Pressemitteilung 11.05.2012

Eine neue Quellenbasis zum Kunsthandel in der Zeit des Nationalsozialismus

Internationales Kooperationsprojekt erschließt Auktionskataloge aus der Zeit von 1930 bis 1945

Sämtliche in Deutschland, Österreich und der Schweiz in der Zeit von 1930 bis 1945 erschienenen Auktions­katalo­ge werden jetzt erstmals bibliographisch erfasst, digitalisiert und online zugänglich gemacht. In einem inter­natio­nalen Kooperationsprojekt arbeiten dazu die Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin, die Uni­versi­täts­bibliothek Heidelberg und das Getty Research Institute in Los Angeles (USA) zusammen. Über eine For­schungs­datenbank sollen künftig alle verfügbaren Informationen zu den veräußerten Kunstgegenständen re­cherchierbar sein. Damit steht eine neue Quellenbasis zum Kunsthandel im Nationalsozialismus und zu ver­folgungsbedingt entzoge­nen Kunstwerken zur Verfügung. Das Vorhaben mit dem Titel „German Sales 1930-1945. Art Works, Art Markets, and Cultural Policy“ wurde am 11. Mai 2012 in Universitätsbibliothek Heidelberg der Öffentlichkeit vorgestellt.

Auktionskataloge sind ein wichtiges Instrument für die Provenienzforschung. Oft stellen sie die einzige Quelle für eine Identifikation von veräußerten Kunst- und Kulturgütern dar, die ihren rechtmäßigen Eigentümern wäh­rend der Zeit des Nationalsozialismus entzogen wurden. Die Forschung kann derartige Kataloge aus der Zeit von 1930 bis 1945 bislang jedoch nur unter erschwerten Bedin­gun­gen nutzen. Dieses unverzichtbare Quellen­material ist in den ein­schlä­gigen Bibliotheken und Fo­r­schungsein­richtungen lediglich unvollständig vorhanden und zumeist unzurei­chend erschlossen, wie die Projektver­ant­wortlichen betonen. Mit ihren Ar­beiten wollen sie dazu beitragen, diese Lücke zu schließen und damit die Rekon­struktion der Herkunftsge­schichte verfolgungs­bedingt entzogener Kunst­werke sowie deren Rückerstattung er­mögli­chen.

Die Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin erstellt die umfassende Bibliographie sämtlicher von 1930 bis 1945 in Deutschland, Österreich, der Schweiz und in den von Deutschland besetzten Gebieten erschienenen Auktionskataloge. „Bislang gab es keine Möglichkeit, dieses Material zentral einzusehen, denn weltweit hat kei­ne Institution diese wichtigen Quellen systematisch gesammelt“, sagt der stellvertreten­de Direktor der Kunst­biblio­thek, Dr. Joachim Brand. In der Bibliographie werden nun sämtliche annotierte, also mit handschriftlichen Anmer­kungen versehene Exemplare verzeichnet. Dabei sind insbesondere Angaben zu Preisen, Namen von Ein­lieferern und Käufern oder von separat geführten Gutachtern sowie kunsthistorische Kommentare oder auch nur einzelne Markierungen von Bedeutung.

Auf der Grundlage der bibliographisch ermittelten Bestände wird jeweils ein Katalogexemplar pro Auktion zur Digitalisierung ausgewählt. Aktuell stellen neben der Berliner Kunstbibliothek und der Universitätsbibliothek Heidelberg 25 weitere Institutionen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz ihre Kataloge für diese „Vir­tuelle Bibliothek“ zur Verfügung. Wie der Direktor der Heidelberger Universitätsbibliothek, Dr. Veit Probst, er­läutert, werden schätzungsweise 2.600 Exemplare zentral in Heidelberg auf der Basis eines langjährig erprob­ten Arbeits­ablaufs digitalisiert. Bereits jetzt sind 2.100 Kataloge mit rund 150.000 Seiten online gestellt. Für die Recherche in den digitalisierten Katalogen stehen eine differenzierte Suchmaske sowie ein Browsingeinstieg nach dem Sitz des Auktionshauses bereit.

Im Getty Provenance Index – der Forschungsdatenbank des Getty Research Institute – werden die beiden in Ber­lin und Heidelberg produ­zierten Komponenten des „Ger­man Sales“-Projektes zusammengeführt und ausge­baut, wie der Direktor des Instituts, Prof. Dr. Thomas W. Gaehtgens, erläutert. Die bibliographischen Beschrei­bungen so­wie die Angaben zu annotierten Exemplaren und ihren Standorten stellt die Kunstbibliothek zur Ver­fügung. Er­gänzt durch Hinweise zu weiteren Katalogexemplaren in amerikanischen Bibliotheken bilden diese Informa­tio­nen die „Sales Descriptions“-Datenbank innerhalb des Prove­nance Index. Von der Universi­tätsbiblio­thek Hei­delberg werden die Volltexte der digitalisierten Kataloge über­nommen und bearbeitet. Dabei recher­chieren die Editoren soweit wie möglich auch Künstler, Käuferna­men und Preise, auch aus an­de­ren Quellen.

Die Projektergebnisse sollen neue Einblicke bieten in die Zusammenhänge der Kunst- und Kulturpolitik der frü­hen dreißiger Jahre und des Nationalsozialismus. Darüber hinaus werden die Arbeiten nach Einschätzung der Projekt­verantwortlichen bislang unbekannte Er­gebnisse zur Ge­schich­te einzelner Auktionshäuser zu Tage för­dern. Neben Informationen zur Gründung und Auflösung, ins­besondere von kleineren, häufig unbekannten Auk­tionshäusern, können so Inhaberwechsel und damit auch Hin­weise auf Enteignungen ermittelt werden. Ein weiterer For­schungsaspekt sind die programmatischen Vorworte der Auktionskataloge, die Käuferinte­ressen und Käufer­schichten sowie ästhetische Wertvorstel­lungen deutlich machen.

Das Projekt „German Sales 1930-1945. Art Works, Art Markets, and Cultural Policy“ wurde im November 2010 ge­star­tet und soll bis Januar 2013 abgeschlossen sein. Die Arbeiten werden durch die Deut­sche For­schungsge­mein­schaft (DFG), das National Endowment for the Humanities (NEH) und die Volkswa­genStiftung ge­fördert. Informa­tionen im Internet sind unter www.arthistoricum.net/themen/themenportale/german-sales zu finden.

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