Rezension

Alexander Gall / Helmuth Trischler: (Hgg.) Szenerien und Illusion. Geschichte, Varianten und Potenziale von Museumsdioramen, Göttingen: Wallstein 2016, 471 S., ISBN 978-3-8353-1798-7, 39.90 EUR
Buchcover von Szenerien und Illusion
rezensiert von Daniel Oelbauer, Münchener Zentrum für Lehrerbildung, Ludwig-Maximilians-Universität, München

Bei Dioramen, die aus der Museumslandschaft nicht wegzudenken sind, handelt es sich um Schaukästen, die einen Blick auf einen plastischen Vordergrund gewähren und meist ein Gemälde als Hintergrund besitzen, das in der Regel auf eine halbrunde oder kalottenförmige Rückwand aufgetragen ist. Die Grenze zwischen Vorder- und Hintergrund wird dermaßen gestaltet, dass diese für den Betrachter nahtlos ineinander überzugehen scheint. Weiterhin wird mittels perspektivischer Verkürzungen versucht, einen möglichst realistischen Eindruck zu erzeugen. Dioramen können authentische Objekte enthalten oder vollständig aus Nachbildungen bestehen. Sie können "lebensgroß" oder in einem verkleinerten Maßstab gestaltet sein (11).

Während Museen Orte authentischer Objekte sind, kann Dioramen ein Maß an Künstlichkeit nicht abgesprochen werden. Daher ist die "Liaison" zwischen beiden keineswegs so selbstverständlich, wie man zunächst annehmen möchte (9). Dies mag mit dazu geführt haben, dass Dioramen bislang kaum Gegenstand der Forschung waren. Diese Lücke versucht der von Alexander Gall und Helmuth Trischler herausgegebene Sammelband zu schließen. Ausgehend von obiger Begriffsbestimmung fokussieren die Autoren in ihren Beiträgen insbesondere auf die Herausbildung der Dioramen als Präsentationsformen und Vermittlungsinstrumente einschließlich ihrer entwicklungsgeschichtlichen Vorläufer sowie ihren Variantenreichtum in funktionaler, gestalterischer und didaktischer Hinsicht.

Der erste Teil des Bandes beschäftigt sich überblickartig mit der Entstehung der Dioramen. Bedeutend für deren Einzug in die Museen waren die Weltausstellungen, die seit Mitte des 19. Jahrhunderts veranstaltet wurden und bei denen es neben den klassischen Vitrinen, Ausstellungstischen und Warenpyramiden bereits erste Inszenierungen mit Interieurs, Tableaus mit gemalten Hintergründen und lebensechten Figuren gab (75). Im Anschluss an die Pariser Weltausstellung 1889 sollte sich das Diorama mit plastischem Vordergrund durchsetzen und wurde als Präsentationstechnik sukzessive von den Museen übernommen. Ihr Einzug erfolgte jedoch nicht gleichförmig. Insbesondere die Museen, die sich als wissenschaftliche Institutionen verstanden, machten nur sehr wenig bis gar keinen Gebrauch von dioramatischen Szenen. Schließlich standen Wissenschaft und Forschung im Vordergrund. Wissenschaftspopularisierung galt als zweitrangig. Demgegenüber gab es die Vertreter, die Museen als Volksbildungsstätten betrachteten, womit die Dioramen zu einem Medium wurden, das der Anschaulichkeit dienen sollte. Um 1900 fanden diese insbesondere in den Naturkundemuseen Verwendung. Ein Grund hierfür war deren öffentlichkeitswirksame Ausrichtung (294).

Während sich die Beiträge im zweiten Teil mit den Dioramen des Deutschen Museums befassen, versammeln sich im dritten Teil Artikel zu Museumsdioramen im nationalen und internationalen Vergleich und reichen von den Dioramen des Sciences Museums in London bis hin zu den Zinnfigurendioramen des Deutschen Zinnfigurenmuseums, das auf der Plassenburg in Kulmbach (Oberfranken) beheimatet ist. Die einzelnen Beiträge greifen den historischen Gesamtkontext, insbesondere die Vorbildfunktion temporärer Großausstellungen wieder auf und beschäftigen sich weiterführend beispielsweise mit der konkreten Gestaltung von Dioramen und ihren Komponenten. Dies schließt Fragen nach Detailreichtum und Detailtreue, nach Werkstoffen und Materialien, nach Authentizität und Originaltreue sowie nach Art und Inhalt der Inszenierung ein (228). Denn Dioramen eignen sich dazu, Museumsexponate in einen selbstbestimmten Zusammenhang zu bringen. So kann bestimmt werden, ob Krieg oder Frieden herrschen oder ob die Herstellung oder der Gebrauch historischer Gegenstände dargestellt werden soll (278). Dabei vermögen Dioramen als Instrumente der Kontextualisierung dem Besucher auch ohne ein gewisses Maß an Vorkenntnissen einen unmittelbareren Zugang zu ermöglichen. Hingegen gelingt dies Objektpräsentationen in Gestalt von Meisterwerken oder als Teil einer Reihung nur bedingt. Aber auch die Grenzen der Leistungsfähigkeit bzw. Repräsentation von Dioramen werden am Beispiel der Präsentation des Unausstellbaren wie der Shoa verdeutlicht (428).

Gall und Trischler bieten mit ihrem Sammelband einen guten Überblick über die historischen Entstehungszusammenhänge der Dioramen als Präsentationstechniken für die Museen am Ausgang des 19. Jahrhunderts. Darüber hinaus ermöglichen die einzelnen Beiträge einen Einstieg in Geschichte und Entwicklung einzelner Dioramen und Dioramengruppen. Die Beiträge sind reichhaltig bebildert und erhöhen dadurch die Lesbarkeit. Verschiedene Register stehen zu Recherche- und Nachschlagezwecken zur Verfügung. Die Auswahl und Zusammensetzung der einzelnen Dioramen bietet einen guten Querschnitt über Möglichkeiten und Grenzen ihrer Potenziale. Wenn auch der einführende Überblick bereits zusammenfassender Natur ist, hätte es dem Werk gutgetan, ein Schlusskapitel mit der Darstellung der großen Entwicklungslinien unter Bezugnahme auf die einzeln vorgestellten Dioramen anzufügen. Auch eine weiterführende Bibliografie hätte den Gehalt dieses Bandes noch steigern können.


Daniel Oelbauer

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Empfohlene Zitierweise:

Daniel Oelbauer: Rezension von: Alexander Gall / Helmuth Trischler: (Hgg.) Szenerien und Illusion. Geschichte, Varianten und Potenziale von Museumsdioramen, Göttingen: Wallstein 2016
in KUNSTFORM 18 (2017), Nr. 4,

Rezension von:

Daniel Oelbauer
Münchener Zentrum für Lehrerbildung, Ludwig-Maximilians-Universität, München

Redaktionelle Betreuung:

Nils Freytag