Giovanni Morelli (1816-1891)

Biografische Skizze

*25.2.1816 in Verona; †28.2.1891 in Mailand
Anatom, Kunstkenner, Kunstsammler, Kunstschriftsteller, Politiker

Der aus einer südfranzösischen protestantischen Familie stammende M. studierte von 1834 bis 1838 in München und Erlangen Medizin, war aber nie praktizierender Arzt. Parallel zu Reisen in die großen italienischen, deutschen, französischen, englischen und spanischen Gemäldegalerien entwickelte sich eine Autorentätigkeit unter wechselnden Pseudonymen („Schneck“, „Schäffer“, „Ivan Lermolieff“). Als prägend erwies sich die Bekanntschaft mit dem Gemäldekenner O. Mündler bei einem Parisaufenthalt 1839. M. kämpfte in der italienischen Unabhängigkeitsbewegung. Seit 1861 vertrat er die Stadt Bergamo, in der er sich bereits 1840 niedergelassen hatte, im neuen italienischen Parlament, 1873 wurde er Senator. Von 1874 bis zu seinem Tod lebte M. in Mailand. Seine umfangreiche Sammlung von Gemälden und Zeichnungen befindet sich heute in der Accademia Carrara in Bergamo und im Castello Sforzesco in Mailand.

Biographische Links
The Dictionary of Art Historians
Wikipedia

Morelli, der sich ausschließlich mit italienischer Malerei auseinandersetzte, entwickelte auf der Basis eines breiten kennerschaftlichen Wissens die sogenannte "Experimentalmethode", die die Zuschreibung eines Gemäldes an einen Künstler ausgehend von formalen Kriterien ermöglichen sollte. Mit seiner Methode, die er in seinem dreibändigen Hauptwerk Kunstkritische Studien über italienische Malerei (1890-93) beschreibt, und die auf der Beobachtung und dem Vergleich anatomischer Details (Augen, Ohren, Hände, Füße) beruhte, die der Künstler gleichsam unbewußt in das Gemälde einfließen läßt, sah sich Morelli, der sich innerhalb der Kunstgeschichte stets als „fachfremd“ empfand, der Kritik vieler Kunsthistoriker ausgesetzt. A. Springer, B. Berenson und M. J. Friedländer argumentierten mit der insgesamt breiteren Methodik des Faches, die mittlerweile die Einbeziehung von Schriftquellen sowie die Provenienzforschung selbstverständlich einschloß. W. von Bode verwies auf die Bedeutung von Material, Technik, Farbgebung und eben dem von Morelli als subjektiv abgelehnten Gesamteindruck. Die Kritik lief zumindest teilweise ins Leere, hatte doch Morelli selbst seine Methode stets als ersten Schritt, als Hilfsmittel in einem größeren Kontext relativiert. Morelli veröffentlichte Studien zu den großen Gemäldesammlungen in Rom (Zeitschrift für Bildende Kunst 9, 1874; 10, 1875; 11, 1876), Berlin, München und Dresden (Die Werke italienischer Meister in den Galerien von München, Dresden und Berlin, Leipzig 1880) sowie eine Serie von Artikeln zur im 19. Jahrhundert noch wenig beachteten Handzeichnung (Kunstchronik, 1891-93). (K.S.)

Weiterführende Literatur

Editorische Angaben

Quellen zur Geschichte der Kunstgeschichte - digital