Rezension

Daniela Bohde: Kunstgeschichte als physiognomische Wissenschaft. Kritik einer Denkfigur der 1920er bis 1940er Jahre, Berlin: Akademie Verlag 2012, ISBN 978-3-05-005558-9, 69.80 EUR
Buchcover von Kunstgeschichte als physiognomische Wissenschaft
rezensiert von Maria Männig, Institut für Kunstwissenschaft und Medientheorie, Staatliche Hochschule für Gestaltung, Karlsruhe

Entgegen der eng gesetzten historischen Klammer entpuppt sich Daniela Bohdes Frankfurter Habilitationsschrift als Fundamentalkritik der Fachwissenschaft mit aktueller Schlagseite. Firmiert die Kunstgeschichte neuerdings gerne unter dem Label einer vermeintlich objektiven 'Bildwissenschaft', so suggeriert der vom Historischen entstaubte Begriff die vollständige und unmittelbare Erkenntnis des Visuellen. Weniger evident ist jedoch, dass dieser Ansatz das Erbe der Physiognomik in sich trägt, einem Feld also, dessen Seriosität in Frage gestellt werden kann.

Eine der Kernthesen des Buches lautet, dass sich für den Zeitraum 1920-1940 nachträglich ein "physiognomic turn" konstatieren lässt. Dieser äußert sich auch jenseits der Fachgrenzen, insbesondere in der deutschsprachigen Kulturkritik über alle politischen Lager hinweg, beispielsweise im Leitmotiv des betrauerten Gesichtsverlusts. Als ihr Katalysator kann die durch die Verbesserung der Reproduktionstechniken ausgelöste Bilderflut in Fotografie und Film gesehen werden.

Im mediengeschichtlichen Rückblick erscheint dann Johan Caspar Lavaters gigantisches Bildarchiv, die "Physiognomischen Fragmente" (1775-1778), gewissermaßen als Vorgriff auf dieses Primat des Optischen. Die hier entwickelte visuelle Hermeneutik basiert auf der Evidenz der Bilder. Mit ihrer Hilfe beabsichtigte der Autor vom Aussehen auf den Charakter des Menschen zu schließen. Für die weitere Entwicklung zentral und zugleich fatal ist, dass Lavater im Geiste des Idealismus ästhetische und moralische Urteile verschmilzt. So steht das Schöne zugleich für das Gute und vice versa das Hässliche für das Schlechte.

Ein Kernbegriff bei Lavater ist der 'Charakter'; Bohde zeigt, wie dieser Begriff im 19. Jahrhundert zunehmend normativ aufgeladen und somit für die Kunstgeschichte relevant wird. So ist Heinrich Wölfflins Stilgeschichte letztlich ein Versuch der Charakterisierung von Kunstwerken. Insbesondere aber in seiner Dissertation, den "Prolegomena zu einer Psychologie der Architektur" (1886), präsentiert sich der spätere Münchner Ordinarius als Architekturphysiognom im Sinne des 18. Jahrhunderts. Allerdings unter Rückgriff auf die damals neue, ja avantgardistische Einfühlungspsychologie.

Hatte die Völkerpsychologie bereits im Laufe des 19. Jahrhunderts einzelnen Menschengruppen einen spezifischen Charakter zugeordnet, so lässt Bohde die "Rassenkunde" im 20. Jahrhundert beginnen. Am fachwissenschaftlichen Kernbegriff 'Stil' analysiert die Autorin Überschneidungen zwischen "Rassenforschern" und Kunsthistorikern. Dem Unbehagen an der viel kritisierten Stilvielfalt des 19. und 20. Jahrhunderts steht die Annahme gegenüber, dass eine einheitliche "Rasse" einen einheitlichen Stil hervorbringe. So erscheint der Stilbegriff bei Hitler janusköpfig: Er ist gleichzeitig utopisch-positiv mit der Erwartung des Kommenden sowie negativ mit der Verdammung des Zeitgenössischen aufgeladen.

Im sechsten der neun Kapitel erörtert die Autorin an den Protagonisten Wilhelm Fraenger und Hans Sedlmayr deren kunstphysiognomische Modelle. Auf letzteren konzentriert sich die Untersuchung im Anschluss. Sedlmayrs Ansatz war, so macht Bohde nachvollziehbar deutlich, geleitet von der Suche nach der authentischen Botschaft des Werks. Über drei paradigmatische Texte wird die Entwicklung seiner physiognomischen Denkfigur freigelegt. Die Autorin zeigt, dass Sedlmayrs "anschaulicher Charakter", die "kritische Form" sowie letztlich seine Symptomatologie, die er in "Verlust der Mitte" (1948) entwickelt, mit dieser identisch sind. Konzentrierte sich die Sedlmayr-Forschung bisher auf den vermeintlichen Bruch vom streng an wissenschaftlichen Prinzipien orientierten hin zu einem intuitionsgeleiteten Denken, so verdeutlicht die vorliegende Arbeit dessen Kontinuität.

In diesem Kontext steht auch die 'Gestalt' bzw. die Gestaltpsychologie. Als weiterer Schlüsselbegriff des 20. Jahrhunderts leitet sich der Gestaltbegriff aus Goethes Überlegungen zur Morphologie ab. Im 20. Jahrhundert wurde er ästhetisiert, (nationalistisch) politisiert und diente schließlich während des Nationalsozialismus als Bindeglied, das Naturwissenschaften und Geisteswissenschaften vereinen sollte. Zu differenzieren ist die Berliner und die Leipziger Schule der Gestaltpsychologie. Während man in Berlin einen experimentellen Ansatz verfolgt hatte, so entstand insbesondere durch die Emigration der Schlüsselfiguren eine Leerstelle. Diese besetzten die mit einem normativ-holistischen Gestaltbegriff operierenden Leipziger Forscher. Eben jener Shift, lässt sich im Werk Sedlmayrs nachzeichnen. Dass man jedoch keine Wissenschaft, auch nicht die Berliner Schule, vollständig von ihrer Verantwortung frei sprechen kann, das bemerkte bereits Lorenz Dittman, als er den Impetus der Gestalttheorie als "radikale[n], formalistische[n], gewissenlose[n] Ästhetizismus" kritisierte. [1]

Entlang der Konzepte 'Charakter', 'Stil' und 'Gestalt' arbeitet Daniela Bohde das implizit vorhandene physiognomische Erbe diskursanalytisch heraus. Die Breite, mit der die Argumentation angelegt ist, stellt dabei zugleich ihr Problem dar. So unabdingbar der historische Rückgriff für die Herleitung ist, geraten die Ausführungen dadurch - vor allem in der Kernuntersuchungszeit - trotz des hohen Informationsgehaltes streckenweise unübersichtlich. Besonders deutlich wird dies in der Zeit des Nationalsozialismus, dessen Akteure bekanntermaßen extrem heterogene Ansichten und Interessen, was die Feind- und Freundbilder innerhalb der Kunst anbelangt, vertraten. Es mangelt hier - leider wie fast immer in kunsthistoriografischen Untersuchungen - an einer stringent angewandten Analysemethode. Dabei wären entsprechende Instrumentarien im interdisziplinären Feld verfügbar.

Dennoch liefert die Autorin einen wertvollen Beitrag zur Selbsterkenntnis der Kunstgeschichte und ihrer Ideengeschichte. Neben der Langlebigkeit einzelner, inzwischen überholt geglaubter Paradigmen, macht das Buch darüber hinaus die Verantwortlichkeit von Forschung deutlich. Gerade die Wissenschaft mit ihrem Potenzial, Vorstellungen zu erzeugen kann damit ein wichtiger Generator von staatlicher oder politischer Macht werden.


Anmerkung:

[1] Lorenz Dittmann: Stil, Symbol, Struktur. Studien zu Kategorien der Kunstgeschichte. München 1967, 155.


Maria Männig

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Empfohlene Zitierweise:

Maria Männig: Rezension von: Daniela Bohde: Kunstgeschichte als physiognomische Wissenschaft. Kritik einer Denkfigur der 1920er bis 1940er Jahre, Berlin: Akademie Verlag 2012
in KUNSTFORM 14 (2013), Nr. 10,

Rezension von:

Maria Männig
Institut für Kunstwissenschaft und Medientheorie, Staatliche Hochschule für Gestaltung, Karlsruhe

Redaktionelle Betreuung:

Hubertus Kohle