Rezension

Editorial

Liebe Leserinnen und Leser,

am 29. Mai jährt sich die Einnahme Konstantinopels durch die Osmanen zum 564. Mal. Warum ist ein solch ‚krummes‘ Jubiläum der Erwähnung wert? Nun, in den vergangenen beiden Jahren wurden in Istanbul am 562. und 563. Jahrestag dieses Ereignisses Großveranstaltungen unter Teilnahme des türkischen Staatspräsidenten ausgerichtet, an denen nach wechselnden Mediendarstellungen zwischen „Zehntausenden“ und „einer Million“ Teilnehmende anwesend waren. Vor der Kulisse zinnenbewehrter Mauern aus Pappe wurde 2016 an die Einnahme der Stadt erinnert, indem Statisten in historischen Janitscharenkostümen paradierten und der Fall der Mauern Konstantinopels und damit des Byzantinischen Reichs nach Son et Lumière-Manier inszeniert wurden. Der Slogan „Yeniden Diriliş Yeniden Yükseliş“ - „Wieder auferstanden, wieder aufgestiegen“, unter dem die Veranstaltungen der beiden letzten Jahre standen, besaß eine unübersehbare politische Symbolik.

Solche Inszenierungen sind ein Element der seit einigen Jahren zu beobachtenden „Renaissance des Osmanischen“ in der Populärkultur der Türkei, die die Zeithistorikerin Berna Pekesen in der ersten Ausgabe der Zeithistorischen Forschungen des Jahrs 2015 auf ihre ideologische Funktionalisierung hin analysiert hat. Der politisch motivierte Impetus, das türkische Geschichtsbild mit einer neuen Prägung zu versehen, berührt viele Felder der türkischen Kultur- und Wissenschaftspolitik, darunter auch die wissenschaftliche Deutungshoheit über das aus vor-osmanischer, beispielsweise byzantinischer Zeit stammende Kulturelle Erbe auf türkischem Staatsgebiet. So wurden die Bedingungen für archäologische Forschungen und Surveys in der Türkei für ausländische Forschungseinrichtungen erschwert, ja sogar die 120 Jahre lang bewährte Kooperation zwischen der Türkei und Österreich bei der Ausgrabung von Ephesos aufgekündigt. Stattdessen nahmen Ausgrabungen antiker Stätten durch türkische Forscherteams zu.

Da die Forschungen und Fachdiskussionen türkischer Fachwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler außerhalb der Türkei bislang wenig bekannt sind, möchten wir Sie auf zwei englischsprachige Online-Journale hinweisen werden, in denen das Stöbern lohnt, wenn Sie kunstform ‚ausgelesen‘ haben. Schauen Sie doch einmal in TODAC (The Turkish online journal of design, art and communication, www.tojdac.org) oder ICONARP (International Journal of Architecture and Planning, iconarp.selcuk.edu.tr/). Hinweise auf weitere, in der Türkei erscheinende Online-Journale finden Sie im Directory of Open Access Journals (DOAJ, doaj.org) oder im ROAD-Directory (road.issn.org).

Es wünschen Ihnen gute Lektüren

Philippe Cordez Hubertus Kohle Susanne Leeb Florian Leitner Sigrid Ruby Ute Verstegen


zur Ausgabe KUNSTFORM 18 (2017), Nr. 5

Empfohlene Zitierweise:

Robin Osborne: Rezension von: Detlev Wannagat: Archaisches Lachen. Die Entstehung einer komischen Bilderwelt in der korinthischen Vasenmalerei, Berlin: de Gruyter 2015
in KUNSTFORM 18 (2017), Nr. 5,

Rezension von:

Robin Osborne
University of Cambridge

Redaktionelle Betreuung:

Matthias Haake