf eine methodische Herangehensweise sieht sich die Künstlersozialgeschichte notwendigerweise als methodenpluralistischen Ansatz, der sich bewusst gegen eine Kanonbildung ausspricht.

Ziel der Plattform soll der Versuch sein, Künstlersozialgeschichte als Forschungsfeld neu abzustecken, zu definieren und aus ihrer Randlage stärker in den Blick kunsthistorischer Forschung zu rücken. Dem Fach eigenen Methodenpluralismus soll damit weitere Zugangsmöglichkeiten eröffnet werden. Damit ist Künstlersozialgeschichte also nicht lediglich ein hierarchisch einzugliedernder Teilbereich der Sozialgeschichte und auch nicht – noch spezifischer – lediglich ein Teil der Handwerksgeschichte. Die Praxis, also der Umgang mit der Geschichte, zeigt, dass nichts entkoppelt voneinander geschieht.

Zentrale Fragestellungen

Das Verstehen der Geschichte unserer Gesellschaft hängt über das Kommunikationsmedium Bild auch vom Verstehen der Entstehungsprozesse des Bildes und der sozialen Hintergründe der Schaffenden ab, also ganz zentral vom Künstler als Handwerker, Akademiekünstler oder Hofkünstler. Bei dem Verstehensprozess während der Be- und Erarbeitung der bis heute erhaltenen Quellen bedient sich die Künstlersozialgeschichte diverser Methoden der Nachbardisziplinen. Die Wahl der Methoden folgt der Quelle. Zentral sind folgende Wissenschaftszweige zu nennen:

  • Alltagsgeschichte
  • Familiengeschichte
  • Geschlechterforschung
  • Historische Soziologie
  • Inklusion- und Exklusion
  • Kulturanthropologie
  • Kulturgeschichte und Neue Kulturgeschichte
  • Kultursoziologie
  • material culture
  • Mentalitätsgeschichte
  • Mikrogeschichte
  • Netzwerkforschung
  • die unterschiedlichen Philologien
  • Realienkunde
  • Rechtsgeschichte
  • Sozialgeschichte
  • Verwaltungsgeschichte
  • Wirtschaftsgeschichte
  • Wissenschaftsgeschichte
  • Zunft- und Handwerksgeschichte

Derzeit liegt der topographische Fokus der Forschung noch auf den Niederlanden und Belgien (u.a. Amsterdam, Antwerpen, Delft, Den Haag, Haarlem), einigen osteuropäischen Städten (Danzig, Ljubljana, Prag, etc.) und südalpinen Städten (Florenz, Rom, Venedig etc.), während die Erforschung der Künstlersozialgeschichte im deutschsprachigen Raum ein Desidarat darstellt.

Doch auch außereuropäische Kulturen müssen im Sinne einer global art history in der Künstlersozialgeschichte unbedingte Aufmerksamkeit erfahren und zukünftig im Portal abgebildet werden.

Die Künstlersozialgeschichte inkludiert sämtliche Bereiche eines Künstlerlebens.

Wir fragen nach

  • Ausbildung, Meisterstück und Meisterbrief
  • sozialen und zünftischen Zusammenschlüssen
  • religiöser Einbindung (bspw. Bruderschaften)
  • Bildungsstand
  • ständischer Stellung, Aufstiegsmöglichkeiten sowie öffentlichen Funktionen (bspw. als Amtmann oder Diplomat)
  • Festen und Festkultur
  • familiären Strukturen
  • dem Verhältnis zwischen Hofkünstler und zunftgebundenem Künstler
  • Werkstattstruktur und -organisation
  • dem ‚Phantombild‘ der Künstlerin
  • Künstlerkooperationen
  • Arbeitsprozessen
  • dem Wohnort von Künstlern
  • dem Haus eines Künstlers
  • Beschaffungsmärkten (bspw. für Farbpigmente oder Leinwand)
  • Marktmechanismen, Preisen und Preisbildung
  • dem Künstler als Unternehmer
  • dem Kunstmarkt in all seinen Facetten
  • dem Habitus eines Künstlers
  • Nebenerwerbsmöglichkeiten (bspw. Handel, Apotheke oder Weinanbau)
  • Selbstinszenierung
  • materieller Kultur
  • dem praktischen Zweck von Kunstwerken
  • Lachgesellschaften
Und welche Fragen haben Sie?

Senden Sie uns Ihre Ideen und Vorschläge, Anregungen, Hinweise oder Kritik. Haben Sie selbst Projekte, die Sie unter dem Forschungsschwerpunkt Künstlersozialgeschichte verorten würden, fehlt Ihnen ein wesentlicher Punkt in unserer Aufzählung?

 

 

* Es wird auf die Unterscheidung der Kategorien ›Mann‹‚ ›Frau‹, sowie der Menschen, die sich dieser Einteilungen entziehen (wollen), verzichtet. Die grammatisch maskuline Form gilt für alle gleichermaßen.

Dieses Themenportal ist anfänglich aus einer Arbeitsgruppe (beteiligt - mit unterschiedlicher Gewichtung - waren: Marina Beck, Martina Dlugaiczyk, Birgit Ulrike Münch, Elsa Oßwald, Andreas Tacke, Benno Jakobus Walde) hervorgegangen, die sich damals in der von Andreas Tacke gegründeten und geleiteten "Trierer Arbeitsstelle für Künstlersozialgeschichte (TAK)" mit verwandten Fragestellungen beschäftigte.