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Kommentar

Kommentar zu Stefanie Lieb: Rezension von: Justinus Maria Calleen / Rolf Jessewitsch (Hgg.): das leben des menschen ist eingehüllt in farbe. georg meistermann zum hundertsten geburtstag, Berlin: damm und lindlar 2011, in: KUNSTFORM 12 (2011), Nr. 10

Sehr geehrte Frau Dr. Lieb!

Als einer der Autoren des von Ihnen rezensierten Katalog „Das Leben des Menschen ist in Farbe eingehüllt – Georg Meistermann zum hundertsten Geburtstag“ möchte ich hier mein Erstaunen über das von Ihnen abgegebene Urteil kundtun.

Zunächst stellen Sie fest, dass der vorliegende Katalog Georg Meistermann als Person durch unterschiedliche Beiträge näherbringen möchte und dies auch schafft. Sie erwähnen auch, dass die kunsthistorische Bedeutung seines Werkes schon in anderen Publikationen hinreichend aufgearbeitet wurde. Das stimmt nicht. Da haben Sie offensichtlich die anderen, sprich älteren Kataloge nicht gelesen, weil hier der neuste GM-Katalog-2011 tatsächlich viel Neues hervorbringt. In keiner anderen vorherigen Schrift wurde so dezidiert und tiefgehend das Schweben, die Schwinge, das Efeublatt, Farbe, die Biografie, Ikonologie, das künstlerische, persönliche, humanistische und gesellschaftspolitische Denken von GM etc. in einem Gesamtzusammenhang untersucht.

Fast im gleichen Atemzug bemängeln Sie dann wieder, dass die kunsthistorischen Ausführungen zu schwach seien. Dennoch erkennen sie die Intention und den Schwerpunkt des Kataloges an. Und Sie bauen Ihre Kritik an etwas auf, was nicht im Mittelpunkt stehen sollte. Insbesondere kritisieren Sie den Aufsatz von Frau Dr. Liane Wilhelmus, dessen noch nicht veröffentlichte Dissertation Sie zuvor als Grundlagenliteratur angegeben hatten. Dabei bringt auch u. a. Wilhelmus in ihrem Aufsatz viel Neues hervor, was vorher noch nicht so systematisch und übersichtlich untersucht wurde. Wie kommen Sie eigentlich zu dieser Einstufung der noch nicht erschienen Dissertation, die Sie doch gar nicht gelesen haben konnten? Da werden Fakten und Kompetenzen von Ihnen in Anspruch genommen, die Sie gar nicht einzulösen können. Darüber hinaus zeigen Ihre Ausbildung, Arbeitsschwerpunkte und Kompetenzen, dass Sie weder in der zeitgenössischen Kunst noch in der NS-Kunst zu Hause, sprich fachwissenschaftlich damit vertraut sind. Überhaupt Ihre überscharfe Wortwahl und vehemente Emotionalität fernab jeder Sachlichkeit, Distanz und Wissenschaftlichkeit zeigen, dass Sie wohl eine persönliche und verunglimpfende Fehde - in welchem Auftrag auch immer - gegen Dr. Calleen beabsichtigen.

Es fällt auch auf, dass Sie die Zusammenstellung der Aufsätze lediglich als heterogen bezeichnen. Worin diese Heterogenität besteht, erläutern Sie in Ihrer Rezension keineswegs. Dies wäre aber doch für den Leser interessant gewesen und eine solche nähere Beschreibung wird von einer Rezension erwartet. Zu den weiteren wichtigen Aufsätzen gehören ferner u.a. die Beiträge von Herold, Miller, Rosen, Schreiter, Siebenborn, Domes, Mitscherlich etc., die viele neue Facetten hervorgebracht haben. Die Summe der Katalogbeiträge ist nicht heterogen, sondern ergänzen sich in homogener und dialogischer Weise, um gerade die vielteiligen Facetten von GM als Person und Künstler detailreich aufzuzeigen. Zusätzlich wurde in keiner vorherigen Schrift so übersichtlich und systematisch die Original-Quellen und themenzentrierten Aussagen von GM zusammengefasst. Grundliegend neue Aspekte, wie sie u.a. der Aufsatz von Herrn Rosen zur Rezeption des Willy-Brandt-Porträts („Eingeholt von neuer Verfemung“) oder von Herrn Prof. Schreiter zur Bedeutung der Kartons für die Glasfenster („Keine Frage, da hatte ich es mit einem Souverän der Polychromie zu tun!“) erwähnen Sie gar nicht. Hier sind grundliegende Aspekte für die weitere Beschäftigung mit Georg Meistermann gegeben. Gleichfalls führen die vorherigen Aufsätze auch auf den von Ihnen am stärksten kritisierten Text von Knorr, Küpper und Schnitzler zum „Wittlicher Skandalon“ (zit. nach Frank Olbert, Kölner Stadt-Anzeiger, zur Wittlicher Scherl-Ausstellung) hin.

An den Ausführungen von Dr. Calleen bemängeln Sie, dass er zu sehr in psychoanalytische Deutung liefert. Dabei sind seine psychoanalytischen Deutungen im gleichen Katalog von der Psychoanalytikerin Dr. Mitscherlich bestätigt und zusätzlich ergänzt worden. Wenn Sie sich mit Meistermanns Biographie auseinandergesetzt hätten, wäre Ihnen sicherlich aufgefallen, dass GM mit einer sehr ausgewiesenen und hoch angesehenen Psychoanalytikerin verheiratet war und somit die psychoanalytischen Aspekte in seinem Leben von großer Wichtigkeit waren. Im Katalog kommt mit Frau Dr. Margarete Mitscherlich eine weitere und international hoch angesehene Psychoanalytikerin zu Wort, die sich zu den Vorfällen in Wittlich äußert. Dieses Interview übergehen Sie komplett und verbeißen sich lediglich in einer nicht endenden Tirade gegen Herrn Dr. Calleen. Da war wohl Ihre Absicht. Ihre Rezension erweckt geradewegs den Eindruck als hätte Herr Dr. Calleen diesen Katalog alleine verfasst. Dies ist aber nicht so. Wie kommen Sie eigentlich darauf den anderen Autoren und den beiden Herausgebern persönlicher Betroffenheit zu unterstellen?

Den von der Kunsttherapeutin Ursula Knorr, dem Historiker PD Dr. Thomas Schnitzler und mir verfassten Aufsatz über den „Wittlicher Skandal“ erscheint Ihnen ein überflüssiges Ärgernis. Dies finde ich sehr erstaunlich, denn falls Sie die vorherigen Katalogbeiträge gelesen hätten, wäre Ihnen aufgefallen, dass es in Wittlich nicht um einen Provinzposse geht. Im Gegenteil. Das ist doch ein Skandal von großem, überregionalem Ausmaß. Zum einem hat sich Georg Meistermann stets gegen die nationalsozialistisch geprägte Kunst öffentlich aufgelehnt und für die Freiheit der Kunst gekämpft. Von daher wäre eine Ausstellung des Bildhauers Hans Scherl in einem nach ihm benannten Museum in mehrfacher Hinsicht ein nicht hinnehmbarer Affront gewesen. Das bestätigten zwei unabhängige Fachgutachten, siehe unser Katalogbeitrag. GM hatte in den 1960er Jahre seinen Lehrstuhl an der Münchener Kunstakademie unter öffentlichem Protest aufgegeben, als ein ehemaliger NS-Künstler dorthin zum Professor berufen wurde. Dazu hat sich GM groß und breit öffentlich geäußert - siehe Katalogbiografie. GM wollte im direkten Umgang nach 1945 mit NS-Künstlern nichts zu tun haben. In den 1950er Jahren konnte er eine Würdigungsausstellung von dem NS-Künstler Werner Peiner verhindern - alles im neusten GM-Katalog in der GM-Biografie nachzulesen. GM hätte niemals eine "Jubiläumsausstellung zu Ehren und Würdigung" von dem NSDAP-Parteimitglied und Oberscharführer der Hitler-Jugend Hanns Scherl und seiner eingefärbten NS-Kunst in seinem Museum nicht im Entferntesten geduldet. Das alleine sagt Ihnen die GM-Biografie und die umfangreichen Originalzitate von GM im Solinger GM-Katalog-2011. Zum anderen haben die Wittlicher Stadtverwaltung und die Fraktionen des Stadtrates (CDU und FDP) massiv gegen den Kunstfreiheitsartikel 5 Abs.3 des Grundgesetztes verstoßen, indem sie dem Museums- und Kulturamtsleiter einen politischen Fünfjahres-Ausstellungsplan aufoktroyiert haben. Alles detailreich im Katalog nachzulesen. Das alles verschweigen bzw. "verleugnen" Sie. Warum? Entweder haben Sie von den ganzen Zusammenhängen keine Ahnung oder Ihnen geht es auch nur um verschweigen und "verleugnen" (siehe Definition des "Verleugnens“ von A. und M. Mitscherlich im Katalog) oder man hat Sie aus dem Wittlicher Scherl-Kreis einfach nur mit höchst einseitigen Informationen aufgestachelt?

Es ist verwunderlich, dass Sie bei Ihrer Kritik auf die Argumentation einiger Wittlicher Bürger, wie den Gymnasiallehrer F.J. Schmit (Deutsch und ehemals kath. Religion) und der Kuratorin E.M. Reuther (freie Journalistin ohne jegliche akademische Ausbildung) zurückgreifen, die 2010 versuchten, die Verfolgung Meistermanns durch die Nationalsozialisten in Frage zu stellen und gleichzeitig die nationalsozialistischen Verstrickungen von Hanns Scherl zu negieren. Diese Argumentation ist mir ausschließlich von den Initiatoren der Hanns-Scherl-Ausstellung bekannt und wissenschaftlich nicht haltbar. Dass Sie die Klassifizierung Hanns Scherls als Künstler in der Tradition der nationalsozialistischen Kunstideologie als überzogen einstufen, zeichnet Sie nicht als neutrale, sondern mit diesen Fachgebiet nicht vertrauter Kunsthistorikerin aus. Sicherlich war Hanns Scherl nicht in den Ausstellungen im Haus der Kunst in München zu sehen. Da hat mangelndes kunsthandwerkliches Können sicherlich eine wichtige Rolle gespielt. Sein Werk „Jugend im Arbeitsdienst“ erhielt jedoch vom nationalsozialistischen „Kulturverband Moselland“ den ersten Preis, weitere Ehrungen, seine NSDAP- und Oberscharführer-Kader-Mitgliedschaft in der Hitler-Jugend sind ebenfalls bekannt. Hanns Scherl mangelte es in umfangreicher Weise an künstlerischer Qualität und Eigenständigkeit. Dies befreit ihn aber nicht von seinen evidenten nationalsozialistischen Verstrickungen, auch wenn er qualitativ lediglich als mittelmäßiger Kunsthandwerker einzustufen ist. Die mangelnde Qualität ist nur ein weiteres Argument, ihn nicht in einem national und international ausgerichtetem Museum, das nach einem international bekannten Künstler (= Georg-Meistermann-Museum Wittlich) benannt ist, ausstellen zu können. Auch dieser internationale Arbeits- und Verhaltens-Codex (siehe ICOM) der Museen müsste Ihnen geläufig und bekannt sein.

Es ist erschreckend, dass Sie sich als Kunsthistorikerin zu solchen unkundigen und einseitigen Urteilen durch Wittlicher Einflüsse verleiten lassen, auch wenn die Werke von Scherl nicht so leicht ausfindig zu machen sind und Ihnen die Kenntnisse dafür offensichtlich gefehlt haben. Das hätte nämlich äußerst viel Arbeit und sehr viel Zeit von Ihnen abverlangt. Dabei ist auffallend, wie sehr die Arbeiten Scherls in Ikonographie, Formauffassung und Komposition denen von Arno Breker und der allgemeinen NS-Ästhetik ähneln. Auf welche Werke Scherls stützen Sie eigentlich Ihre Einschätzung, dass es sich bei Hanns Scherl um keinen Bildhauer in der Tradition der nationalsozialistischen Kunstideologie handeln soll? Ihnen das Gegenteil zu beweisen, ist dagegen ein Kinderspiel.

Nach Ihren sehr einseitig und sehr oberflächlich verfassten Ausführungen bezweifele ich, dass Sie diese neusten Beiträge überhaupt alle gelesen haben. Die hier aufgezählten, äußerst schwer wiegenden Mängel ihrer Rezension und Ihre ständigen, infamen Angriffe gegen Herrn Dr. Calleen lassen die Vermutung zu, dass es sich hier wohl möglich um eine politisch gefällige Rezension handelt und Sie diese im Auftrag der Stadt Wittlich, Bürgermeister Joachim Rodenkirch, Elke Scheid sowie über die Verbindung von Frau Dr. Caroline-Theresia Real vom Germanisches Nationalmuseum Nürnberg, deren Chef Prof. Dr. G. Ulrich Großmann und die Wartburggesellschaft, wo Sie und Dr. Großmann zusammenarbeiten, als Gefälligkeit verfasst haben? Frau Dr. Real hat ebenfalls über sehr viele Monate mit und in Wittlich mit BM Joachim Rodenkirch und Elke Scheid eng zusammengearbeitet. Aber gerade dann wäre Ihnen eine intensive Lektüre unseres Artikels, den wir mit Herrn Rodenkirchs Hitlerzitat (dies bezeichne ich als solches, da sich Herr Rodenkirch selbst auf mehrere Anfragen nie davon distanziert hat und man davon ausgehen muss, dass er die Wortwahl bewusst wählte.) überschrieben haben, anzuraten.

Ebenfalls wäre eine wissenschaftlich seriöse Beschäftigung mit dem Werk von Scherl für Sie mit Sicherheit sehr bereichernd. So könnten Sie einmal über die Freiheit von Kunst und Forschung und Ihren politisch unabhängigen Wissenschaftsbegriff reflektieren.

Inzwischen kann ich belegen, dass Ihre Rezension in Wittlich u. a. von einer Person verteilt, die mit über 90 Jahren gar nicht in der Lage ist, mit dem Internet umgehen zu können. Selbst das Schreiben fällt ihm schwer. Diese Person gehört zu den glühenden Scherl-Verehrern. Wie kommt diese Person eigentlich an Ihre Rezension. Die Stadtbücherei- und Kulturamtsleiterin Elke Scheid bringt ebenfalls Ihre Rezension im Umlauf, um ein anderes Museum aufzufordern, den GM-Katalogverkauf zu verhindern bzw. verbieten. Dabei beruft sich Elke Scheid auf das Museum Solingen, dass ebenfalls den Katalogverkauf durch Verbot eingestellt haben soll, was gar nicht stimmt und somit eine glatte Lüge von Frau Scheid ist. Das Kunstmuseum Solingen verkauft selbstverständlich den Katalog weiter und das mit guten Gründen.

Wissen Sie eigentlich mit welchen Leuten und mit welchen politischen Intentionen Sie sich da zusammengetan haben? Dann lesen Sie bitte unseren Text gründlich durch.

Um Sie selbst mit Ihren eigenen Worten abschließend zu zitieren, ist es "peinlich", mit anzusehen, wozu Sie das Fach Kunstgeschichte und Ihre Rezension instrumentalisieren. Das ist nicht nur "schade", sondern schlichtweg besorgniserregend und erschreckend für eine unabhängige Kunstwissenschaft!

Mit freundlichen Grüßen

Norbert Küpper M.A., Kunsthistoriker

Norbert Küpper M.A., Kunsthistoriker
www.atelier-knorr-küpper.de