Gartenkunstgeschichte

Charles Augustin D'Aviler, Parterre de pieces coupées et Parterre de gazon comparti, Kupferstich aus Cours d'architecture, Paris 1691.
Charles Augustin D'Aviler, Parterre de pieces coupées et Parterre de gazon comparti, Kupferstich aus Cours d'architecture, Paris 1691.

Gartenkunstgeschichte fristet in Deutschland im Rahmen der universitären Kunstgeschichte das Dasein einer Marginalie. In vielen anderen europäischen Ländern ist das kaum anders, allenfalls graduelle Unterschiede lassen sich erkennen. Lehrveranstaltungen zur Gartenkunstgeschichte sind rar und Veröffentlichungen, die dem methodischen Spektrum der aktuellen Kunstgeschichte entsprechen, sind selten. Nur vereinzelt konnte und kann das Fach Kunstgeschichte die gartenkunsthistorische Forschung institutionell, wenn auch zeitlich begrenzt, verankern: Verwiesen sei auf eine Bestandsaufnahme schleswig-holsteinischer Gärten unter Prof. Dr. Adrian von Buttlar in den 1990er Jahren an der Christian-Albrechts-Universität in Kiel (siehe Adrian von Buttlar/Margitta Marion Meyer (Hg.), Historische Gärten in Schleswig-Holstein, Heide 1996), auf eine 2005 von der Stadt Düsseldorf gestiftete Juniorprofessur zur Gartenkunstgeschichte am Seminar für Kunstgeschichte der Heinrich-Heine-Universität sowie auf das DFG-Projekt Garten-Räume, politische Räume. Die Gartenkunst in Thüringen 1750-1900 am Kunstgeschichtlichen Seminar der Friedrich-Schiller-Universität Jena. An den kunsthistorischen Auslandsinstituten in Rom, Florenz und Paris spielen gartenkunsthistorische Themen gar keine bzw. keine nennenswerte Rolle usw.
Das offensichtliche Manko in der Lehre steht zudem in einem krassen Gegensatz zur in den letzten Jahren spürbar gestiegenen öffentlichen Aufmerksamkeit gegenüber Themen der Gartenkunstgeschichte. Dieses Interesse drückt sich auch in neuen potentiellen Berufsfeldern aus (von Denkmalpflege über Weiterbildung bis Tourismus und Immobilienverwaltung), die aber seitens der universitären Kunstgeschichte nur unzureichend versorgt werden, weil es den meisten Absolventen schlicht am Vokabular zum Thema mangelt.

Dies soll keine Klage werden. Doch bleibt die Frage zu beantworten, warum es wichtig ist, Gartenkunstgeschichte, stärker als das bis dato geschieht, als relevantes Element des kunsthistorischen Kanons anzuerkennen und in Lehre und Forschung stärker einzubeziehen.

Gartengeschichte wird von Vertretern unterschiedlichster Fächer betrieben. Beteiligt sind neben der Kunsthistoriographie u.a. die Geschichtswissenschaft, verschiedenste Philologien, Geographie, Landschaftsarchitektur, Botanik, Wissenschaftsgeschichte, Denkmalpflege, Technikgeschichte. Diese Vielfalt bestimmt die Gartengeschichte als transdisziplinäres Arbeitsfeld, was auch auf die Gartenkunstgeschichte zutrifft. Es ist das Wort „Kunst“, wenn man es denn ernst nimmt, aus dem sich der Anspruch ableiten lässt, dass das Fach Kunstgeschichte im Rahmen einer Gartenkunsthistoriographie als eine Leitdisziplin auftritt. Dem ist aber nicht so, weder mit Blick auf die Forschungslandschaft noch auf der institutionellen Ebene.
Als Zentren gartenkunsthistorischer Forschung können heute in Deutschland das CGL in Hannover (Prof. Dr. Joachim Wolschke-Bulmahn) sowie das Fachgebiet Gartenkultur und Freiraumentwicklung am Institut für Geschichte und Theorie der Gestaltung (GTG) der Universität der Künste Berlin (Prof. Dr. Gert Gröning) angesehen werden. Hier hat sich eine Forschung vorzugsweise zur Gartengeschichte des 19. bis 21. Jahrhunderts etabliert, die weltweit hohe Anerkennung genießt, indem sie Gartengeschichte aus der Perspektive des Fachs Landschaftsarchitektur/Freiraumplanung erforscht. Es ergeben sich zweifellos zahlreiche Schnittmengen mit der kunsthistorischen Forschung, aber viele Themen müssen von der Kunstgeschichte in eigener Weise untersucht werden. Die Rede ist ausdrücklich nicht von Konkurrenz, sondern von Komplementarität und dem Bewusstsein aller Beteiligten für die Notwendigkeit komplementärer Ergänzung der jeweils eigenen Ansätze.

Eine aus der Kunstgeschichte heraus operierende Gartenkunstgeschichte steht vor anderen Aufgaben als die sich historiographisch selbstreflektierende Landschaftsarchitektur: Sie muss die Gattungsgeschichte im System der Künste schreiben, muss die Beziehungen zu den anderen Gattungen, zur Skulptur (der Großteil frühneuzeitlicher Skulptur war für Gärten bestimmt!), zur Malerei, zur Architektur erforschen, muss die Berufsgeschichte des Ziergärtners als Künstler verfolgen, die Mediengeschichte der Gärten mit den methodischen Innovationen der Bildwissenschaft reflektieren, muss Bezüge zur frühneuzeitlichen Technik- und Wissenschaftsgeschichte herstellen, Theorie- und Literaturgeschichte im Sinne einer quellenkritischen Diskursgeschichte systematisieren sowie eine Geschichte der Gartenkunsthistoriographie erarbeiten usw. Kurz formuliert: Gartenkunstgeschichte muss mit den Instrumenten historischer Kulturwissenschaft in einem kunsthistoriographischen Rahmen diskutiert werden.

Eine kunsthistorisch-universitäre Gartenkunstgeschichte existiert in Deutschland zwar seit August Grisebachs Habilitationsschrift (Der Garten: eine Geschichte seiner künstlerischen Gestaltung, Leipzig 1910), der neben Franz Hallbaums Dissertation von 1926 (Der Landschaftsgarten: Sein Entstehen und seine Einführung in Deutschland durch Friedrich Ludwig von Sckell 1750-1823, München 1927) für lange Zeit einzigen Qualifikationsarbeit zur Gartenkunstgeschichte an deutschen Universitäten.
Erst mit großer zeitlicher Verspätung schloss das Fach Kunstgeschichte nach 1945 daran an. Seit dieser Zeit sind innovative Arbeiten zur Gartenkunstgeschichte in Deutschland entstanden. Beispielhaft verweisen wir auf (alphabetisch und selbstverständlich nur eine Auswahl!):

Frank-Andreas Bechtoldt/ Thomas Weiß (Hg.), Weltbild Wörlitz: Entwurf einer   Kulturlandschaft, Ausstellungskatalog Frankfurt/Main und Wörlitz 1996.
Horst Bredekamp, Vicino Orsini und der heilige Wald von Bomarzo: ein Fürst als Künstler und Anarchist, 2 Bde., Worms 1985.
Adrian von Buttlar, Der Landschaftsgarten, München 1980.
Christiane Lauterbach, Gärten der Musen und Grazien: Mensch und Natur im niederländischen Humanistengarten 1522 – 1655, München/Berlin 2004.
Iris Lauterbach, Französische Gartenkunst am Ende des Ancien Regime „Schöne Ordnung“ und „geschmackvolles Ebenmaß“, Worms 1987.
Ulrich Müller, Klassischer Geschmack und gotische Tugend: der englische Landsitz Rousham, Worms 1998.
Wolfgang Schepers, Hirschfelds Theorie der Gartenkunst: 1779 – 1785, Worms 1980.
Uwe Schneider, Hermann Muthesius und die Reformdiskussion in der Gartenarchitektur des frühen 20. Jahrhunderts, Worms 2000
Gerold Weber, Brunnen und Wasserkünste in Frankreich im Zeitalter von Louis XIV: mit einem typengeschichtlichen Überblick über die französischen Brunnen ab 1500, Worms 1985.

In Zukunft wird es notwendig sein, die Forschungen zur Gartenkunstgeschichte stärker zu vernetzen, einerseits innerhalb der kunsthistorischen Forschung, um aktuelle Debatten aufzunehmen und zu befruchten, andererseits mit den anderen beteiligten Fächern und Institutionen. Dies zu unterstützen, hat sich das Portal Gartenkunstgeschichte zur Aufgabe gemacht.

Stefan Schweizer/ Verena Schneider, Seminar für Kunstgeschichte der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf

 

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Gartenkunstgeschichte Kommentare

Merci!
07.04.2015 12:36