Projektdarstellung

Das Themenportal „German Sales 1930-1945. Art Works, Art Markets, and Cultural Policy“ basiert auf einem gemeinsam von der Universitätsbibliothek Heidelberg, der Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin und dem Getty Research Institute in Los Angeles in den Jahren 2010-2012 durchgeführten Projekt, das zum Ziel hatte, erstmals sämtliche Auktionskataloge, die in Deutschland, Österreich und der Schweiz im Zeitraum von 1930 bis 1945 erschienen sind, zu erfassen, zu digitalisieren und in einer Forschungsdatenbank online zugänglich zu machen.

In jüngster Zeit fand der Kunstmarkt der Moderne immer mehr Beachtung innerhalb der kunsthistorischen Forschung. Während der Fokus des Interesses dabei vor allem auf Sammler- und Händlerpersönlichkeiten lag, deren Wirken in Monografien, Aufsätzen und Ausstellungen untersucht wurde, fehlt bislang eine systematische Grundlagenforschung zum Kunsthandel der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und seinen Kunst- und kulturgeschichtlichen Mechanismen. Insbesondere für die Provenienzforschung ist dieses Manko zu bedauern, da deren Arbeit durch die disparate Quellenlage besonders erschwert wird. Die Erforschung des Kunstmarkts der Moderne ist jedoch nicht nur aus kunsthistorischer Perspektive wünschenswert. Mit den Themenfeldern von Kunstraub, Enteignung, Beschlagnahme oder erzwungenem Verkauf rückt sie ins Zentrum der Kunstpolitik der dreißiger und frühen vierziger Jahre des 20. Jahrhunderts. Damit lassen die Forschungsergebnisse einen interdisziplinären Austausch zwischen Wissenschaftlern der Kunstgeschichte, Politikwissenschaften, Geschichte, Wirtschaftsgeschichte und verschiedenen Zweigen der Kulturgeschichte erwarten.

Bei der Washingtoner Konferenz von 1998 haben sich die Museen auf breiter internationaler Basis verpflichtet, ihre Sammlungen auf Kunstwerke zu untersuchen, die von den Nationalsozialisten konfisziert und bislang nicht an ihre rechtmäßigen Eigentümer restituiert wurden. Um diesen Forderungen nachzukommen, prüfen Provenienzforscher in einzelnen Museen die Herkunft dieser Kunstwerke Objekt für Objekt. Sehr häufig müssen dabei dieselbe Literatur und dieselben Quellen recherchiert und konsultiert werden.

Die zwischen 1930 und 1945 erschienenen Auktionskataloge stellen dabei einen zentralen Quellenbestand dar. In ihnen werden die Kunstwerke oft detailliert beschrieben und zurückliegende Provenienzen verzeichnet.

Bislang gab es keine Möglichkeit, diese Katalog zentral einzusehen: Weltweit sammelte keine einzige Institution diese wichtigen Quellen systematisch. In den großen Bibliotheken und Museen erfolgte die Erschließung der Bestände darüber hinaus nach recht unterschiedlichen Standards der Dokumentation. Provenienzforscher, Bibliothekare und Archivare sowie Wissenschaftler unterschiedlicher Disziplinen, die sich mit der Kunst- und Kulturpolitik des Nationalsozialismus befassen, benötigen daher dringend eine maßgebende, öffentlich zugängliche und bequem recherchierbare Datenbank, die alle Auktionskataloge aus dieser Zeit erfasst und die aus ihnen generierten Informationen nach einem konsistenten System aufbereitet.

Die Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin erstellte die für das Projekt grundlegende Bibliografie. Die aus 36 deutschen, österreichischen und schweizerischen Bibliotheken und Instituten ermittelten mehr als 3.000 Auktionskataloge wurden von der Universitätsbibliothek Heidelberg digitalisiert und in deren Repositorium in durchsuchbaren Volltexten öffentlich zur Verfügung gestellt. Im Getty Provenance Index® wurden alle drei Projektteile – bibliografische Metadaten (Berlin), Provenance Index Einträge (Los Angeles), Scans der Kataloge (Heidelberg) – miteinander verknüpft. Damit können dort alle verfügbaren Informationen zu den veräußerten Kunstgegenständen inklusive Preisen und Käufern recherchiert werden.

Als Ergebnis des Projekts stehen seit Ende Februar 2013 sämtliche zwischen 1930 und 1945 in Deutschland, Österreich und der Schweiz sowie ein Großteil der in den von Deutschland zwischen 1940 und 1945 besetzten Ländern erschienenen Auktionskataloge digitalisiert und kostenfrei als Volltexte durchsuchbar in arthistoricum.net zur Verfügung. Sogleich sind die Informationen über einzelne Parameter über den Getty Provenance Index® abrufbar. Durch dieses kooperative Vorgehen konnte der zu Beginn geschätzte Umfang von 2.200 mit nunmehr mehr als 3.000 Katalogen um 30 % übertroffen werden und damit das Verfahren einer flächendeckenden Ermittlung von Beständen mit Nachweis des einzelnen Standortes als effizientes Mittel für künftige Vorhaben unter Beweis gestellt werden. Mit der Erschließung und Digitalisierung steht der Provenienzforschung sowie der kunst- und sozialwissenschaftlichen Forschung und der allgemeinen Öffentlichkeit erstmals eine valide Datenbasis über den deutschen Kunstmarkt zur Verfügung.