FAKE. Das Phänomen der Fälschung (in) der Kunstgeschichte

Werkstatt des Jules Allard über einem Original des Louis de Silvestre: Angebliches Portrait der Prinzessin Maria Josepha d.J. von Sachsen, 1747/50 (tatsächliches Original: Portrait der Maria Josepha d.Ä. von Sachsen, Königin von Polen, 1743), Berlin, Historisches Museum
Werkstatt des Jules Allard über einem Original des Louis de Silvestre: Angebliches Portrait der Prinzessin Maria Josepha d.J. von Sachsen, 1747/50 (tatsächliches Original: Portrait der Maria Josepha d.Ä. von Sachsen, Königin von Polen, 1743), Berlin, Historisches Museum

In der Kunstgeschichte wurden Fälschungen bislang eher marginal betrachtet bzw. dem Populärwissenschaftlichen oder Nachbardisziplinen überlassen: Als Schattenseite der als eigentliches Hoheitsgebiet der Kunstgeschichte erachteten hohen Kunst wird die Erforschung von Fälschungen oftmals gänzlich verweigert oder dient allenfalls als amüsante Anekdote. Infolgedessen wurde das Phänomen der Fälschung in der Kunstgeschichte wissenschaftlich eher vernachlässigt – lediglich um 1900 und in den 70er Jahren gab es (zudem sogar miteinander verbundene) vorübergehende Ansätze zu einer ernsthafteren Auseinandersetzung, die dann jedoch je als Fragmente brach liegen gelassen wurden: 1898 war es auf Initiative u.a. des Züricher Kunsthistorikers Heinrich Angst zur Gründung eines „Internationalen Verbandes von Museumsbeamten zur Abwehr von Fälschungen und unlauterem Geschäftsgebahren“ gekommen; ältere Dokumente zu Kunstfälschungen aus dem Besitz von Angst bildeten sodann den Grundstock des von dem Kunsthistoriker Peter Bloch in den 70er Jahren gegründeten Fälschungsarchivs, das Teil eines von ihm geleiteten DFG-Projekts („Typologie der Fälschungen“) war, heute jedoch vergessen und daher ungenutzt ein verstaubtes Nischendasein fristet.

Tatsächlich jedoch sind derartige Objekte nicht nur Fälschungen in, sondern auch Fälschungen der Kunstgeschichte: Fälschungen verwässern Werkverzeichnisse sowie die Sekundärliteratur und schädigen so die Kunstgeschichte durchaus großflächig und nachhaltig.

Des ungeachtet können sie aber geradezu als methodisches Lehrstück dienen, denn einem Brennglas gleich spiegeln uns Fälschungen stets den je aktuellen Blick auf Originale wider, sodass sie auch wichtige rezeptionsästhetische Aussagen über Originale und deren Faktur ermöglichen. Zudem erlaubt eine Untersuchung von Fälschungen auch Auskünfte über den Forschungsstand und über die Gesellschaft, aus der sie hervorgehen – sie können mithin als bildgewordene Zeitdokumente, nicht nur für die Kunstgeschichte, ausgewertet werden.

Darüber hinaus werfen Fälschungen aber auch weitere, sehr grundsätzliche Fragen auf, die den Kern der Kunstgeschichte betreffen: Was erachten wir eigentlich als ein Original? Was schätzen wir daran? Wie gehen wir damit um? Wie können Fälschungen als Abgrenzung von Originalen gerade im Zeitalter der Massenreproduzierbarkeit begrifflich erfasst werden?

Han van Meegeren beim Malen des Beweisbildes „Christus und die Schriftgelehrten“ (1945)
Han van Meegeren beim Malen des Beweisbildes „Christus und die Schriftgelehrten“ (1945)

Dabei zeigen die immer wieder die Kunstgeschichte durchziehenden und sie aufstörenden Fälle (wie z.B. Han van Meegeren, Elmyr de Hory und aktuell Wolfgang Beltracchi), dass gerade von der Fälschung stets neue Herausforderungen an die Kunstgeschichte ergehen. Die Kunstgeschichte hat sich demgegenüber jedoch immer nur vorübergehend und quasi gezwungenermaßen damit auseinander gesetzt, während sich – umgekehrt – die Fälscher z.T. sehr intensiv mit dem Gegenstand der Kunst(-geschichte) auseinander setzten, um ihre Hervorbringungen überzeugend erscheinen zu lassen.

Für den Bereich der literarischen Fälschung hat bereits der Historiker Anthony Grafton verdeutlicht, wie die Fortschritte in der Wissenschaft vom permanenten Wettlauf mit den Fälschern profitieren – ließe man sich darauf bewusst und proaktiv ein, anstatt sich dazu zwingen zu lassen, wäre der Gewinn wahrscheinlich noch größer.

Elmyr de Hory vor einem von ihm gefälschten Gemälde Modiglianis (undatiert, um 1970?)
Elmyr de Hory vor einem von ihm gefälschten Gemälde Modiglianis (undatiert, um 1970?)

Dementsprechend will dieses Portal unter der Leitung von Wissenschaftlern der Universität Heidelberg auf mehrere Weisen, jenseits der allgemeinen Sensationen, die Fälschungen zunächst stets auslösen, die Initiative zu einem erneuten ernsthafteren Umgang mit dem Phänomen der Fälschung bieten.

Das Kernstück des Portals stellt dabei eine von der UB Heidelberg gehostete bibliographische Sammlung dar, welche die international zum Phänomen der Kunstfälschung erschienene Literatur stets auf dem neuesten Stand zusammenstellt.
In einem Blog werden wiederum aktuelle Artikel verlinkt, die zudem einen wissenschaftlichen Austausch über eine entsprechende Kommentarfunktion ermöglichen.

Eine ausführliche Linkliste ermöglicht zudem weiterführende Informationen in Form von Internetseiten.
Eine Seite mit eingestellten Videos und Audiodateien ermöglicht schließlich Einblicke in historische wie aktuelle Fälschungsfälle.

Die Lebendigkeit des wissenschaftlichen Austausches befördern soll schließlich die Sektion zu bevorstehenden und vergangenen Ausstellungen, Tagungen und Konferenzen, die auch regelmäßige Call for Papers umfasst, sodass das Portal neben umfangreichen bibliographischen Informationen auch die Kommunikation innerhalb wie außerhalb des Portals betrifft.